06.06.2009 · Sebastian Vettel hat noch Chancen, Jenson Button auf dem Weg zum Formel-1-Titel einzuholen. Dazu aber müsste der Hesse in der Türkei wohl gewinnen - und sein Dienstwagen erweist sich als sehr anfällig.
Von Michael Wittershagen, IstanbulMehr als ein Dutzend Fotografen haben ihre Objektive auf ihn gerichtet, einer kniet direkt vor seinem Cockpit. Aber Sebastian Vettel scheint sie überhaupt nicht wahrzunehmen. Sein Blick ist starr geradeaus gerichtet, er zieht das Visier seines Helmes herunter, der Motor wird gestartet, er brüllt, die Mechaniker nehmen die Heizdecken von den Reifen und wenige Sekunden später ist Vettel auf der Strecke des Istanbul Park verschwunden. Es ist kurz nach zehn Uhr am Freitagmorgen, und vermutlich hat für den 21 Jahre alten Heppenheimer in diesem Moment die letzte Möglichkeit begonnen, am Ende dieser Saison in der Formel 1 der neue Weltmeister zu sein. Er muss den Großen Preis der Türkei gewinnen, schließlich trennen ihn nach sechs Rennen schon 28 Punkte vom WM-Führenden Jenson Button, und seine Botschaft an den Briten ist eindeutig: „Es wird heiß am Sonntag“, sagte Vettel vor dem ersten Training: „Jenson sollte sich nicht allzu warm anziehen – ansonsten schwitzt er zu sehr.“
Vettel will Druck aufbauen, so gut das in dieser Situation eben geht. Bei den vergangenen drei Grand Prix ist Button als Erster über die Ziellinie gefahren, und kaum einer im Fahrerlager zweifelt noch daran, dass der Neunundzwanzigjährige im Brawn GP Anfang November den Titel gewonnen haben wird. Nur Button selbst gibt sich zumindest in der Öffentlichkeit verhalten. Natürlich lächelt er viel in diesen Tagen, er scherzt mit den Mechanikern – aber seine Sätze passen nicht wirklich zu dieser äußeren Gelassenheit: „Es kann noch alles passieren“, sagt er. Oder: „Eigentlich habe ich jetzt noch gar keine Lust, über den möglichen Gewinn der Weltmeisterschaft zu sprechen.“
Nur einer konnte Button in diesem Jahr schlagen: Vettel
Dabei müssten die Gefühle eigentlich nur so aus ihm heraussprudeln. Seit 2000 gehört der Mann aus Frome in Südengland zur Formel 1, aufgefallen ist er seitdem nur selten. Zumindest nicht durch seine sportlichen Leistungen. Er galt als großes Talent, aber bis zum Saisonbeginn in diesem Jahr gewann er von 153 Rennen nur ein einziges. Sein Leben war trotzdem beeindruckend. Button liebte die Frauen, er feierte wilde Partys, zog nach Monaco und kaufte sich eine Yacht, die „Little Missy“. Schnell haftete ihm das Image eines Playboys an – und das will er jetzt so schnell wie möglich wieder loswerden: „Seit ich Rennen gewinne, bin ich ein richtiger Langweiler geworden, ich denke nur noch an das Auto.“ Eine Einstellung, zu der ihm Teamchef Ross Brawn verholfen hat. „Als er zu mir kam, musste ich Jenson erst die Arbeitsethik von Michael Schumacher aufzwingen: Komm als Erster zur Rennstrecke – und gehe als Letzter nach Hause.“ Seit dem Auftaktrennen in Melbourne zeigt das Team vom Ende der Boxengasse den Konkurrenten regelmäßig das Heck – nur ein junger Mann hat seitdem außer Button gewonnen: Vettel.
Vielleicht ist der Deutsche schon jetzt, was Button viel früher hätte werden sollen: abgeklärt, vollkommen auf das Ziel fokussiert. Einer, der dank seines Tempos, seines technischen Verständnisses innerhalb weniger Monate mit Red Bull zu einem Spitzenteam aufgestiegen ist. Neben Button und Brawn GP sind Vettel und Red Bull die eigentlichen Sensationen der bisherigen Saison. Sogar Ferrari und McLaren-Mercedes hat die Fahrgemeinschaft hinter sich gelassen. Die Chance will sich Vettel nicht entgehen lassen. Denn wie schnell sich die Kräfteverhältnisse in der Formel 1 wieder umkehren können, erlebt gerade Robert Kubica: In der vergangenen Saison hatte sich der Pole lange Hoffnung auf den Titel gemacht, nun ist er im BMW-Sauber einer von fünf Piloten, die nach sechs Rennen noch keinen einzigen Punkt gewonnen haben. „In der Formel 1 kann immer alles passieren“, sagt Vettel. Genau darauf baut er seine Hoffnungen auf.
Der Red Bull ist anfällig: Motorschaden im Training
Zum zweiten Mal gehen die beiden Red Bull an diesem Wochenende mit dem neuen Doppel-Diffusor an den Start. „Er sollte uns helfen“, sagt Vettel. Auch wegen dieses aerodynamischen Bauteils am Unterboden der Boliden, so die Experten, waren Button und Barrichello im bisherigen Verlauf dieser Saison überlegen. Aber für Vettel rückt das Vergangene in den Hintergrund, er schaut nur noch in die nähere Zukunft: „Es können noch genügend Punkte gesammelt werden. Wenn man rein mathematisch an die Sache rangeht, dann ist noch alles möglich.“
Die Resultate aus dem Training am Freitag bestätigen ihn zunächst in dieser Ansicht: Am Vormittag wurde er Vierter und Button Elfter, am Nachmittag aber fiel der Deutsche schon nach drei Runden wegen eines Motorschadens an seinem Boliden aus. Dennoch reichte es für die fünftbeste Zeit, während der Brite nur auf Position zwölf kam. „Natürlich ist das kein Vorteil für uns. Der Freitag ist mit Blick auf die Abstimmung für das Rennen der wichtigste Tag. Da haben wir Zeit verloren.“ Vettel sah in diesen Momenten ernster und nachdenklicher aus als noch am Vormittag. Der Red Bull ist anfälliger, als er es sein darf in einem solch harten Zweikampf. Doch die Panne überspielte der Hesse mit Trotz: „Aufgeben werde ich auf keinen Fall.“