13.12.2009 · Der Formel-1-Traum rückt näher: Nie war Rekordweltmeister Michael Schumacher einem Mercedes-Cockpit näher. Hinter den Kulissen wird vorbereitet, einige juristische Hürden müssen aus dem Weg geräumt werden. Unterschrieben ist noch nichts.
Von Anno Hecker und Michael WittershagenEs ist nichts unterschrieben. Michael Schumacher hat keinen Vertrag mit Mercedes Grand Prix. Noch nicht. Doch Mercedes spart in diesen Tagen schon mal indirekt Geld für die Verpflichtung des siebenmaligen Formel-1-Weltmeisters. Kaum ein Rad dreht sich zurzeit, sieht man von den wenigen Testfahrten ab. Trotzdem steht der neue Rennstall Mercedes Grand Prix ständig in den Medien; dabei hat der Konzern bislang weder einen Cent für Werbung noch für Schumacher ausgegeben. Allein die Chance einer deutsch-deutschen Allianz macht es möglich.
Zwar wehren sowohl Mercedes als auch Schumachers Ratgeber die Sturmangriffe wie am Samstag über Telefon routiniert ab. Aber das gehört zum Geschäft, bevor so komplizierte wie bezaubernde Konstruktionen spruchreif sind. Zu den Wahrheiten dieser Weihnachtszeit gehört also auch diese: Nie war der Rekordmann der Formel 1 einem Silberpfeil näher.
Wäre die Hochgeschwindigkeits-Branche an der Börse notiert, die Analysten würden von atemraubenden Kurssteigerungen sprechen. Die Branche nämlich jubelt. Bernie Ecclestone, Chefmanager und allererster Geldzähler (in Millionenschritten), reibt sich die Hände: „Das wäre magisch.“ Grand-Prix-Promotoren, nicht nur in Deutschland von der Wirtschaftskrise gebeutelt, schließen den Rheinländer in ihr Nachtgebet ein. Nico Rosberg, bei Mercedes Grand Prix bereits als Pilot bestätigt, würde sich mächtig freuen. Denn Schumacher verspricht Kasse und Klasse.
Dieser vor zwei Monaten noch unerhoffte Gewinn aber bereitet auch Schmerzen. Zumindest in Italien. Angeblich ist die Trennung von Ferrari eine nicht zu unterschätzende Hürde. Schumacher hatte sich mit Ferrari-Boss Luca die Montezemolo auf eine Verlängerung seines Berater-Vertrages geeinigt. Mündlich. Neben der nüchternen, juristischen Seite hat die angestrebte Lösung aber auch eine menschliche. Hätte jemand nach den Treueschwüren und Liebeserklärungen geglaubt, die bislang einzigartige Erfolgsgemeinschaft in der Geschichte der Formel 1 werde sich jemals trennen?
Bei Ferrari war kein Platz mehr
Noch immer schwärmt Schumacher, der aus einer Kiesgrube in Kerpen hinausschoss in eine glänzende (Um-)Laufbahn, von seinen Familienerlebnissen zwischen 1996 und 2006. Aber immer standen dabei bestimmte Menschen mehr als das sogenannte Ferrari-Gefühl im Vordergrund: vor allem Jean Todt, der damalige Rennleiter, und Ross Brawn, der kongeniale Partner Schumachers an der Boxenmauer. Todt ist inzwischen Präsident des Internationalen Automobil-Verbandes (Fia) – nach einer Trennung von Maranello nicht gerade im Frieden. Und Brawn wird bei Mercedes Grand Prix als Teamchef wirken.
Die Abschiede der Freunde haben die Verbindung Schumachers zu Ferrari wohl gelockert. Dazu kommt die ungewohnte Rolle. Zuschauen, statt steuern, herumstehen, statt Gas geben im Fahrerlager der Formel 1. Ins Management wollte und will der bald 41 Jahre alte Deutsche nicht: „Ich am Schreibtisch? Kannste vergessen“, sagte Schumacher dieser Zeitung kurz vor seinem ersten Rücktritt. Die Haltung hat sich nicht geändert. Er stimmt die Straßenwagen von Ferrari zur Freude der Sportwagen-Ingenieure akribisch ab.
Aber an der Rennstrecke wirkte der Rheinländer zuletzt wie das fünfte Rad am Wagen: Ohne Sitz am Kommandostand schien er nicht mehr vollständig integriert. Sein Engagement, für den verletzten Felipe Massa einzusteigen, führte vor Augen, was Schumacher nach wie vor treibt: die Lust aufs Rennfahren. Ferrari aber hat den Plan, 2010 drei Autos einzusetzen, längst aufgegeben. Massa ist wieder gesund. Und der neue Mann, der zweimalige Weltmeister Fernando Alonso, wird sich breitmachen wie einst Schumacher. Im Grund ist kein Platz mehr bei Ferrari für einen Weltstar.
Was Barrichello mit 37 Jahren kann, das kann Schumacher mit 41 locker
Ob der impulsive Ferrari-Präsident Luca di Montezemolo seinen „Michele“ nach der Vereinbarung über drei weitere Jahre aber so ohne Weiteres ziehen lässt? „Wir sind kein Gefängnis“, hieß es aus Maranello gegenüber dieser Zeitung. Längst, so erfuhr diese Zeitung, haben die Italiener den Wunsch ihres ehemaligen Chefpiloten nach einem Comeback als ernsthafte Herausforderung verstanden. Schumacher im Silberpfeil? Eine solche Fahrgemeinschaft droht nicht nur vom Mythos in Rot abzulenken. Der Mann ist auch noch schnell. Ferrari weiß das am besten. Montezemolo hat Schumacher letztlich wieder aufs Pferd gesetzt. Bei der Versuchsfahrt im Sommer kam der Testpilot wieder auf den Geschmack.
Weil er sich nach wenigen Runden wieder auf dem Niveau von 2006, dem vorerst letzten Kampf um den WM-Titel, sah. Und dabei begriff, dass er nicht wie auf dem Motorrad Hals- und Beinbruch riskieren muss, um den Kick wieder spüren zu dürfen. Der Ausflug in die Rennszene auf Rädern hat ihn zwar wegen der (inzwischen vermutlich ausgeheilten) Schädelverletzung beim Sturz im vergangenen Januar vom Einsatz bei Ferrari abgehalten. Dafür aber ist Schumacher mit seinem Zeitvertreib am Limit im Rennen geblieben. In den drei Jahren nach seinem Rückzug Ende 2006 hat er seine Reaktionen weiter trainiert, nie das Tempogefühl noch die Gewöhnung der Augen für den Speed verloren. Schon gar nicht die Bereitschaft, bis ins Getriebe zu kriechen, wenn es hakt. Neulich, bei Kartrennen in Brasilien, zog er sich zum Studium der Abstimmung ins Hotel zurück. Am nächsten Tag lief es dann: Erster und Zweiter, Gesamtsieger vor Felipe Massa und anderen Formel-1-Fahrern.
Bei Mercedes Grand Prix betrachtet man die Fitness des Deutschen als Ansporn für die Rennwagenkonstrukteure. Der Bolide, hieß es, müsse nur gut genug sein. Denn was ein Rubens Barrichello mit 37 Jahren zustande gebracht habe, nämlich den Weltmeister Jenson Button in der zweiten Saisonhälfte auf Abstand zu halten, könne ein Schumacher mit 41 ja wohl aus dem Stand. Natürlich sei dieser Vergleich nur ein Gedankenspiel, ganz theoretisch. Es ist ja noch nichts unterschrieben.