01.02.2010 · Bei seinem ersten Test kommt Michael Schumacher gut über die Runden. Schnell unterbietet er die Bestzeit des Teamkollegen Nico Rosberg - und kann in Valencia schon im Ansatz erleben, auf was er sich da eingelassen hat.
Von Michael Wittershagen, ValenciaEr ist zurück und konnte zumindest schon im Ansatz erleben, auf was er sich da eingelassen hat. Es waren nur wenige Kilometer, die Michael Schumacher am Montag in seinem neuen Mercedes gerast ist, aber sie reichten, um aus den ersten Testfahrten des Jahres in Valencia ein kleines Spektakel zu machen. Auch weil der Einundvierzigjährige schon andeutete, dass mit ihm zu rechnen ist in dieser Saison.
Etwas mehr als eine halbe Stunde auf der Piste genügte ihm, um die persönliche Bestzeit seines Teamkollegen Nico Rosberg zu unterbieten. Am Ende des Tages war er Drittschnellster – Schumacher ist wieder im Rennen. „Ich habe mich gefühlt, wie ganz am Anfang meiner Karriere“, sagte er später. „In der ersten Runde dachte ich noch: Wow ist das schnell! Aber ab der zweiten Runde wusste ich, dass ich das geregelt bekomme.“
Letzteres galt auch für die Nebenwirkungen abseits der Strecke. Ständig bewegte sich Schumacher unter dem medialen Brennglas, Fernsehsender schalteten immer wieder an den Ort des Geschehens und suchten nach Neuigkeiten, die es lange nicht gab. Bis sich Rosberg am frühen Nachmittag äußerte. „Es ist schon ein bisschen schwierig“, sagte er über die Rollenverteilung im Team. „Hundert Kameras sind auf Michael gerichtet, eine auf mich. Da muss ich mich halt dran gewöhnen. Lernen, dass es so ist.“
Schumacher lächelte erhaben, Rosberg mit ernster Miene
Mit dieser Aussicht hatte der Tag für ihn begonnen. Um kurz nach neun öffnete sich das Garagentor mit der Nummer 25, und die Mechaniker rollten den neuen Boliden auf den Asphalt. Bei der offiziellen Teampräsentation vor einer Woche in Stuttgart war lediglich der Vorjahres-Brawn im neuen Farbkleid vorgestellt worden, Teamchef Ross Brawn wollte keine Zeit bei der Entwicklung verlieren.
Erst in der Nacht zu Sonntag wurde deshalb der so genannte MGP W01 in Einzelteilen aus England nach Valencia geflogen, stundenlang setzten die Mechaniker den Boliden an der Strecke zusammen. Am Montag war der Silberpfeil erstmals mit den beiden Fahrern in der Öffentlichkeit vereint. Fotografen aus aller Welt machten ihre Bilder, Schumacher lächelte erhaben über diese Situation – und Rosberg stand mit ernster Miene daneben. Jeder konnte sehen, wer von beiden der Chefpilot ist.
Dabei war es der Jungspund, der am Vormittag als Erster der beiden auf die Strecke ging. Ein durchaus historischer Moment, sind die Stuttgarter Autobauer doch erstmals seit 1955 wieder voll verantwortlich für ein Team in der Formel 1. Bis in den frühen Nachmittag hinein kreiste Rosberg 39 Mal um den Kurs, nur Felipe Massa im Ferrari und Pedro de la Rosa im BMW-Sauber waren zu diesem Zeitpunkt schneller als der gebürtige Wiesbadener.
„Das muss man gar nicht interpretieren oder bewerten“
Dabei hatte er offenbar mit ganz speziellen Problemen zu tun. „Die Sitzposition war zu tief. Ich habe die Strecke nicht gesehen.“ Ohnehin wollte er den Zeiten noch keine Bedeutung geben. „Das muss man gar nicht interpretieren oder bewerten.“ Da wusste er noch nicht, dass ihn Schumacher kurz danach zum ersten Mal überholen würde.
Den Ingenieuren von Mercedes GP ging es bei der ersten Ausfahrt nach der Winterpause indes vor allem um Funktionstests, die neue Entwicklungsstufe sollte erstmals unter Realbedingungen geprüft werden. Die erste Erkenntnis von Rosberg: „Man spürt, dass beim Bremsen auf der Vorderachse ein bisschen weniger Grip ist.“ Der Grund: Die Vorderreifen sind im Vergleich zum vergangenen Jahr deutlich schmaler geworden.
„Michael kann eine Menge einbringen in das Team“
Bis zum ersten Grand Prix der neuen Saison am 14. März werden die Boliden Stück für Stück weiterentwickelt. „Das Auto wird bis Bahrein völlig verändert“, sagte Mercedes-Teamchef Ross Brawn. Acht Weltmeisterautos hat der 55 Jahre alte Engländer in seiner Formel-1-Karriere bisher entwickelt, in sieben von ihnen durfte Schumacher jubeln. Auch deshalb ist Brawn weiter von dessen Qualitäten überzeugt. „Michael kann eine Menge einbringen in das Team“, sagte er. „Nicht nur seine Performance, sondern auch seine Motivation. In der Fabrik sind alle ganz aufgeregt, weil sie mit ihm zusammenarbeiten dürfen.“
Diese positive Anspannung war den gesamten Tag spürbar, und sie erlebte ihren Höhepunkt, als sich Schumacher auf seinen ersten Einsatz vorbereitete. Um kurz nach zwei bauten die Mechaniker seinen Sitz ein und passten die Pedale an. Um 15:18 Uhr kam Schumacher aus dem Wohnwagen, die Fans jubelten, und er winkte gelassen Richtung Tribüne. Kurz vor seinem Rückzug 2006 hatte ihn der ständige Rummel um seine Person noch viel Kraft gekostet.
Schumacher wohnt in einem luxuriösen Wohnmobil
Um 15:25 Uhr öffnete sich bei Mercedes abermals das Garagentor, Rosberg gab davor gerade ein Fernsehinterview, doch der Kameramann schwenkte sofort nach links und nahm das Cockpit des Silberpfeils in den Fokus. Zwei Minuten später brüllte der Motor, und um 15.29 Uhr gab Schumacher erstmals wieder Gas auf der Strecke. Gebremst wurde er nur dadurch, dass Rubens Barrichello mit seinem Williams im Kiesbett landete, und die Streckenposten die Rote Flagge schwenkten. 40 Runden absolvierte Schumacher insgesamt – das Fazit war vielversprechend: „Ich hatte keine Probleme.“
Am Abend zog sich Schumacher wieder in ein luxuriöses Wohnmobil direkt neben der Strecke zurück. Es ist eine Leihgabe von Bruder Ralf. Anders als so oft in der Vergangenheit übernachtete der Kerpener nicht in einem Hotel, er wollte ganz nah dran sein an seinem neuen Team und nach den Tests mit den Ingenieuren diskutieren. Zweifel ob seiner Rückkehr hat kaum jemand. „Das Talent verschwindet nicht“, sagte Teamchef Brawn. „Michael würde nicht zurückkehren, wenn er sich nicht sicher wäre, dass es klappen kann.“ Genau das könnte zum Problem von Rosberg werden.