02.02.2012 · Als erstes Topteam der Formel 1 hat McLaren seinen neuen Boliden enthüllt. Mit eigenwilligen Ideen und einer noch verhüllten Lösung gelten die Briten als schärfste Herausforderer von Weltmeister Sebastian Vettel.
Von Hermann Renner, WokingDie Spannung ist fast so groß wie vor dem Start eines Grand Prix. Bevor die Decke von den ersten neuen Formel-1-Autos gezogen wird, fragt man sich, wie er wohl aussehen wird, der Formel-1-Jahrgang 2012. Man fürchtete, die neuen Regularien für die Nasen und den Auspuff könnten den Sinn für guten Geschmack verletzen. Wenn dem so ist, dann fällt der neue McLaren MP4-27-Mercedes nicht in diese Kategorie. Die 150 McLaren-Ingenieure haben ein schmuckes Auto gebaut, das Technikchef Paddy Lowe als „Evolution mit vielen neuen Denkansätzen“ bezeichnet.
Als die Piloten und Weltmeister Lewis Hamilton und Jenson Button das weiße Tuch von ihrem neuen Sportgerät gezogen hatten, richteten sich alle Blicke sofort auf den Auspuff. Wo mündet er ins Freie, wo bläst er hin, wie sieht die Karosserie in seinem Umfeld aus? „Jeder versucht einen Teil der Auspuffgase wieder einzufangen und für die Aerodynamik zu nutzen“, erklärte Teamchef Martin Whitmarsh. Die Regelhüter des Internationalen Automobil-Verbandes (Fia) hoffen, dass sie wenigstens 80 Prozent des Effekts eindämmen konnten, den der Auspuff, die Nutzung der Gase zur Produktion von Abtrieb, im vergangenen Jahr gebracht hat. Der sogenannte „Blown Diffusor“ senkte die Rundenzeiten um bis zu zwei Sekunden pro Runde.
Dazu wird es auch bei der schlauesten Anordnung des Auspuffs nicht mehr kommen. Projektleiter Tim Goss wollte sich auf Vergleichswerte nicht festlegen, doch der Entwicklungsansatz lässt erahnen, dass im Heck des McLaren viel Abtrieb verloren ging. „Wir haben das Anblasen des Diffusors besser genutzt als viele andere Teams. Das mussten wir schmerzhaft in Silverstone erfahren, als die Auspuffregeln für dieses eine Rennen eingeschränkt wurden.“ Es war den Ingenieuren am McLaren-Sitz in Woking in der englischen Grafschaft Surrey eine Lektion. „Deshalb haben wir uns beim MP4-27 mehr auf die klassische Aerodynamik konzentriert, eine, die nicht so stark vom Auspuff abhängig ist.“ Die Konsequenz ist ein extrem schlankes Heck, das stark an den Red Bull von 2011 erinnert.
Die Auspuffgase werden irgendwo auf halber Höhe der Seitenkästen ins Freie treten, dort wo die Verkleidung sich zu einer Beule auswächst. Wo genau, blieb offen. Die angedeutete Mündung ist ein Täuschungsmanöver. McLaren will sich nicht vor den Testfahrten kommende Woche in Jerez in die Karten schauen lassen, denn an der Positionierung des Endrohres ließe sich ablesen, wohin der Auspuffstrahl in Zukunft zielen soll. Vermutlich auf das untere Heckflügelelement.
Mit dem erwarteten Abtriebsverlust im Heck kam auch der Front des Autos große Bedeutung zu. „Letztes Jahr hatten wir so viel Abtrieb hinten, dass es schwer war, das Auto vorne auszubalancieren. Dieses Jahr erleben wir vielleicht das andere Extrem“, berichtete Jenson Button. Der WM-Zweite hat mit dem neuen Auto bereits die ersten Grand-Prix-Distanzen abgespult, virtuell, im Simulator. „Das gibt mir schon ein gutes Gefühl dafür, was mich nächste Woche in Wirklichkeit erwartet.“ Lewis Hamilton vertraut den Worten seines Teamkollegen.
Er nutzte den Winter, seinen Kopf von den schlechten Gedanken zu entrümpeln, die ihn in der abgelaufenen Saison abgelenkt haben. „McLaren gab mir extra Urlaub. Ich habe die meiste Zeit des Winters in Colorado verbracht“, ließ der Weltmeister von 2008 wissen. Er beschränkte sich auf Floskeln, die man jedes Jahr bei den Präsentationen neuer Autos hört: „Autos, die gut aussehen, sind normalerweise auch schnell.“
Es ist keine Selbstverständlichkeit, dass die neue Fahrzeuggeneration optisch gefällig aussieht. Das technische Reglement reduziert die Höhe der Nase von 62,5 auf 55 Zentimeter. Weil weiter der Wunsch besteht, möglichst viel Luft unter der Nase durchzuleiten, werden einige der neuen Autos in der Seitenansicht am Übergang zwischen Chassis und Nase eine hässliche Delle aufweisen. Der Rennstall Caterham, ehemals Lotus, zeigte schon, was auf die Fans zukommt.
McLaren hat es geschafft, den ganzen Vorderbau auf der neu geforderten Höhe zu halten. „Wir hatten vorne schon immer eine andere Philosophie als unsere Konkurrenz“, sagte Lowe. Er widerstand der Versuchung, dem Beispiel von Red Bull aus dem Vorjahr zu folgen. Man dürfe dabei nicht nur die Aerodynamik im Blickfeld haben, führt Lowe aus: „Eine tiefe Nase bedeutet auch einen tieferen Schwerpunkt und eine steifere Integration der Vorderachse.“
McLaren ist das Team, das Red Bull und Sebastian Vettel am ehesten gefährlich werden kann. Nicht nur, weil der englische Rennstall mit Hamilton und Button fahrerisch besser besetzt ist als jeder andere Rennstall im Feld. „Die sind wie Terrier. Man darf sie nie abschreiben. Selbst, wenn das Auto nicht gleich auf Anhieb funktioniert, kommen sie immer wieder zurück“, sagt Red-Bull-Berater Helmut Marko. Button bestätigt: „Die Erfahrung hat gezeigt, dass dieses Team mehr Entwicklungskapazitäten hat als andere. Wenn es eine Qualität gibt, die McLaren auszeichnet, dann ist es die, nie aufzugeben.“