19.10.2007 · Wenn zwei sich streiten, holt ein Dritter auf: Vom Auftauchen eines Neuen bis zum inneren Abschied ohne Ansehen: Anno Hecker über die Höhepunkte einer turbulenten Formel-1-Saison zwischen Handzeichen, Revanche und Abflug.
Wenn zwei sich streiten, holt ein Dritter auf: Vom Auftauchen eines Neuen, dem Aufstand in Monaco und einem inneren Abschied: Die Höhepunkte einer turbulenten Formel-1-Saison zwischen Handzeichen, Revanche und Abflug.
Der Neue: Die Saison beginnt in Melbourne mit einem Coup: Der Neue, Lewis Hamilton, überholt den Weltmeister in der ersten Runde, fährt Fernando Alonso 45 Runden vor der Nase her, bis die vermeintliche Hackordnung bei McLaren-Mercedes nach dem zweiten Boxenstopp wiederhergestellt ist. Hamilton wird Dritter hinter Alonso. Räikkönen gewinnt im Ferrari. WM-Stand: Hamilton 6 Punkte, Alonso 8, Räikkönen 10. (Lewis Hamilton: Der Vorfahrer).
Nomineller Chefpilot: Alonso will seinen Führungsanspruch beim vierten Rennen in Barcelona demonstrieren. Aber er verliert nicht nur das Qualifikationstraining, sondern auch das Rennen gegen Ferrari-Mann Massa in der ersten Kurve. Schlimmer noch: Der Weltmeister muss sich auch von Hamilton überholen lassen. Nur weil Räikkönen ein Elektronikschaden stoppt, wird Alonso noch Dritter. Hamilton verlässt die Heimat des Weltmeisters als neuer nomineller Chefpilot. (30:28:22) (Massa gewinnt Großen Preis von Spanien).
Aufstand in Monaco: Der Debütant wird aufmüpfig. Nach Alonsos souveränem Sieg beklagt sich Hamilton als Zweiter lautstark, er sei vom eigenen Team im Fürstentum behindert worden. Der Automobil-Weltverband spricht McLaren-Mercedes frei. Hängen bleibt die Warnung: Der mit der Nummer zwei auf dem Auto will unbedingt die Eins. Räikkönen fällt wegen seines Unfalls im Zeittraining weit zurück. (38:38:23) (Formel 1: Freispruch für McLaren-Mercedes).
Unter Druck: In Kanada zeigt Alonso Wirkung. Kurz nach dem Start versucht er, Hamilton von dessen erster Pole Position zu verdrängen. Viel zu schnell unterwegs, rutscht er über die Piste hinaus. Im Chaos rund um den großen Crash von Robert Kubica (BMW-Sauber) behält Hamilton die Nerven: Erster Sieg im sechsten Grand Prix. Räikkönen (5.) und Alonso (7.) fallen weiter zurück. (48:40:27) (Unfall in Montreal: Die Formel 1 hat Glück gehabt).
Handzeichen: Hamilton steht in Indianapolis schon wieder auf der Pole Position. Im Rennen glaubt Alonso, schneller zu sein, kommt aber nicht vorbei. Vor Wut droht der Spanier bei voller Fahrt auf der Zielgeraden dem Kommandostand mit der erhobenen Faust. Hamiltons zweiter Sieg vor Alonso, Räikkönen scheint als Vierter aus dem Rennen. 58:48:32 (Indianapolis: Hamilton triumphiert, Vettel imponiert).
Rad ab: Räikkönen scheint am Nürburgring endlich wieder am Zug. Aber ein Hydraulikschaden wirft ihn aus dem chaotischen Regenrennen. Alonso nutzt die Gunst der Stunde, während Hamilton erstmals nicht unter die ersten drei kommt, als Neunter nicht mal einen Punkt gewinnt. Daran war auch das Team schuld. Beim Zeittraining hatte Hamilton wegen eines defekten Schlagschraubers ein Rad verloren, den schweren Unfall aber ohne Blessuren an Leib und Seele überstanden. 70:68:52. (Formel 1 auf dem Nürburgring: Alonso triumphiert).
Revanche: In Ungarn entlädt sich der Zweikampf hinter den Kulissen in einem Kleinkrieg auf der Piste. Hamilton lässt Alonso im dritten Teil des Zeittrainings nicht wie abgesprochen passieren. Alonso revanchiert sich vor der Box beim letzten Reifenwechsel. Er blockiert Hamilton, der vor Ablauf der Zeit die Bestzeit von Alonso nicht mehr unterbieten kann. Das Verkehrsgericht schickt Alonso auf Rang sechs zurück. Die Aufforderung von Alonso, Hamilton im Rennen zur Wiedergutmachung einzubremsen, lehnt Dennis ab. Hamilton gewinnt vor Räikkönen, Alonso wird Vierter. 80:73:60 (Nach Boxenstopp-Skandal: Hamilton gewinnt in Ungarn)
Innerer Abschied: In der Spionageaffäre stärkt Hamilton seinem Team drei Tage vor dem Rennen in Belgien demonstrativ den Rücken. Es nutzt nichts. McLaren-Mercedes verliert alle Konstrukteurspunkte und muss 100 Millionen Dollar Strafe zahlen. Alonso, obwohl als Empfänger von E-Mails mit geheimen Informationen über Ferrari beteiligt, rührt keinen Finger. Nur im Auto gibt er alles, drängt Hamilton beim spektakulärsten Duell der beiden ab und wird Dritter hinter Räikkönen und Massa. 97:95:84 (Silberpfeile auch sportlich geschlagen)
Abflug: Strömender Regen überflutet die Piste von Fuji. Die Fahrer können im Pulk auf der Geraden wegen der Gischt hinter dem Vordermann kaum etwas sehen. Hamilton hat als Erster den Durchblick vom Start bis ins Ziel. Alonso, beim Boxenstopp unglücklich von Rang zwei auf acht zurückgefallen, wagt bei seiner Aufholjagd zu viel: Unfall, Ausfall, Rückfall. Räikkönen scheint Rang drei im drittletzten Rennen nicht viel zu helfen. 107:95:90 (WM-Titel nah: Hamilton gewinnt Chaos-Rennen in Japan).
Ohne Ansehen: In Schanghai würdigen sich McLarens Teamchef Dennis und sein Weltmeister keines Blickes. Alonso stellt seinen Chef öffentlich als Lügner hin, deutet mögliche Manipulationen an seinem Boliden an. Rechtsanwälte prüfen, ob der Spanier übers Ziel hinausgeschossen ist. Das passiert Hamilton, weil er seine Reifen überreizt und bei der Boxeneinfahrt ins Kiesbett rutscht. Die Konkurrenten übernehmen. Räikkönens Sieg und Alonsos zweiter Rang führen zum großen Finale in São Paulo: 107:103:100. (Formel 1 in China: Hamilton im Kies).