27.08.2006 · Ferrari-Pilot Felipe Massa hat den Großen Preis der Türkei gewonnen, sein Teamkollege Michael Schumacher mußte im Titelkampf einen Rückschlag hinnehmen. Er wurde hinter Weltmeister Fernando Alonso nur Dritter.
Von Peter Heß, IstanbulMichael Schumacher gratulierte nach dem Großen Preis der Türkei seinem Teamkollegen zu einem fehlerfreien Rennen. „Felipe hat sich den Erfolg wirklich verdient.“ Wäre dem siebenmaligen Weltmeister ebenfalls eine optimale Vorstellung gelungen, der Sieger in Istanbul hätte nicht Massa geheißen, sondern einen anderen Namen getragen.
Den, der Nummer eins von Ferrari und nicht den der Nummer zwei. Aber nach einem Fahrfehler im Abschlußtraining, der schon in der Startaufstellung die im Sinne der Weltmeisterschaft für Ferrari „falsche“ Reihenfolge festlegte, unterlief dem Kerpener auch im Rennen ein Fauxpas. In der 28. Runde kam er in Kurve acht von der Strecke ab, was ihn etwa drei Sekunden kostete. Und dieser Zeitverlust war schon zuviel, um seinen WM-Rivalen Fernando Alonso zu bezwingen. Als Schumacher von seinem letzten Boxenstop auf die Piste zurückkehrte, war der Spanier gerade an ihm vorbei gedonnert. In den verbleibenden 15 Runden bis zur Zieldurchfahrt kamen zwar die Zuschauer bei dem spannenden Duell der WM-Kandidaten auf ihre Kosten. Aber der Deutsche fand keinen Weg vorbei am Renault-Piloten. Im Ziel trennten die beiden 81 Tausendstelsekunden.
„Alles hängt von den Reifen ab“
Dadurch war die große Chance vertan, weiter Boden auf Alonso in der Gesamtwertung gutzumachen. Im Training hatte Ferrari noch dominiert. „Mein zweiter Satz Hinterreifen entwickelte Blasen, ich kam einfach nicht auf die Zeiten, die ich gebraucht hätte, um an Alonso vorbeizukommen“, erklärte Michael Schumacher. Die reduzierte Bodenhaftung habe auch zu dem Ausrutscher geführt: „Dieser Fehler hat den Ausgang des Rennens entschieden.“ Nun steht es in der Fahrerwertung 108:96 für Alonso. Zwölf Punkte sind durchaus aufholbar in den restlichen vier WM-Läufen. Prognosen zu stellen, wagt kaum noch jemand. „Alles hängt von den Reifen ab“, sagten die beiden Rivalen übereinstimmend. Nur noch die beiden können Weltmeister werden. Auch Premierensieger Massas Rückstand, der nun auf 62 Punkte kommt, ist zu groß geworden.
Schon der Start schien Michael Schumachers Schicksal in diesem Rennen zu besiegeln. Alonso legte einen seiner Blitzsprints zur ersten Kurve hin, hatte flugs die paar Meter Vorsprung des Deutschen aus der Startaufstellung aufgeholt. Der Ferrari-Pilot verteidigte seine zweite Position hinter dem Stallgefährten Massa durch ein energisches Lenkmanöver in die Fahrbahnmitte. Alonso hätte eine Kollision provozieren können. Nach der im Training demonstrierten Überlegenheit der Scuderia wären ein Unfall und null Punkte für beide eine Überlegung wert gewesen. Aber der Titelverteidiger wich aus und machte so den Weg zu einer sportlichen Entscheidung frei.
Alonso schiebt sich zwischen die Ferraris
Hinter den beiden krachte es allerdings heftig. Heidfeld fuhr sich den Frontflügel seines BMW-Boliden an Fisichellas Renault ab. Speed krachte in Räikkönens Hinterreifen, Sato strandete im Chaos, und Ralf Schumacher mußte an die Box, weil ein Trümmerteil seinen Toyota beschädigt hatte. Fisichella und Ralf Schumacher vermochten den frühen Rückschlag wegzustecken und beendeten das Rennen auf den Rängen sechs und sieben. Räikkönen dagegen prallte nach seinem Reparatur-Aufenthalt schon in der zweiten Runde in die Leitplanken. Heidfeld wurde lediglich Vierzehnter, weil der Unterboden seines BMW beschädigt worden war. Der vierte deutsche Fahrer im Feld, Nico Rosberg, profitierte zunächst vom Durcheinander und stieß auf Rang fünf vor. Doch dann stoppte den Williams-Toyota-Piloten ein Motorschaden.
Nach dem hektischen Beginn beruhigte sich das Geschehen. Massa und Michael Schumacher setzten die Ferrari-Dominanz des Wochenendes zunächst fort, gefolgt von Alonso und Button. Doch in der 14. Runde veränderten sich die Verhältnisse grundlegend. Liuzzi parkte seinen Rennwagen von Toro Rosso nach einem Dreher so ungünstig, daß das Safety Car auf die Piste mußte, um den Monoposto gefahrlos bergen zu können. Sofort steuerte die Spitzengruppe die Boxengasse an, um ihren Serviceaufenthalt vorzuziehen. Da Massa in Führung lag, mußte Michael Schumacher warten, bis der Brasilianer abgefertigt war. Alonso nutzte die Verzögerung, um sich zwischen die beiden Ferrari zu schieben.
Schumacher: „Ich war nie nahe genug dran“
Hätte der Deutsche das Potential seines Ferrari-Boliden schon im Qualifying umgesetzt und die Pole position herausgefahren, wäre er dieser Situation gar nicht erst ausgesetzt gewesen. „Wir hatten Glück mit der Safety-Car-Phase“, gab Alonso zu. Als der Grand Prix in Runde 16 wieder im Renntempo aufgenommen wurde, verblüffte der Titelverteidiger damit, daß er erstmals die Pace der Scuderia in Istanbul mithalten konnte. Massa vermochte sich lediglich ein paar Sekunden vom Spanier abzusetzen, Michael Schumacher konnte seinen Rückstand von drei Sekunden nicht verkürzen. Im Gegenteil, nach dem Ausrutscher in Durchgang 28 erhöhte sich das Defizit auf sieben Sekunden. Erst als der Ferrari mit abnehmender Benzinmenge leichter wurde, holte Schumacher, der seinen letzten Stopp drei Runden später einlegte als der Spanier, wieder auf.
So kam es zu einer spannenden Schlußphase. Mit frischen Reifen ausgerüstet, bedrängte der Deutsche seinen Widersacher Alonso. Aber der Spanier hielt sich hartnäckig vor ihm. „Es gab ein paar enge Momente, aber letztlich war ich nie nahe genug dran“, sagte Schumacher zu dem ausgesprochen fairen Zweikampf. Es hätte eines kleinen Fehler Alonsos bedurft, um zu überholen, aber für Mißgeschicke waren an diesem Sonntag andere zuständig in Istanbul.