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Formel 1 Raikkönen im roten Bereich

06.09.2008 ·  Seit Ende April fährt Kimi Räikkönen einem Sieg hinterher. Der Formel-1-Champion steht unter Druck. Da kommt der Große Preis von Belgien gerade recht. Lewis Hamilton sieht sich dennoch im Vorteil, weil Raikkönen auch noch gegen einen Teamkollegen kämpfen muss.

Von Anno Hecker, Spa-Francorchamps
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Einmal hat er nicht Rot gesehen. Und schon wurde der Weltmeister abgestempelt. Im schlimmsten Fall als Fahrschüler im prominentesten Automobil Italiens. Ferrari-Pilot Kimi Räikkönen hatte beim zweiten Boxenstopp während des Formel-1-Rennens in Valencia auf der teameigenen Ampelanlage grün gesehen, wo ein Rotlicht Einhalt gebot. Doch der Finne schoss voran, den Tankwart mitreißend.

Vor dem Grand Prix an diesem Sonntag auf der Piste von Spa-Francorchamps ist die moderne Lichtzeichenanlage der Scuderia kein Thema mehr. Sie funktionierte in Spanien einwandfrei. Wie gelassen aber ist ein erfahrener Formel-1-Star, wenn sein Oberstübchen im entscheidenden Augenblick Rot mit Grün verwechselt? Am Donnerstag drehte Räikkönen wieder untertourig seine Runden im Fahrerlager. „Iceman“ rufen sie ihm hinterher. Weil er seit sieben Jahren äußerlich unbewegt jede Berg- und Talfahrt hinnimmt. Aufhängungsbrüche als Führender wenige Kilometer vor dem Ziel wie den Gewinn der Fahrer-Weltmeisterschaft im vergangenen Jahr auf der letzten Rille - mit einem Punkt Vorsprung beim Finale in Brasilien. Angeblich soll man die Klimaanlage ausschalten können, wenn Räikkönen den Raum betritt.

Massa vorn - zum sechsten Mal in acht Rennen

In der Hitze von Valencia muss es in dem 28jährigen Eishockeyfan aus Espoo aber gebrodelt haben. Sein Teamkollege Felipe Massa ganz vorne, er hinten dran. Schon wieder, zum sechsten Mal in acht Rennen. Seit Ende April (Spanien) fährt der Champion einem Sieg hinterher. So entstehen Fehlschaltungen, die den Druck noch steigern. „Ich brauche jetzt ein gutes Ergebnis“, sagte der Ferrari-Mann in Spa-Francorchamps, „und zwar mehr denn je.“ 13 Punkte liegt er sechs Rennen vor dem Ende der Saison hinter dem Führenden der Fahrerwertung, Lewis Hamilton (70) im McLaren-Mercedes.

Das wäre nicht so dramatisch, wenn sich zwischen dem Briten und Räikkönen nicht noch Massa (64) eingenistet hätte. Der gefühlte Rückstand hinter dem Brasilianer scheint größer zu sein, als es sieben Pünktchen ausdrücken. Denn Ferrari-Ingenieure, so berichtete die „Fachzeitung Auto Motor und Sport“, wünschen sich von ihrem Weltmeister einen Strategiewechsel bei der Arbeit am Rennplatz. Räikkönen konzentriert sich zu sehr auf die Abstimmung des Boliden für den Dauerlauf am Sonntag. Deshalb komme er im Qualifying, wenn es darauf ankommt, den Renner für eine Runde auf Höchstleistung zu trimmen, nicht auf Tempo. Massa führt in diesem innenpolitisch wichtigen Duell nach zwölf Versuchen 8:4. Während der Südamerikaner begierig um den Chefpiloten-Posten kreist, bewegt sich Räikkönen im roten Bereich.

Hamilton im Vorteil

In dieser heiklen Phase kommt der Große Preis von Belgien gerade recht. Der Weltmeister liebt die herausfordernde Streckenführung. „In Spa zu fahren, ist immer ein besonderes Gefühl“, sagt Räikkönen. Vor allem, wenn die Erinnerung beflügelt: Die vergangenen drei Rennen im Hohen Venn gewann der Finne. „Er war hier immer verflixt schnell“, sagt Massa, „es wir nicht leicht sein, ihn hier zu schlagen. Aber ich freue mich schon sehr auf einen guten Fight mit ihm.“

Lewis Hamilton gefällt diese Wettbewerbs-Stimmung bei der zuletzt von Motorschäden geplagten Konkurrenz. Gerade weil sich die beiden Ferrari-Kollegen gegenseitig ans Limit treiben. „Es wird spannend sein, zu sehen, ob ihre Motoren halten. Und ich habe vielleicht einen kleinen Vorteil, weil sie sich gegenseitig Punkte wegnehmen könnten“, erklärte der Brite.

Hamilton pocht auf Erfahrung

Dessen Teamkollege Heikki Kovalainen hat mit 27 Punkten Rückstand längst das Vorfahrtsgebot für Hamilton akzeptiert: „Ich denke“, fügte der erste Mann von McLaren hinzu, „dass Felipe und Kimi sich mehr als wir bekämpfen.“ Beim Training am Freitagvormittag erzielte Massa die Bestzeit vor Räikkönen und Hamilton. Am Nachmittag setzte sich Renault-Pilot Fernando Alonso mit hauchdünnem Vorsprung vor Massa an die Spitze, gefolgt von Kovalainen, Hamilton und Räikkönen, den ein Unfall bremste.

Freitags-Zeiten sind wegen der unbekannten Benzinmengen an Bord mit Vorsicht zu genießen. Und so positionierte sich Hamilton weiter demonstrativ selbstbewusst: „Setzt mich neben Michael Schumacher, und ich werde beweisen, dass ich keine Nummer zwei bin.“ Die Angriffslust, mit der Hamilton 2007 den zweimaligen Weltmeister Fernando Alonso im eigenen Rennstall überholte, ist geblieben. Aber der 23jährige Engländer pocht nun geradezu auf seine Erfahrung: „Ich fühle mich viel stärker als letztes Jahr. Ich weiß jetzt, was ich brauche.“

Massa als Hauptgegner

Zum Beispiel einen kühlen Kopf. Der ständig auf Sieg gepolte Hamilton rutsche in Schanghai 2007 wegen abgewetzter Reifen ins Kiesbett, verlor den WM-Kampf letztlich, weil er unbedingt ein Rennen gewinnen wollte. In Valencia vermied es Hamilton, Massa mit hohem Risiko auf den Fersen zu bleiben. Rang zwei und acht Punkte hielten ihn an der Spitze der Fahrerwertung. In Spa, glaubt Hamilton, werde er „den Jungs in Rot das Leben ein bisschen schwieriger machen“.

Dabei schätzt er Massa als „Hauptgegner“ ein, ohne Räikkönen aus dem Blick zu verlieren: „Kimi ist ein phänomenaler Fahrer. Er wird die Krise sicher durchstehen.“ Solche Aufmunterungen dürften nach der Präsentation einer finnischen Briefmarke mit Auto und Konterfei des Weltmeisters am Donnerstag gut ankommen: Hamilton hat Räikkönen noch nicht abgestempelt.

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Jahrgang 1964, Sportredakteur.

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