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Formel 1 Mit Charme, Geschick und Skrupellosigkeit

28.05.2010 ·  Fernando Alonso ist zum neuen Liebling der Tifosi aufgestiegen. Er zeigt Felipe Massa mit jeder Faser des Körpers seine Überlegenheit. Den Sprung auf Rang eins der Gesamtwertung kann der Ferrari-Pilot in Istanbul freilich nicht aus eigener Kraft schaffen.

Von Michael Wittershagen, Istanbul
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Der Gesichtsausdruck verrät nichts über diesen Mann. Gleichmütig schaut Fernando Alonso durch das Fahrerlager von Istanbul, steht da in kurzer Hose und mit Dreitagebart und beobachtet die Mechaniker, wie sie seinen Boliden mit der Kennzeichnung F10 zusammenbauen. Für einen Grand Prix, bei dem gefeiert werden soll bei Ferrari, ist das Rennen in der Türkei am Sonntag doch das 800. in der Formel-1-Geschichte dieses Teams. Der Spanier wirkt bei der Vorbereitung darauf wie ein Unbeteiligter, zeigt kaum eine Regung und liefert damit abermals einen Hinweis darauf, dass er nicht umsonst als verschlossen und zurückhaltend gilt. Außerhalb der Piste jedenfalls.

Denn wenn er das Visier heruntergeklappt hat und der Motor dröhnt, kommt ein anderer Alonso zum Vorschein. Einer, der keine Kompromisse eingeht und mit einer Mischung aus Skrupellosigkeit und Geschick über den Asphalt schießt. Auf diese Art ist er nach seinem Wechsel von Renault in Rekordgeschwindigkeit zur neuen Nummer eins bei Ferrari aufgestiegen, hat er den internen Machtkampf gegen Felipe Massa vorerst für sich entschieden. Auch wenn das im Rennstall niemand so formulieren würde. „Wir haben keine Probleme miteinander“, beteuert auch Alonso.

So reden er und Massa schon seit Monaten. Aber das ist nur die Fassade, außerhalb der Teambesprechungen haben sie sich kaum etwas zu sagen. Die Verhältnisse sind geklärt. Im Gesamtklassement liegt Alonso (75 Punkte) vor Massa (59), noch entscheidender aber ist, dass der Spanier dem Brasilianer mit jeder Faser seines Körpers zeigt, wer fortan der Chef bei der Scuderia ist. Schon beim Rennen in Schanghai Mitte April konnte das jeder sehen. In der Anfahrt zur Boxengasse drängelte sich Alonso an Massa vorbei, später gab es Lob von höchster Stelle: „Alonso hat Teamgeist, Pflichtbewusstsein und ist dem Team verbunden. Und wenn er Rennen fährt, ist er ein phantastischer Kämpfer“, sagte Ferrari-Präsident Luca di Montezemolo der „Gazzetta dello Sport“.

Von Massa sprechen sie kaum noch

Im Spitzentempo ist Alonso zum neuen Liebling der Italiener aufgestiegen. Erst recht, nachdem er in der Wüste von Bahrein gleich in seinem ersten Rennen für den neuen Arbeitgeber ganz nach oben auf das Podium geklettert war. Da schlug das Herz der Tifosi wieder voller Leidenschaft, und es pochte auch noch, als Alonso in Australien in einen Unfall verwickelt wurde, in China am Start zu früh auf das Gaspedal drückte und zuletzt seinen Ferrari während des Qualifikationstrainings in Monte Carlo an der Leitplanke zerstörte. „Das lag an zu großem Selbstvertrauen“, sagt di Montezemolo. „Er dachte an die Pole Position, wollte das Limit ausreizen - und hatte einen Crash.“ Kritik klingt anders.

Von Massa sprechen sie kaum noch. Dabei ist der Neunundzwanzigjährige nach seinem heftigen Unfall in Budapest im vergangenen Jahr mit verblüffender Geschwindigkeit auf die Rennstrecke zurückgekehrt. Ein sympathischer Typ, dem genau das vielleicht nun zum Verhängnis wird. Dem unbändigen Ehrgeiz und kühlen Egoismus von Alonso hat er kaum etwas entgegenzusetzen. Und auf einmal versucht sich der Spanier auch noch in Schmeicheleien, erzählt immer wieder, wie besonders Ferrari sei, wie menschlich jeder mit dem anderen umginge und dass er niemals mehr in seiner Karriere für einen anderen Rennstall unterwegs sein wolle. „Wenn man in Maranello ankommt, fühlt man die Leidenschaft der Leute, die dort arbeiten“, sagt Alonso. „Auch wer hier nur einen Rückspiegel einbaut, tut das mit einer Sorgfalt, als ob es sein eigenes Auto wäre. In den anderen Teams riecht es nur nach Arbeit und nach Fabrik.“

Worte, denen Alonso Taten folgen ließ. Er zog vom Genfer See ins Tessin, um näher an Italien zu sein. Für Massa könnte der Weg schon bald in eine andere Richtung führen, im Fahrerlager wird darüber spekuliert, dass Robert Kubica, der Pole in Diensten von Renault, von 2011 an für ihn im Ferrari-Cockpit sitzen könnte.

Lange Entwicklungsphase

In den kommenden Monaten zählt für Ferrari nichts anderes als der Gewinn der Weltmeisterschaft. Deshalb haben sie Alonso verpflichtet, der Ära Schumacher soll eine unter spanischer Regie folgen. Schon im Frühsommer 2009 haben die Ingenieure deshalb am neuen F10 getüftelt. Kein Rennwagen aus der Schmiede von Maranello hat eine längere Entwicklungsphase hinter sich. „Ich habe noch nie in einem besseren Wagen gesessen“, sagt Alonso brav.

Aus eigener Kraft wird er aber auch in Istanbul wohl kaum mit Sebastian Vettel und Mark Webber (beide Red Bull) mithalten können. „Die sind schneller als jeder andere von uns“, sagt Alonso. „Aber nichts ist unmöglich, wir müssen nur beharrlich weitermachen.“ Für diese Entwicklungsarbeit ist er auch auf die Ideen von Felipe Massa angewiesen, nur gemeinsam können sie den Anschluss an die Spitze herstellen. „Wir dürfen keine Fehler machen“, sagt Alonso.

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