14.03.2009 · Die Letzten werden die Ersten sein: BrawnGP fährt aus dem Stand Bestzeit. Mit Motoren aus Untertürkheim wird aus dem früheren Honda-Rennstall ein Siegkandidat. Dagegen ist Weltmeister McLaren-Mercedes weit von Topzeiten entfernt - und hat zwei Wochen vor Saisonstart ein Problem.
Von Hermann Renner, BarcelonaEs ist eine Geschichte, wie sie vielleicht nur die Formel 1 schreiben kann. Am 5. Dezember gab Honda seinen Rückzug aus der Formel 1 bekannt. Mitte Februar wurde der Rennstall endgültig totgesagt, weil der Vorstand in Tokio keine Entscheidung treffen wollte, ob man dem Übernahmekonzept von Ross Brawn seinen Segen geben soll. Am 3. März tauschten die Anwälte dann doch noch die letzten Verträge aus. Was ein Honda hätte werden sollen, ist jetzt ein BrawnGP-Mercedes.
Und fünf Tage später fuhr Jenson Button im Rennwagen von BrawnGP-Mercedes eine Bestzeit, die das Establishment aufschreckte. Es war nicht einfach nur die schnellste Runde des Testtages in Barcelona. Button fuhr eine Sekunde schneller als der Rest. „Wenn sie so in Melbourne fahren, gewinnen sie mit einer Runde Vorsprung“, sagte Williams-Technikchef Sam Michael. 24 Stunden später unterbot Teamkollege Rubens Barrichello die Fabelzeit um zwei Zehntel.
Briatore: „Hier fahren drei Teams mit illegalen Unterböden“
Die Reaktion der Gegner war branchentypisch. Auf der Rennstrecke hört die Freundschaft auf, die man eine Woche zuvor noch beim Gipfeltreffen der Teamchefs in Genf hochheilig gelobt hatte. Entweder, so das Pauschalurteil der Gedemütigten, sei das neue Team untergewichtig Showzeiten für Sponsoren gefahren, oder bei dem Auto im jungfräulichen weißen Anstrich ginge etwas nicht mit rechten Dingen zu.
Renault-Teamchef Flavio Briatore posaunte gleich einmal aus: „Hier fahren drei Autos mit illegalen Unterböden.“ Ohne Namen zu nennen, wusste jeder, wer gemeint ist: BrawnGP, Toyota und Williams. Alle drei haben beim Diffusor, dem ansteigenden Teil des Bodens im Heck, Schlupflöcher entdeckt. Jetzt streitet man, wer welche Regel wie interpretiert.
Brawns Ingenieure nahmen sich drei Monate mehr Zeit als alle anderen
Das Wunder von Barcelona am Diffusor des Autos oder an der Notwendigkeit festzumachen, Sponsoren finden zu müssen ist naiv. Der frühere Ferrari-Technikchef Ross Brawn wäre der Letzte, der sich selbst betrügt. Es sei zwar seine Aufgabe, für 2010 einen Partner zu finden, doch wäre es grundfalsch, übereilte Verträge abzuschließen. „Unser Budget für 2009 ist gesund. Wir müssen nicht sparen. Bevor wir uns zu billig verkaufen, warten wir lieber.“ Man munkelt, dass die Kasse von Brawn mit der Abfindung von Honda mit mehr als 150 Millionen Euro gefüllt ist.
Es gibt auch eine technische Erklärung für die verkehrte neue Welt der Formel 1. Nachdem 2008 schnell deutlich wurde, dass Honda wieder vor einer verkorksten Saison stand, gab Brawn die Order aus: Volle Kraft für das 2009er Modell. Die Ingenieure nahmen sich drei Monate mehr Zeit als alle anderen, darüber nachzudenken, wie sie das neue Reglement optimal auslegen könnten.
Hinter dem Überraschungsteam ist das Bild unscharf
Herausgekommen ist ein simples Konzept, das mit drei, vier einzigartigen Details aufwartet. Der BrawnGP hat die tiefste Nase, die kleinsten Seitenkästen und den innovativsten Unterboden im Feld. Der Wechsel auf Mercedes-Motoren ist ein zusätzliches Geschenk. Der Honda V8 aus dem Vorjahr galt als das schlechteste Triebwerk der Liga. Im Vergleich mit dem Mercedes sollen mehr als 50 PS gefehlt haben. „Der Mercedes spricht beim Beschleunigen wunderbar an. Ich habe wieder Vertrauen in das Auto“, sagte Veteran Barrichello mit einem Strahlen.
Hinter dem Überraschungsteam der Stunde ist das Bild noch immer ziemlich unscharf. Williams belegte mit Nico Rosberg Platz zwei, doch das war eine Eintagsfliege nach vielen mittelmäßigen Plazierungen. Sebastian Vettel hatte in Jerez mit einer Rekordrunde aufhorchen lassen, doch in Barcelona wurde Red Bull von der Wirklichkeit wieder eingeholt. „Irgendwie kommen wir nicht vom Fleck, und wir wissen nicht recht, warum“, grübelte Vettel.
Kers als unsichtbarer Passagier
Immerhin bewegen sich seine Dauerläufe auf dem Niveau von Ferrari, und die galten bis vor einer Woche noch als Branchenprimus. Im roten Lager zeigt sich Kimi Räikkönen mit aufsteigender Form. „Ich fühle mich in diesem Auto und mit den Slicks wieder wohler.“ Die Analysten glauben: Ferrari, BMW, Renault, Toyota und Red Bull sind ungefähr gleich schnell. Dazu kommt vielleicht noch Williams.
Tatsächlich gibt es viel mehr Faktoren als je zuvor, die das tatsächliche Potential des Autos verschleiern können: vier Reifentypen, deren Charakteristik weiter gespreizt ist als im Vorjahr. Die Benzinmenge im Tank. Der Hybridantrieb (Kers) als unsichtbarer Passagier. BrawnGP, Williams, Red Bull und Toyota fahren im Moment ohne Kers, der Rest mit. Doch am Ende weiß der Außenstehende nie, ob das System angeschaltet, ausgeschaltet oder ausgebaut ist.
McLaren-Mercedes fehlen zwei Sekunden
Der Nachteil: Das System bedeutet Zusatzgewicht. Der Vorteil: Es bringt kurzfristig 82 zusätzliche PS aus der Elektrokonserve. „Der Hybridantrieb mit seiner Extraleistung ist ein Vorteil beim Start. Wenn dich da ein Auto mit Kers überholt, kommst du nie wieder vorbei“, fürchtet Vettels Kollege, Mark Webber. „Selbst dann nicht, wenn du schneller bist. Der andere kann sich mit seinen 82 PS extra immer verteidigen.“
Der Hybridantrieb funktioniert bei McLaren-Mercedes hervorragend, dennoch fehlen dem Team zwei Sekunden auf die Spitze. Mercedes-Sportchef Norbert Haug bekannte: „Wir haben ein Problem. Das muss man nicht wegdiskutieren.“ Lewis Hamilton und Heikki Kovalainen haben Mühe, das Auto beim Bremsen auf der Straße zu halten, und sie steigen deutlich später aufs Gas als ihre Kollegen. Weltmeister Hamilton bezahlte für Übereifer am Lenkrad bereits mit drei Unfällen. Jetzt fragt man sich bei McLaren: Haben wir dem WM-Titel zuliebe zu spät mit der Entwicklung des 2009er Autos begonnen?
Eine Hürde muss BrawnGP noch überspringen
Als bei McLaren die Uhren auf den neuen MP4-24 umgestellt wurden, da begann beim Brawn BGP001 bereits die Produktionsphase. Der neue Favorit für den ersten Grand Prix muss eine Hürde noch überspringen, und die könnte höher liegen, als in Barcelona schnelle Runden zu drehen. Die anderen Teams und die FIA müssen die Namensänderung und die Ausrüstung mit Mercedes-Motoren noch abnicken, da ein Hersteller nur mit Zustimmung aller Beteiligten drei Teams beliefern darf. In der Formel 1 gilt eine Grundregel: Bei der ersten Bestzeit kommen alle zum Gratulieren. Bei der zweiten bringen sie ein Messer mit.
Endlich
Andreas Kirsch (A.Kirsch)
- 14.03.2009, 14:44 Uhr