31.10.2009 · Früher kamen die Reichen zu Besuch - heute kommt die Formel 1 vorbei. Die Rennstrecke auf der künstlichen Insel Yas in Abu Dhabi ist nach Bernie Ecclestones Ansicht ein Wunder. Fehlt nur noch ein arabischer Motorsport-Held.
Von Anno Hecker, Abu DhabiVor der Erfindung des Automobils wäre Bernie Ecclestone wohl in einer Sänfte getragen worden. Am Donnerstag ließ sich der Chefmanager der Formel 1 in einem Golfwägelchen über seine jüngste Dependance kutschieren: „Yas Marina Circuit“, eine Rennstrecke, schreibt der Veranstalter, „wie es sie noch nie gegeben hat“. Stimmt. Die Boxenausfahrt führt durch einen Tunnel unter der Piste hindurch auf eine Strecke mit der längsten Geraden im Formel-1-Kalender. Die teils nach außen abfallenden Kurven fordern die ganze Kunst der Steuermänner.
Den besonderen Mehrkampf von Mensch und Maschine sollen die Zuschauer auf stilvollen, vollständig überdachten Tribünen verfolgen. Oder – je nach (geldwertem) Ölstand unter den Bürgern der Vereinigten Arabischen Emirate – von einer Brücke aus. Sie verbindet zwei Flügel des Luxushotels „Yas“. Während man auf dem alten Kontinent mitunter mit Gummistiefeln zum Zweireiher zur Loge stapfen muss, unterwirft sich die Formel 1 bei ihrer Premiere in den Vereinigten Arabischen Emiraten den Ansprüchen. Früher kamen die Reichen zu Besuch, heute kommt die Formel 1 vorbei. Am Sonntag (14 Uhr bei RTL und im FAZ.NET-Formel-1-Liveticker) Runde um Runde.
Ecclestone ist außer sich. Sein 79 Jahre altes Herz hüpft, als er durch die Nickelbrille Unerklärliches inspiziert: „Sie haben ein wahres Wunder vollbracht. Niemand wird das übertreffen. Ich wäre schon glücklich, wenn jemand gleichziehen würde.“ Nach dem ersten Training am Freitag sprudelten auch die Piloten vor Begeisterung. „Eine coole Strecke“, sagte Nico Rosberg (Williams), „purer Spaß. Die Ausfahrt durch den Tunnel ist aufregend. Das wird ein gutes Rennen.“ Beflügelt wird die Szene von der Aussicht auf ein Finale ohne größere Zwänge. Der neue Champion Jenson Button (Brawn GP) fühlt sich befreit vom bremsenden Erfolgsdruck. Sebastian Vettel lässt sich von der Aussicht anspornen, im Red Bull noch Rang zwei in der Fahrerwertung erreichen zu können: „Es gilt volle Attacke.“
Heidfelds Ambitionen
Vor der Haarnadelkurve (siehe Karte) und am Ende der 1,173 Kilometer langen Geraden erwarten die Experten atemraubende Duelle Rad an Rad. Weil schließlich noch viel Geld, Ehre und gar die Existenz einiger Fahrer auf dem Spiel steht. Ferrari könnte mit einem Überholmanöver vorbei an McLaren-Mercedes in der Konstrukteurswertung Millionen aus dem Vermarktungstopf dazuverdienen. BMW will seine Formel-1-Ära mit einem Achtungserfolg beenden. „Es wird“, prophezeit BMW-Mann Nick Heidfeld, „noch einmal rundgehen.“ Mitten in einer kleinen Wüste im doppelten Sinne. Die (geschätzt) 500 Millionen Euro teure Piste samt Boxengebäuden und Hotel ist mehr oder weniger in den Sand gesetzt auf der künstlichen Insel Yas. Kräne und Baustellen rundherum illustrieren die Lage. Es gibt noch viel zu tun für Khaldoon al Mubarak. Er ist unter anderem der Chef von Mubadala, einem Staatsfonds zur Entwicklung der Geschäfte in den Vereinigten Arabischen Emiraten. Ihm verdankt das Land die Verwandlung einer Einöde in eine Motorsport-Arena von Weltklasseniveau vor den Toren der Hauptstadt Abu Dhabi.
Was noch fehlt, sind die Menschen: „Wir wollen die Gemeinden zusammenbringen“, sagte er dem „Nationalen F1-Magazin“, „es ist der wichtigste Grund, die Formel 1 hierherzubringen. Man kann das Interesse schon fühlen.“ Vielleicht als Einheimischer. Ausländern fällt es schwer, eine Formel-1-Begeisterung zu entdecken. Dass auf dem „Yas Marina Circuit“ am Sonntag die berühmteste Rennserie der Welt kreist, ist in Abu Dhabi kaum wahrzunehmen. Taxifahrer sind zwar entzückt angesichts der monströsen Anlage 35 Kilometer vor den Toren ihrer Metropole. Warum sich vor ihnen plötzlich wundersame Gebilde auftürmen, wissen sie aber nicht.
Arabischer Einfluss auf die Formel 1
Die Araber mögen den Rennsport. Es gibt Privatiers, die exquisite Sportwagen aus dem alten Kontinent sammeln wie Rennpferde oder erfolgreich Wüstenrallyes bestreiten. Arabische Unternehmen sponsern zunehmend Formel-1-Teams oder beteiligen sich indirekt. Der Namenszug Mubadala etwa steht auch auf den Kappen der Ferrari-Piloten, weil der Gesellschaft fünf Prozent von Ferrari gehören. Der größte Einzelaktionär von Daimler, Aabar Investments (9,1 Prozent) aus Abu Dhabi, wird die Mehrheit von Brawn GP im Namen der Stuttgarter übernehmen, falls die Schwaben sich nicht vorzeitig von McLaren trennen können. Der saudiarabische Geschäftsmann Mansour Ojjeh hält 15 Prozent an der McLaren-Gruppe.
Schon spricht man hinter vorgehaltener Hand von einem großen arabischen Einfluss auf die Richtung der Formel 1. „Ich hoffe, wir werden einen Formel-1-Fahrer bekommen“, sagt al Mubarak. Ohne Held wird sich keine Motorsportkultur entwickeln. Vermutlich aber dient die Investition seines Staates ohnehin nicht allein dem Vergnügen. „Es geht um mehr als um Sport“, erklärt al Mubarak, „es ist eine große Gelegenheit.“ Etwa in der Welt bekannt zu werden für die Umsetzung besonderer Projekte. Ein Eishockey-Team in der Hauptstadt, zwei Eisbahnen von olympischen Ausmaßen demonstrieren den Willen der Araber, natürliche Hindernisse wie 39 Grad Celsius im Schatten zu überwinden.
45 Millionen Dollar auf der Durchreise
Die Dollars sprudeln dank der Ölquellen. Doch während sich die Scheiche für ihren edlen Renn-Tempel von den Europäern feiern lassen, bauen sie nicht weit entfernt an einem ehrgeizigen Ökoprogramm. In ein paar Jahren sollen die Bewohner einer autofreien Stadt namens Masdar („Quelle“) weder Kohlenstoffoxide noch Müll produzieren; stattdessen brauchbare Ideen für neue Energiegewinnung und die Ablösung veralteter Energieverwerter. Etwa des Ottomotors im Formel-1-Boliden.
Rund 70 Liter Benzin schluckt so ein 770 PS starkes Aggregat auf 100 Kilometer. Damit lässt sich ein schönes Spektakel inszenieren. Abu Dhabi wird deshalb in den nächsten Jahren bekannter. Die Formel 1 wird nach der Abschaffung ihres Bremsenergie-Gewinnungssystems Kers auf Dauer aber auch in der Wüste nicht begehrter. Sie ist nur auf der Durchreise. Kassiert aber glänzend für die Show: 45 Millionen Dollar.