13.04.2010 · Der Fall Briatore war wie geschaffen für ein beispielhaftes Sittengemälde der Formel 1. Aber wer will das alles hören? Die Fia wohl kaum. Nun legt sich dichter Nebel um die Affäre.
Von Anno HeckerDas ist ein kluger Zug gewesen: endlich Schluss zu machen mit dieser leidigen Affäre. Was gibt es denn schon Schlimmeres als die Aufklärung eines Betrugs mit Billigung schwerer Körperverletzung? Der Internationale Automobil-Verband (Fia), die Formel 1, die handelnden Personen hatten natürlich kein Interesse an einer weiteren Überprüfung des absichtlichen Unfalls von Nelson Piquet Jr. beim Großen Preis von Singapur 2008 durch ein ordentliches Gericht.
Stattdessen beendeten sie die Manipulationsgeschichte des Renault-Piloten zum Vorteil seines Teamkollegen Fernando Alonso mit einem außergerichtlichen Vergleich. Flavio Briatore darf wie sein Adlatus Pat Symonds schon ab 2013 wieder in der Formel 1 auftauchen und ein Jahr zuvor in unterklassigen Serien der Fia arbeiten. Vom lebenslangen Bann für den ehemaligen Renault-Teamchef rückte die Fia ab, indem sie die Berufung gegen das Aufhebungsurteil eines zivilen Pariser Gerichts vom 5. Januar zurückzog. Im Gegenzug zeigten Briatore wie der damalige Technische Direktor Symonds unter anderem Reue und baten um Entschuldigung.
So schnell kann das gehen. Vor ein paar Wochen noch beharrten beide Parteien mit großen Worten und starken Gesten auf ihren Standpunkten. Hier die Scharfrichterin Fia mit ihrem grotesken Diktum: Lebenslang! Dort der Lebemann Briatore in der irrwitzigen Opferrolle: Unschuldig! Jetzt haben beide eingesehen, wie gering ihre Chancen doch waren, vor Menschen mit gesundem Verstand und juristischer Berufsausbildung in einem weitgehend unabhängigen Amt mit ihren Versionen zu bestehen. Würde man sich sonst auf ein dreijähriges Berufsverbot (Briatore) einlassen oder indirekt die richterliche Feststellung eines „rechtswidrigen“ Verfahrens (Fia) akzeptieren?
Ein guter Vergleich - für die Fia und Briatore
Die zum Vergleich verschickten Erklärungen von Verband und Briatore offenbaren allerdings wenig Einsicht. Die Fia erklärt ihren Rückzug wegen formaler Fehler mit einem „schlechten Verständnis“ der Welt da draußen vom Ablauf „ihrer Diszi-plinarverfahren“. Eine krasse Fehleinschätzung. Wie das Strafgericht unter dem früheren Fia-Chef Max Mosley bis zum Herbst des vergangenen Jahres arbeitete, verstand die Motorsportwelt schnell. So schwer war es nicht, die Konstellation von Fahnder, Ankläger und Richter in einer Person (Mosley) als mittelalterliches Rechtsmodell zu identifizieren. Erst der unabhängige Pariser Richter hat nun eine Modernisierung erreicht. Denn allen „Missverständnissen“ zum Trotz kündigte Mosleys Nachfolger Jean Todt eine „Änderung der Strukturen“ für Ende des Jahres an.
Deshalb wird Briatore kaum als Sieger davonkommen. Denn in seinem Bekenntnis zu einer moralischen Schuld schloss er jede „persönliche Beteiligung“ aus. Als hätte er, der Mann an der Boxenmauer, ohne den sich kein Rad bei Renault drehte, nichts von dem übelsten (unter den bekannten) Komplott in der Formel 1 gewusst. Kronzeuge Piquet Jr. behauptet das Gegenteil. Der Fall war also wie geschaffen für eine detaillierte Klärung vor Gericht, vielleicht sogar für ein beispielhaftes Sittengemälde von der Formel 1. Schließlich weiß Briatore viel mehr, als er sagt. Aber wer will das alles hören? Die Fia wohl kaum. Nun legt sich dichter Nebel um die Affäre, so, wie der Wasserdampf eines geplatzten Formel-1-Motors den Durchblick auf der Piste nimmt. Ein guter Vergleich – für die Fia und Briatore.
Wer will das alles hoeren?
Hans-Joachim Krämer (hajokra)
- 13.04.2010, 20:38 Uhr