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Formel 1-Kommentar Massa wächst mit der Niederlage

03.11.2008 ·  Der Sieger hat verloren. Im letzten Augenblick, mit nur einem Punkt das ganz große Rennen. Da könnte man zusammensacken. Doch Massa trocknete noch im Helm seine Tränen und gratulierte Hamilton sofort zum WM-Sieg.

Von Anno Hecker
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Der Sieger hat verloren. Im letzten Augenblick, mit nur einem Punkt das ganz große Rennen. Da könnte man in sich zusammensacken vor Enttäuschung, abtauchen im Cockpit. Aber Felipe Massa dachte nicht daran. Noch unter dem Helm trockneten die Tränen. Dann stellte er sich vor der Ehrung für seinen Erfolg beim Großen Preis von Brasilien breitbeinig auf das Podium, breitete die Arme aus, deutete auf sein Herz und dankte seinem Publikum.

Er gratulierte Hamilton sofort und mit fester Stimme zum WM-Sieg, sprach so glaubwürdig von einem verdienten Erfolg für den Briten, dass viele Zweifel schwanden: Lange nicht ist ein Pilot so schnell gewachsen. Als kleiner Rennfahrer von 1,66 Metern mit geringen Chancen auf den WM-Titel ist er am Sonntag in seinen Ferrari geklettert. Eineinhalb Stunden später sprang er als Größe wieder hinaus.

„Ich bin unterschätzt worden“

Hinter der Entwicklung vom netten Kumpeltyp zum anerkannten Spitzen-Piloten stecken mehr als spektakuläre Überholmanöver. Dass Massa nicht nur seinen überlegen eingeschätzten Teamkollegen Kimi Räikkönen hinter sich ließ, Lewis Hamilton (indirekt) in Fehler trieb und dabei Ferrari zum Konstrukteurs-Titel führte, ist nur das Resultat harter Arbeit. Vor diesen Erfolgen musste Massa gegen kaum greifbare, zermürbende Widerstände anfahren.

Gegen seine Emotionen, die dem mit natürlicher Schnelligkeit gesegneten Paulista immer wieder im Weg standen. Gegen seine Leistungsschwankungen, die seinen Karriereweg zeichneten und Vor-Urteile prägten. Massa erschien der Formel 1 nicht als Siegertyp wie Hamilton. Er hatte auch nicht das (verdiente) Glück, wie sein Rivale von einem der professionellsten Rennställe über eine Dekade systematisch auf die Formel 1 vorbereitet zu werden. Er wirkt von Statur und Antlitz auch nicht wie geschaffen für die Werbewelt rund um die Formel 1. Deshalb prägte die Wahrnehmung der Szene sein Gefühl: „Ich bin unterschätzt worden.“

Der Südamerikaner klagte nie öffentlich

Ist er das wirklich? Hat er nicht bis weit ins vergangene Jahr hinein die Einschätzung, einer der weitaus Zweitbesten zu sein, bestätigt? Mit Kreiseltouren nach hervorragenden Rennen, mit Flüchtigkeitsfehlern zugunsten der heranstürmenden Konkurrenz, mit Tempoverschleppungen erst hinter Michael Schumacher und dann hinter Räikkönen 2007. Der kam nach Maranello und siegte prompt. Massa aber beansprucht, was die Formel 1 gewöhnlich nicht gibt: Zeit. Vom Debüt 2002 bei Sauber brauchte er sechs Jahre bis zu seinem ersten WM-Kampf. Er hatte ihn sich mit dem Eingeständnis verdient, selbst als Ferrari-Pilot neue Wege gehen zu müssen.

Der Einstieg als Hintermann von Schumacher bei der Scuderia verhalf Massa – wie er sagt – zum entscheidenden Schritt. Schumacher lehrte ihn, „so eng wie möglich mit dem Team zusammenzuarbeiten, was man fordern muss“. Längst honoriert Ferrari den Sprung des 27-jährigen Stammpiloten. Mit einem Vertrauen, das ihm selbst die Brasilianer noch bis zum Finale verweigerten. Obwohl er in dieser Saison weit weniger Fehler als sein Rennstall machte und weniger als Hamilton. Der Sieg von Spa fiel ihm zwar in den Schoß, weil der Engländer unverständlich hart für das Abkürzen in der Schikane bestraft wurde. Aber ein Defekt in Melbourne, ein Motorschaden in Ungarn ein paar Kilometer vor dem greifbaren Erfolg oder das Tankdesaster von Singapur kosteten weit mehr Punkte, als ihm geschenkt wurden.

Trotzdem klagte der Südamerikaner nie öffentlich. Weder über die Schwäche seines Boliden auf nasser Piste noch nach seinem „perfekten“ Rennen in São Paulo. Dabei ist das Resultat der Abrechnung eindeutig. Dass ein Punkt fehlte, lag am Team, nicht am Piloten. Massa braust darüber hinweg: „Nächstes Jahr greifen wir wieder an.“ Der Sieger hat verloren – und doch viel gewonnen.

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Jahrgang 1964, Sportredakteur.

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