19.10.2009 · Sebastian Vettels üble Laune ist berechtigt. Er ist WM-Zweiter, hat aber eine große Chance verpasst. Der Ärger darüber ist verständlich. Denn sehr wahrscheinlich wird es in der nächsten Saison schwieriger, Weltmeister zu werden.
Von Anno HeckerDieses Gesicht! Verdrießlich schaute Sebastian Vettel. Der struppige Vollbart machte ihn älter, die Mimik nach dem Großen Preis von Brasilien mürrischer, als er ist. Eigentlich schreckt eine solche Ausstrahlung ab. Aber am Sonntag sind sie alle zu dem 22 Jahre jungen hessischen Formel-1-Piloten gegangen und haben ihm auf die Schulter geklopft. Prima gemacht.
Stimmt ja auch. Vettel ist in der Saison 2009 mit drei Siegen endgültig in den Kreis der aussichtsreichen WM-Kandidaten vorgefahren. Niemand zweifelt an seinem Potential. Alle halten ihn für einen Weltmeister von morgen. Sind das nicht wunderbare Aussichten?
Vettel hatte gerade noch die Kraft, sich höflich zu bedanken. Geholfen haben ihm die Lobhudeleien nicht. Alles nettgemeinte Gesten von erschreckend schwachem Gespür für die Gefühlslage. Selbst ehemalige Weltmeister schienen nicht zu verstehen, was Vettel bewegte: Es gibt kaum Schlimmeres für einen überzeugten Siegertypen, als Gratulationen für Rang zwei zu erhalten. Vettel will Weltmeister werden, nicht Zweiter.
Die unübersehbare Enttäuschung des Hessen mag auf Außenstehende undankbar und überehrgeizig wirken. Aber sie ist letztlich der Ausdruck eines Durchsetzungswillens, der dem gemeinen Beobachter nur fremd sein kann. Vettel, das sah man an seinen Blicken in São Paulo, lebt in einer anderen Welt. Dort geht es viel schneller, härter und zielstrebiger zu. Zufälle werden nach Möglichkeit ausgeschaltet, Chancen sofort beim Schopf ergriffen und nicht bedächtig kalkuliert. Selbst mit nur 22 Jahren hat man keine Zeit für langfristige Strategien. Der Spielraum, Fehler ausgleichen zu können, ist zugleich minimal. Jeder Grand Prix führt vor Augen, wie fragil das Spiel ist. Ein Missgeschick, und alles liegt in Trümmern.
Vermutlich wird es nächstes Jahr schwieriger
Vettel hat also eine große Chance verpasst. Da ist er strenger als manch wohlmeinender Experte. Seine Einstellung ist ihm sichtbar aufs Gemüt geschlagen am Samstag nach der falschen Einschätzung beim Qualifikationstraining, am Sonntag nach dem Rennen, als er endgültig erkennen musste: Seine kleinen Fehler und die des Teams im Verlauf der Saison erlaubten dem fehlerlosen Jenson Button, sich als Weltmeister ins Ziel zu retten.
Der Ärger darüber ist verständlich. Denn sehr wahrscheinlich wird es in der nächsten Saison schwieriger, Weltmeister zu werden. McLaren und Ferrari gehören nach der überwundenen Schwächephase in diesem Jahr zum Favoritenkreis für 2010. Statt zwei werden vermutlich vier Teams um die Titel kämpfen. Das sind nicht die besten Aussichten – aus der Perspektive von Vettel. Dessen schlechte Laune aber signalisierte wenigstens deutschen Formel-1-Fans eine interessante Zukunft: Vettel beschleunigt der unbändige Wunsch, im Ziel zu lächeln.