04.06.2010 · Offiziell vertragen sie sich wieder. Doch sind Vettel und Webber wirklich zwei Piloten, die beim Kampf um den Sieg nur kurz außer Kontrolle gerieten? Oder steckte beim Crash von Istanbul das Kalkül des Kommandostandes dahinter?
Von Michael WittershagenNun also sind sie doch wieder auf einer Linie. Zumindest offiziell. Am Donnerstag hat der Gute-Laune-Rennstall Red Bull in einer Pressemitteilung bekanntgegeben, dass es fortan keine Probleme mehr gebe zwischen seinen Fahrern Sebastian Vettel und Mark Webber. Und weil es dazu offenbar noch eines Beweises bedurfte, schickte das Team auch noch ein Foto der beiden mit. Darauf lächelten sie, hoben wie Lausbuben die Arme - und darunter stand: „Shit happens.“ War es das nun also? Wohl kaum. Die Folgen des Zusammenpralls von Istanbul sind noch immer nicht absehbar, das Binnenklima des Teams wird schon während des Großen Preises von Kanada in der kommenden Woche auf eine weitere harte Probe gestellt.
Unter den Brenngläsern von Reportern aus aller Welt werden die künftigen Aktionen der beiden Streithähne bewertet. Dabei müssen sich Vettel und Webber überhaupt nicht mögen. Auf der Strecke bleiben sie ohnehin erbitterte Rivalen, die jeweils um die Chance ihres Lebens kämpfen: den Gewinn der Weltmeisterschaft. Abseits des Asphalts aber müssen sie gemeinsame Sache machen, sich gegenseitig informieren und ihre Boliden so beschleunigen. Ansonsten werden sie schon bald „aufgefressen“ von Lewis Hamilton und Jenson Button, den beiden McLaren-Fahrern, die nun schon ihre große Chance wittern. Ein weiterer Spannungsmoment in dieser ohnehin keinesfalls erlebnisarmen Formel-1-Saison. Und ein treffliches Argument gegen die öde Politik von einigen Formel-1-Teamchefs, ihre Rennfahrer stets als gute Freunde verkaufen zu wollen.
Steckte ein Kalkül des Kommandostandes dahinter?
Immerhin hat Christian Horner, der Teamchef von Red Bull, zuletzt immer wieder das freie Spiel der Kräfte in seinem Rennstall propagiert. Das Spektakel der Türkei schien genau das zu bestätigen. Zwei Piloten, die um alles in der Welt den Sieg wollten - und dabei außer Kontrolle gerieten. Oder steckte etwa das Kalkül des Kommandostandes hinter dem Manöver von Vettel?
Die Spekulationen jedenfalls wurden Tag für Tag befeuert, wonach Red Bull lieber den jungen Deutschen als den älteren Australier zum Titel katapultieren wolle. Weil das besser zum Marketingkonzept des österreichischen Brauseherstellers passe. Doch das sind nicht mehr als Vermutungen. Allerdings wird sie auch Webber gelesen haben und sich fragen, ob er seinem Team noch vertrauen kann. Die Antwort darauf wird Red Bull in den kommenden Wochen stärker beeinflussen als der Zusammenprall selbst.