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Formel-1-Kommentar Existenzfrage

23.04.2009 ·  Mercedes droht mit dem Ausstieg aus der Formel 1. Die Liste der Gründe, die dagegen sprechen, ist lang. Sie wird aber nicht den Ausschlag geben. Dafür sind zwei Aspekte zu dominierend: Image und sportliches Resultat. Wankt Mercedes, sind auch andere gefährdet.

Von Anno Hecker
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Die Formel 1 ohne Mercedes? Das scheint im 17. Jahr seit dem Wiedereinstieg kaum vorstellbar. Aber am Donnerstag hat sich Helmut Lense in der „Stuttgarter Zeitung“ zu Wort gemeldet. Er hat qua Amt das Ohr am Daimler-Volk. Die Mitarbeiter, sagt der Betriebsratsvorsitzende, wollen keine Konzern-Gelder mehr in die Formel 1 fließen sehen. Nun fordert Lense, der als besonnen beschrieben wird, den Rückzug. Es wird ernst.

Lense erntet vermutlich Zustimmung. Zuerst von seinen Leuten. Am Montag will der Konzern ein ehrgeiziges Sparprogramm verkünden. Zwei Milliarden Euro sollen pro Jahr weniger ausgegeben werden. Es geht an den Geldbeutel. Der bereits zugesagte Bonus von 1900 Euro pro Angestelltem im Stammwerk entfällt. Die aber fahren wohl lieber in Urlaub, anstatt ihre Gratifikation durch den Auspuff eines McLaren-Mercedes entweichen zu sehen. Wenn sie den Boliden überhaupt zu Gesicht bekommen.

Nach dem Weltmeister-Jahr 2008 fährt die englisch-deutsche Fahrgemeinschaft derzeit hinterher. Weiter angeheizt wird das Votum gegen die Formel 1 durch die allgemeine Stimmung: Vollgas und Verschwendung, das übliche Klischee, sind nicht mehr sexy. Darf man noch 65 Liter auf 100 Kilometer verbrauchen, wenn die Ressourcen weltweit zur Neige gehen?

Der Aufschwung in die Gewinnzone lässt auf sich warten

Lense hakt dort ein, wo sich die Formel 1 kaum wehren kann. Dabei lässt sich ein Engagement durchaus rechtfertigen, die kurzfristige Wirkung eines Ausstiegs in Frage stellen: Es gibt keine Sportveranstaltung, die weltweit von März bis November ein so großes Interesse für eine so kleine Gruppe weckt. Zudem sinken die Ausgaben für 2010 noch einmal drastisch auf geschätzte 150 Millionen Euro für McLaren und seinen deutschen Teilhaber (40 Prozent). Mercedes müsste dagegen bei einem Rückzug sein Motorenwerk in England schließen und jeglichen Vorsprung fahren lassen. Denn kurioserweise sind die Stuttgarter im Moment dort in der Formel 1 Spitze, wo Lense sich eine Konzentration wünscht: bei der Entwicklung einer umweltfreundlicheren Antriebstechnologie.

Die Mercedes-Version von KERS, dem Energie-Rückgewinnungssystem, gilt als die leichteste und beste. Erkenntnisse der wegen des Wettbewerbsdrucks schnellen Entwicklung fließen laut BMW in die Serie ein und führen dort zu leichteren Autos, irgendwann zu Benzineinsparungen bei Millionen. Ganz sicher würde KERS die Renner von Brawn-GP noch weiter nach vorne katapultieren. Bislang reichte es bei dem neuen Rennstall auch ohne dieses System für zwei Siege in drei Rennen. Weil Brawn im Dezember mit Geld von Honda Mercedes-Motoren kaufte. Ein Handel, der den Stuttgarten neben Ehre noch ein paar Milliönchen bringt.

Die Liste der Gründe gegen einen Ausstieg könnte noch länger sein. Sie wird aber nicht den Ausschlag geben. Dafür sind zwei Aspekte zu dominierend: das Image und das sportliche Resultat. Mit jedem weiteren Absatzrückgang, mit jeder weiteren Niederlage wächst der Druck, hinauszufahren aus dem Fokus. Die Prognosen, ob bei Formel-1-Experten oder Wirtschaftsweisen, sind ähnlich. Der Aufschwung in die Gewinnzone lässt auf sich warten. Vor diesem Hintergrund ist Lenses Forderung alarmierend für die Formel 1. Wenn Mercedes wanken sollte, dann sind potente Teams, die zuletzt weit weniger Erfolg hatten, noch mehr gefährdet: BMW, Renault und auch Toyota. 2009 steht mehr auf dem Spiel. Die Existenz.

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Jahrgang 1964, Sportredakteur.

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