01.08.2009 · Was heißt das schon, in Würde zu altern? Also ist es nur recht und billig, dass sich Sportler zum Comeback entschließen. Michael Schumacher und Lance Armstrong treibt dabei vielleicht nach zahllosen Triumphen die Sehnsucht nach der Niederlage.
Von Evi SimeoniEs gibt eigentlich keinen Grund, weshalb ein Mensch in Würde alt werden soll. Was soll das denn überhaupt heißen? Wenn verlangt wird, dass er dazu irgendwann seinen Leidenschaften entsagen muss, keine Cabriolets mehr fahren und auch sonst keine Dummheiten mehr machen darf, so müssen wir Protest einlegen. Und was heißt überhaupt alt werden?
Wenn es sich irgendwie vermeiden ließe, ohne dass man sein irdisches Lenkrad gleich bei einem höheren Weltverband abgeben müsste, würden die meisten darauf doch sowieso verzichten. Nur weil das nicht geht, fügt man sich eben. Was bleibt, ist die Sehnsucht nach dem Zurück.
Gefühl der Unvollständigkeit
Mal sehen, ob das auch im Vorwärtsgang geht. Michael Schumacher wird dieser Frage auf den Grund gehen. Aber das kann natürlich nicht die ganze Motivation für sein Comeback in die krawallige Rotation der Formel 1 sein. Es muss noch mehr dahinterstecken. Ein Gefühl der Unvollständigkeit. Vielleicht ist es nämlich gar nicht so klug, eine erfolgreiche Karriere auf ihrem Gipfel zu beenden. So eine Bergankunft wie das erste Karriere-Ende von Lance Armstrong hat nämlich ihre Tücken. Er verabschiedete sich zwar vom Radsport im siebten Gelben Trikot und hatte sich gleichzeitig auch noch das Goldene Dragée für die besten pharmazeutischen Leistungen auf zwei Rädern verdient. Aber trotzdem fehlte ihm etwas: die finale Abreibung.
Ähnlich ergeht es dem Vierzigjährigen, der einst Schumi war. Und das ist kein Wunder: Die beiden kennen und bewundern einander schon viele Jahre, und gemessen an ihren Erfolgen, verbindet sie ein siebenfaches Band. Natürlich könnte man einwenden, dass der Kerpener in seinen Rennern zwar siebenmal Weltmeister wurde, in seinem Abschiedsjahr aber nicht.
Doch das will nichts heißen. Sein letztes Rennen, der Große Preis von Brasilien am 22. Oktober 2006, war eine Demonstration seiner überlegenen Fahrkünste, denn der Ferrari schlich zu jener Zeit um die Kurse wie ein zinnoberrotes Pannenmobil. Im Qualifikationstraining streikte zum Beispiel die Benzinzufuhr. Als Folge musste er damals von Rang zehn aus den Hindernislauf in den Ruhestand antreten. Im Rennen schien dann schon nach neun Runden die Luft raus: Ein Reifen platzte. Der wackere Schumacher aber gab auch dann nicht auf, als er am Ende des Feldes gelandet war. Er gab Gas und wurde noch Vierter. Im Moment des Abschieds bewies Schumacher, wie weit er immer noch über den anderen stand. Er brauchte kein Über-Auto dazu.
Der Mangel, der auch Armstrong umtrieb
Aber das ist lange her. Seither erleidet Schumacher den gleichen Mangel, der auch Armstrong umtrieb: Auch ihm fehlt die finale Abreibung. So, wie die Dinge liegen, könnte er sie nun allerdings endlich kriegen. Wenn der junge Vettel Kreise um ihn zieht zum Beispiel. Oder wenn er im entscheidenden Moment den Wunderknopf für die Zusatzenergie nicht findet. Und die soll auch in seiner Situation noch nicht aus einer Sonderladung Buer-Lecithin, sondern aus dem magischen Energie-Rückgewinnungs-System kommen.
Beim kalifornischen Rad-Heroen ging die Sache ja sogar noch glimpflich ab. Doch das Bild von der jüngsten Tour, wie er vor dem Schlussanstieg der siebten Etappe mit seinem Gegenspieler Contador verhandelt und man von den Lippen abzulesen vermeint, dass er Schonung einfordert, sagte alles. Armstrong hatte die Kontrolle über seine Herausforderer verloren. Ganz beiläufig stieß ihm der Jüngere das Messer zwischen die Rippen und fuhr ihm davon. Armstrongs von der Erschöpfung gezeichnetes Gesicht zeigte uns etwas von der Endlichkeit auch der wildesten Antriebskräfte. In jenem Moment hatte er bekommen, was er brauchte: die Niederlage.
Selbst dem „Größten“ ging das so, als er sich mit fast 40 Jahren in seinem letzten Kampf vom Durchschnitts-Boxer Trevor Berbick verprügeln ließ. Muhammad Ali wollte noch einmal seinen eigenen Glanz spüren, noch einmal die Unwiderstehlichkeit seines Charakters auskosten, aber es ging nicht mehr. Es war das Ende einer Jahrhundertkarriere, und später zeigte sich, dass Ali nicht nur seinen letzten Kampf im Ring, sondern seine Gesundheit verloren hatte. Das Alter stach ihn wie eine Biene, und er konnte nicht mehr davontanzen. Aber wenigstens hatte er nichts versäumt.
Ein finaler Gag.....?
wolf haupricht (emilgilels)
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