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Formel-1-Kommentar Der richtige Zeitpunkt

11.09.2006 ·  Alles ist gewonnen. Die Rekorde scheinen festgeschrieben für die Ewigkeit. Auf dem Konto liegt mehr Geld, als ein vernünftiger Mensch ausgeben kann. Wer jetzt nicht vom Gas steigt, ist selbst schuld. Ein Kommentar von Anno Hecker.

Von Anno Hecker, Monza
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Warum? Es gibt viele plausible Gründe, mit bald 38 Jahren vom Leistungssport zurückzutreten, nach 15 Jahren in der Knochenmühle Formel 1. Das Alter nagt und die Szene nervt: immer der gleiche Ablauf, immer die gleichen Strecken, die gleichen Länder, die gleichen Fragen, die gleichen Gesichter, das gleiche Gejubel, die gleichen (häßlichen) Pokale - und das gleiche Gemecker. Selbst nach nun 246 Grand Prix kommt Michael Schumacher immer wieder dort an, wo er losgefahren ist.

Alles ist gewonnen. Die Rekorde scheinen festgeschrieben für die Ewigkeit. Auf dem Konto liegt so viel Geld, daß ein nur halbwegs vernünftiger Mensch große Schwierigkeiten hätte, es auszugeben. Wer jetzt nicht vom Gas steigt, ist selbst schuld. Schließlich riskiert Schumacher bei jeder Ausfahrt seine Gesundheit, er läßt als Weltreisender und akribischer Arbeiter - wie er sagt - Frau und Kinder öfter daheim, als es ihm lieb ist; und dann muß er sich neben allen schmeichelhaften Ehrungen immer wieder wüste Beschimpfungen anhören.

Der ewige Kreisverkehr

Warum hätte er sich das noch einmal antun sollen? Nur um wieder und wieder zu erleben, was er schon kennt, den ewigen Kreisverkehr? Ja. Er hätte es wohl ganz gerne noch einmal versucht. Denn Schumacher liebt das Fahren und die Versuche, an die Grenze zu gehen, das Limit immer wieder hinauszuschieben. Das Risiko, sein Alter, die vielen Millionen auf der hohen Kante und auch der Reisestress können seine Entscheidung nicht grundlegend bestimmt haben. Wer so fit ist wie der Rheinländer, wer immer noch so schnell fährt, wer immer noch gewinnt und 2006 wieder alles gewinnen kann, den hat kaum das Gefühl gepackt, überholt zu sein.

Das aber war eigentlich sein Kriterium: „Ich höre auf, wenn ich merke, daß ein Jüngerer schneller ist.“ Auch die zweite Bedingung wurde erfüllt: Ferrari stellte ihm in diesem Jahr einen konkurrenzfähigen Boliden auf die Räder. Wenn der „letzte Rennfahrer“, wie ein Formel-1-Ingenieur im Fahrerlager in Monza bedauernd sagte, trotzdem sein „Leben verläßt“, dann müssen ihn also noch andere Gedanken gebremst haben. Etwa die Sorge, den Spaß zu verlieren.

Ferrari wird geschwächt

Schumacher traf seine Entscheidung sicher nicht aus dem Bauch heraus. Wer ein Berufsleben lang Siegchancen selbst bei Tempo 300 analysiert, verläßt sich bei dieser lebenswichtigen Entscheidung nicht auf das Gefühl. Deshalb spielen beim Rücktritt auch die einschneidenden Veränderungen bei Ferrari eine Rolle. Ross Brawn, der Technische Direktor, geht nach zehn Jahren von Bord. Und mit ihm die ordnende Hand in der Heerschar intelligenter wie schwieriger Ingenieure. Der hervorragende Stratege Brawn ist natürlich ersetzbar. Aber wann? Denn der Brite wirkt so stark, daß es Ferrari schwerfallen wird, jemanden an seine Stelle zu setzen, der sofort die gleiche Autorität ausstrahlt. Wahrscheinlich schwächt Brawns Rückzug Ferrari wenigstens vorübergehend.

Schumacher hätte darüber wohl noch hinweggesehen und sich wieder auf die Hinterbeine gesetzt. Allein schon, weil einen Champion ein wunderbares Duell immer reizt: Ein stallinternes Rennen gegen den pfeilschnellen Räikkönen, das wäre die letzte große Herausforderung gewesen. Daß diese spannende Frage aber nun offenbleibt, hängt letztlich mit einer auf den ersten Blick kaum zu erkennenden, sehr menschlichen Schwäche Schumachers zusammen: Er ist empfindlich. Die Härte der Kritik hat ihn über die Jahre offenbar mehr ermüdet als vermutet. „Lügner“, „Dreckskerl“? Schumacher hat wohl keine Lust mehr, sich von Kollegen oder ehemaligen Rennfahrern be- und vor allem verurteilen zu lassen. Insofern ist der Rücktritt kein reines Wunschergebnis. Aber der richtige Schluß zu einem guten Zeitpunkt. Denn noch fragen alle, warum er aufhört.

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Jahrgang 1964, Sportredakteur.

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