26.07.2009 · Der schwere Unfall des Brasilianers Felipe Massa ist ein Memento mori der spektakulären Art: Es ruft den Formel-1-Piloten in Erinnerung, dass ihr Sport lebensgefährlich ist. Der technische Schwachpunkt bleibt der Kopf des Fahrers.
Von Evi SimeoniDie Cockpits der Formel-1-Rennwagen sind klein. Maßgeschneidert umschließen die Sitze die Körper der Fahrer. Die stecken fest wie Haselnüsse in ihren Schalen, da passt nichts mehr zwischen Anzug und Sitz, und die Helme sind umschlossen von Schaumstoffkragen und Sicherheitssystemen. Die Piloten ziehen ihr Auto an wie eine motorisierte Jacke, legen Gurte um wie Hosenträger – Mitfahrgelegenheit absolut ausgeschlossen. Und doch ist ein unsichtbarer Fahrgast auf ihren Hightech-Runden immer dabei: der Tod.
Fünfzehn Jahre lang ist kein Formel-1-Rennfahrer mehr in seinem Auto zu Tode gekommen. Die Unfälle von 1994 in Imola, die erst den Österreicher Roland Ratzenberger und dann den Brasilianer Ayrton Senna das Leben kosteten, haben zu beispiellosen Sicherheitsverbesserungen geführt. Wie geborgen ein Formel-1-Pilot in seiner Zelle sitzt, konnte man besonders gut vor zwei Jahren sehen, als der Pole Robert Kubica beim Großen Preis von Kanada in Montreal verunglückte. Nach doppeltem Aufprall und unzähligen Rotationen war von seinem Auto nur noch ein Kerngehäuse übrig, aus dem Kubica herausgeschält werden musste. Und dann? 24 Stunden später wurde er nahezu unverletzt aus dem Krankenhaus entlassen.
Memento mori der spektakulären Art
An jenem Tag schien es so, als hätten ausgerechnet die Autorennfahrer, die Herausforderer der Lebensgefahr, die Todesdrohung auf der Strecke besiegt. Doch wer auf eine solche Illusion hereinfällt, muss irgendwann eine bittere Rechnung dafür zahlen.
Wer es geschafft hat, diesen Grundsatz zu verdrängen oder gar zu vergessen, hat am Samstag eine massive Gedächtnisstütze bekommen. Ein Memento mori der spektakulären Art. Mit verblüffender und verstörender Präzision machte sich die schwere Metallfeder aus Rubens Barrichellos Auto auf den Weg, als wäre er vorgezeichnet. Sie muss mehrmals aufgesprungen und doch auf Kurs geblieben sein. Sie flog, als würde sie magnetisch angezogen, auf Felipe Massa zu, obwohl dieser sich mit rasender Geschwindigkeit vorwärtsbewegte. Am Ende dieser grausigen Choreographie traf sie den Kopf des Brasilianers und schlug ihn k.o. (siehe: Felipe Massa: Nur Zentimeter vom Tod entfernt)
Schwachpunkt Kopf
Gibt es wirklich keine Zufälle? Ausgerechnet die pragmatischen Rennfahrer, ganz besonders der unglückliche Rubens Barrichello, interpretieren das Unglück von Budapest als ein Warnzeichen. Zumal weniger als eine Woche zuvor der erst 18 Jahre alte Henry Surtees bei einem Formel-2-Rennen in Brands Hatch von einem Reifen erschlagen wurde. Der technische Schwachpunkt der ausgefeilten Sicherheitskonstruktion wurde wieder einmal einhellig benannt: Die Köpfe der Rennfahrer können nicht ausreichend vor herumfliegenden Teilen geschützt werden. Vielleicht finden die Techniker ja eines Tages eine überzeugende Lösung für dieses Problem. Eine grundsätzliche Fehlkonstruktion allerdings werden sie niemals beheben können: Der Mensch ist und bleibt verletzlich.
So, wie Bernie Ecclestone sich äußerte, dachte er offenbar, die Formel 1 habe in der Zwischenzeit die Todesgefahr gebannt. Aber natürlich neigen sie in dieser Branche mehr als anderswo zu Allmachtsphantasien. Am Samstag musste er seinen Irrtum einsehen und war entsprechend verstört. Nach langer Zeit hatte sich auch dem alten Mann der unsichtbare Mitfahrer im Cockpit wieder einmal gezeigt.
Bedrohlicher Mitfahrer?
Detlef Stark (wool-web)
- 26.07.2009, 20:48 Uhr