02.11.2009 · Bremsblockade: In Zeiten des Sparzwangs hat das Kinetic Energy Recovering System ausgedient. Die Formel 1 hat damit eine große Chance vertan, denn Kers war der erste ernsthafte Versuch, auf die grüne Welle zu reagieren.
Von Anno HeckerRegeländerungen können auch ein Segen sein. Zwar ist das in der Formel 1 selten der Fall gewesen. Aber diesmal, also für 2010, wird es so sein. Der geneigte Formel-1-Fan braucht sich nach dem Finale von Abu Dhabi nicht mehr mit einem Zungenbrecher herumquälen: Das Kinetic Energy Recovering System, kurz Kers, hat ausgedient. Und damit die selbst Kenner quälende Frage, auf welchen Pisten die Speicherung von Bremsenergie zur Beschleunigung auf Knopfdruck sinnvoll ist. Wie war das noch zu Saisonbeginn? Da erklärten graduierte Ingenieure, dass Kers vor allem auf der langsamen, winkeligen Piste von Monaco nichts bringe. Die Praxis hat alle belehrt: Kers war Gold wert im Fürstentum.
Und nicht nur dort. Lewis Hamilton hat sich oft genug für den Extraschub im Heck bei Mercedes bedankt. Wegen der guten Technik. Dazu aber mussten die Schwaben erst von den Bayern überzeugt werden. Denn Kers kostete ein Heidengeld. Man spricht von zwanzig bis dreißig Millionen Euro. Was in Zeiten des allgemeinen Sparzwangs und des von der politischen Formel-1-Führung proklamierten Kostendiktats Bremsblockaden auslöste. Neun von zehn Teams verlangten angesichts des finanziellen Aufwands und technischer Probleme eine Verschiebung der Kers-Einführung. Nur BMW pochte auf die Abmachung. Angeblich beschleunigte die Haltung den Abschied. Erst wurde Kers, das Lieblingsprojekt der Münchener, aus dem Auto geworfen, um auf Tempo zu kommen. Dann kündigte der Vorstand an, seine BMW-Autos zum 2. November ganz aus dem Rennen zu nehmen. Und zwar drei Tage nachdem Hamilton in Ungarn der erste Grand-Prix-Sieg in dieser Saison gelungen war. Auch dank Kers, also dank BMW.
Kers war der erste Versuch, vom Schluckspecht-Image loskommen
Zweifellos hat sich die Kers-Nummer bei den Bayern zu einem PR-Desaster entwickelt. Das ändert aber nichts an der grundsätzlich klugen Initiative. Hinter der Entscheidung für Kers steckte nämlich der erste ernstzunehmende Versuch, auf die begrüßenswerte grüne Welle zu reagieren. Die Formel 1 wird wahrscheinlich nie von ihrem Schluckspecht-Image loskommen. Wie auch bei einem Verbrauch von rund 70 Litern Benzin auf einhundert Kilometer? Da mag die Effizienz der Triebwerke noch so groß und die Belege für den um ein Vielfaches höheren Energieverbrauch anderer Sportarten noch so überzeugend sein. Trotzdem darf sie nicht schulterzuckend auf die unsterbliche Lust des Menschen an Autorennen verweisen.
Die Fortsetzung der schnellen Entwicklung von Kers in der Formel 1 hätte indirekt, das berichten Spezialisten, positive Auswirkungen auf den Benzinverbrauch von Straßenwagen mit Hybridtechnik gehabt. Diese große Chance aber hat die Formel 1 mit dem für alle verbindlichen Ausbau von Kers vergeben. Zwar wird die neue Regel für 2010, nicht mehr nachtanken zu dürfen, Piloten zu verstärkter Sparsamkeit und Motorenhersteller zu Verbrauchsreduzierung bei gleich hoher Leistung zwingen. Dafür aber gibt es nicht mal einen grünen Punkt.