14.03.2009 · Der Nobelschlitten zuckelt, der fast verschrottete Bolide saust allen davon! Das will man lesen: das ergreifende Stück vom Aufschwung der Gebeutelten bei Brawn GP an die Spitze, kurz vor ihrem kolportierten Ende, während die Dauersieger McLaren-Mercedes ratlos herumschrauben. Doch der Schein trügt.
Von Anno HeckerDer Nobelschlitten zuckelt, der fast verschrottete Bolide saust allen davon! Das will man lesen: das ergreifende Stück vom Aufschwung der Gebeutelten bei Brawn GP kurz vor ihrem kolportierten Ende an die Spitze, während die Dauersieger von McLaren-Mercedes mit ihrem strahlenden Weltmeister in der Formel 1 ratlos an ihrem langsamen Gefährt herumschrauben. Nein, zu früh erscheint diese Leistungseinschätzung zwei Wochen vor dem Saisonstart der Formel 1 in Melbourne nicht.
Die Nachricht kommt quasi direkt von der Rennstrecke, von den letzten Testfahrten in Barcelona, wo alle Rennställe bei einer Generalprobe relativ ungeschminkt Vollgas gaben. Dass McLaren-Mercedes mit erstaunlicher Offenheit das technische Problem ansprach, verstärkt den Eindruck. Bis zum ersten Grand Prix in Europa, teilte Mercedes' Sportchef Norbert Haug mit, soll der Bremsballast abgeworfen sein. Das wäre nach vier Grand Prix. Das Rennen könnte dann schon für diese Saison gelaufen sein.
McLaren kreist wohl nur in der zweiten Reihe - wenn überhaupt
Man kann sich vorstellen, wie schwer es den stolzen Engländern und Schwaben gefallen ist, auch noch zuzugeben, was Insider längst gesehen haben. Die Flucht nach vorne gilt als ziemlich verlässliches Indiz für ein schwerwiegendes Problem mit dem McLaren. Denn bei kleineren Malaisen hätte diese stolze Renngemeinschaft niemals Zweifel an ihrer gegenwärtigen Leistungsfähigkeit bestätigt. Vermutlich soll die Welt sanft auf ein ungewöhnliches Bild vorbereitet werden: Der Premium-Klub kreist vorerst wohl nur in der zweiten Reihe. Wenn überhaupt.
Der Schein täuscht: Honda steckte mehr Zeit in den neuen Wagen
Die Entdeckung der Langsamkeit bei McLaren-Mercedes wird angesichts des überraschenden Aufstiegs von Brawn GP Hohn und Spott provozieren. Überholt nun schon eine Art Volkswagen japanischer Herkunft mit einem Privatier (Ross Brawn) am Kommandostand eine exklusive, ausgiebig getestete Werkskarosse? In der heftig geführten Auseinandersetzung um Erfolgsaussichten trotz rigider Spar-Anordnungen passt der Fall Brawn-McLaren fast perfekt in die Argumentation von Max Mosley, dem Präsidenten des Internationalen Automobil-Verbandes: Seht her, Klein schlägt Groß!
Aber der schöne Schein täuscht. Honda steckte bis zur Rückzugsankündigung Anfang Dezember mehr Geld und Konzentration in den neuen Rennwagen als McLaren. Honda hatte in der Saison 2008 gleich nach dem ersten Rennen die Entwicklung eingestellt, sich als aktueller Mitläufer nur noch auf das Modell 2009 konzentriert, während sich McLaren-Mercedes mit Ferrari ein hochattraktives wie kräftezehrenden Duell lieferte. Bis in die letzte Runde hinein. Insofern sind die Lobeshymnen auf den Brawn-Boliden übertrieben. Statt dessen erscheint die fortgesetzte Spitzenposition von Ferrari erstaunlich. Die weltweite Sympathie für die neue Spitzenkraft aber belegt, was die Formel 1 braucht: einen Wechsel.