11.03.2010 · Die Spannung ist mit Händen zu greifen im Fahrerlager. Mit jeder Stunde steigt die Nervosität. In Bahrein startet die Formel 1 in ihre neue Saison, die so viel sportliche Aufregung verspricht wie lange nicht mehr. Dabei geht es nicht immer professionell zu.
Von Anno HeckerDie Spannung ist mit Händen zu greifen im Fahrerlager. Mit jeder Stunde steigt die Nervosität. Sonst gelassene Rennfahrer wirken wie Rennpferde kurz vor dem Start. Sie scharren sinnbildlich mit den Hufen und schreien ihre Aufregung diplomatisch verpackt in die Sakhir-Wüste von Bahrein hinaus: Schluss mit den luftigen Leistungsanalysen, mit den wortreichen Umschreibungen selbstverständlicher Wünsche und Hoffnungen. Lasst uns fahren!
Und zwar hinein in eine neue Formel-1-Geschichte, die so viel sportliche Aufregung verspricht wie lange nicht mehr. Gelingt Michael Schumacher eine Verjüngungskur und mit Mercedes eine Sternfahrt? Zeigen ihm drei Weltmeister und Teamkollege Nico Rosberg im besten Alter, dass er überholt ist? Steigt Sebastian Vettel zum neuen Star der Szene auf?
Die Lösung der ersten Spannung an diesem Wochenende wird vielleicht den Hype um Schumacher reduzieren. Aber sie wird neue Geschichten produzieren. Die von glorreichen Siegen und dramatischen Niederlagen. Denn diesmal gibt es wohl zu viele WM-Kandidaten, zu viele Teams, die unter Hochdruck in der gleichen Liga kreisen, als dass es auf eine ermüdende Solotour hinauslaufen könnte.
Vor wenigen Monaten noch hätte niemand gewagt, diese atemraubende Beschleunigung vorherzusagen. Die Formel 1 war froh, ihre skandalträchtigste Ära halbwegs hinter sich gelassen zu haben: den Spionagefall mit einer grotesken Verurteilung von McLaren-Mercedes zu 100 Millionen Dollar im Herbst 2007, die Sex-Affäre des sadomasochistischen Verbandspräsidenten Mosley, den fingierten Unfall von Singapur, die drohende Spaltung im vergangenen Juni. Alles vorbei und vergessen?
Für den greisen Ecclestone muss die Formel 1 ein Jungbrunnen sein
Normalerweise wirkt die Formel 1 wie eine Zeitmaschine im schnellsten Vorwärtsgang. Auf der ständigen Suche nach Hundertstelsekunden scheinen die Menschen wie im Fluge zu altern. Schumacher aber fühlte sich bei der Bekanntgabe seines Wiedereinstiegs „wie ein Zwölfjähriger“. Der greise Chefmanager Bernie Ecclestone hüpft dieser Tage wieder von einem Piloten zum anderen. Sie könnten seine Enkel sein.
Die Formel 1 muss auch für den Briten ein Jungbrunnen sein. Im Oktober wird er 80 Jahre alt. Diese Verjüngungskur hängt mit den Menschen zusammen, nicht mit den Maschinen. Der 41 Jahre alte Schumacher bringt seine Kollegen auf Trab. Sein Nachfolger bei Ferrari, der Spanier Fernando Alonso, ermuntert Ecclestone stets zu einem juvenilen Lächeln. Erstaunt stellte das amerikanische Magazin „Time“ fest, dass 40.000 Menschen zur Rennstrecke nach Valencia pilgerten. „Dabei gab es gar kein Rennen“, schrieb „Time“, „nur Testfahrten.“
Sauber kreist noch ohne Hauptsponsor
Die Rückkehr des Altmeisters, der Aufbau eines neuen Ferrari-Stars kaschieren aber vorerst nur handfeste Probleme der Formel 1. An diesem Freitag wird man bei den ersten Trainingsfahrten eine neue Dreiklassengesellschaft erleben. Topteams vorne, einen Mittelstand und Hinterbänkler mit vielleicht fünf Sekunden Rückstand – pro Runde. Das ist das Resultat der Abwanderung von Honda, BMW und Toyota, des Ausstiegs von potenten Sponsoren binnen elf Monaten. Selbst der renommierte Rennstall Sauber kreist noch ohne Hauptsponsor. Die Schweizer werden das Jahr trotzdem gut überstehen.
Bei den neuen Teams darf man trotz ihrer leidenschaftlichen Bemühungen nicht sicher sein. Hispania etwa will an diesem Freitag erstmals mit dem neuen Auto auf die Rennstrecke ausrücken. Das spricht nicht für Professionalität der Formel 1, eher für das Image, alles zu riskieren. Die Befürchtung von Ferrari-Pilot Felipe Massa spricht für sich: „Ich hoffe, dass sie nicht zur Gefahr werden.“