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Formel 1 „Kein Wort darüber, daß wir Weltmeister sind“

07.10.2005 ·  Ein Renault-Pilot ist Formel-1-Weltmeister, und keiner merkt's. Die Franzosen bleiben auf dem Werbemarkt untätig, in Sachen Vermarktung herrscht Chaos. In Paris regiert in Sachen Motorsport der Geheimdienst.

Von Holger Appel
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Renault baut die sichersten, zuverlässigsten und schnellsten Autos der Welt. Wie, das glauben Sie nicht? Also der Reihe nach. Seit Jahren erreicht jedes neu auf den Markt kommende Modell der Franzosen die Höchstnote von fünf Sternen im maßgeblichen Crashtest Euro-NCAP, so daß mittlerweile fast die gesamte Palette die Idealnote ziert. Renault gibt sich auch alle Mühe, dies den Menschen mitzuteilen. Gerade läuft ein wunderbarer Kinospot an, in dem bei Crashtests Würste platzen, Sushis explodieren und Knäckebrote bersten. Nur ein Baguette übersteht den Aufprall nahezu unversehrt.

In der Folge des vorvergangenen Sonntags hätte man auch Spots und Zeitungsanzeigen erwartet, in denen Würste dampfend auf dem Asphalt liegen, Sushis und Spaghetti dahinschleichen und ein gelb-blaues Baguette sich eine schwarz-weiß karierte Flagge umwirft. Doch nichts dergleichen. Ein Renault-Pilot ist Formel-1-Weltmeister, und keiner merkt's. Über die Berichterstattung der Presse am Tag des Triumphes hinaus sorgen die Franzosen für keinerlei Aufmerksamkeit. Es gibt keine Anzeigen in Zeitungen, keine Fernsehspots, keine Sondermodelle in den Autohäusern - nichts.

Nicht ganz unbedeutende Details

Schon im drittletzten Rennen hat Fernando Alonso einen uneinholbaren Vorsprung herausgefahren. Der französische Bolide des Spaniers war in der Pannenstatistik der Formel 1 nahezu unsichtbar (was man leider von den Alltagsautos nicht uneingeschränkt behaupten kann) und gehörte stets zu den schnellsten Autos im Feld. Sie können also für ein paar hundert Millionen Euro einen Rennwagen bauen, mit dem Alonso der jüngste Weltmeister der Formel-1-Geschichte wurde. Aber warum bleiben die Franzosen auf dem Werbemarkt dann im Moment untätig, warum herrscht in Sachen Vermarktung Chaos? (Siehe auch: Freies Training in Suzuka: Schumacher träumt von einem „Sieg für die Moral“).

Wie man hört, ist sich Renault nicht einmal sicher, ob es Werberechte an seinem Starpiloten Alonso besitzt. Womöglich gehören diese dem schillernden Teammanager Flavio Briatore, womöglich jemand anderem. Jedenfalls ließ sich dieses nicht ganz unbedeutende Detail bislang offenbar nicht klären.

Funkstille

Eine vor Monaten erschienene Anzeige mit einem Motiv aus Alonsos Kindheit wurde ebenso rasch wie geräuschlos eingestampft. Seither herrscht Funkstille. Zudem haben offenbar die Sponsoren Vorrechte, so daß demnächst statt Renault wohl die weltberühmte Firma Hanjin (was machen die eigentlich?) als Weltmeister auftreten wird, weil sie einen Aufkleber bezahlt. Das allerdings darf sie erst nach Abschluß des letzten Rennens, denn vorher haben angeblich der Internationale Automobil-Verband, der Formel-1-Großmeister Bernie Ecclestone oder alle zusammen etwas gegen den Weltmeisterauftritt. Denn offiziell ist Alonso ja noch gar nicht Champion. Aufgrund der Ungewißheit hat die Zentrale von Renault den Ländergesellschaften deshalb vorsorglich eine klare Direktive erteilt: "Kein Wort darüber, daß wir Weltmeister geworden sind. Nicht nach außen, nicht nach innen."

Ein wenig Hoffnung besteht aber doch noch, daß aus dem Staatsgeheimnis eines Tages Profit gezogen wird. Zwei Wochen nach dem letzten Rennen in China am übernächsten Sonntag könnte man vielleicht eine Werbeaktion starten, wird nun in Paris überlegt. Die Logik dahinter scheint selbst dem neuen Vorstandsvorsitzenden suspekt. "Was machen wir eigentlich aus unserem Erfolg?" fragte Carlos Ghosn kürzlich in hochrangiger Runde rhetorisch.

Von Weltmeisterbonus noch keine Spur

Ein Blick auf die Zulassungszahlen gibt zumindest für den wichtigsten Automobilmarkt Europas eine Antwort. In Deutschland verkaufte Renault zwischen Januar und August 116.071 Autos und verlor damit im Vergleich zum Vorjahr Marktanteile an die Konkurrenz. Von Weltmeisterbonus noch keine Spur. Das könnte sich ändern. Zum Beispiel mit dem Gewinn des Konstrukteurs-Wettbewerbs im Kampf gegen McLaren-Mercedes am Sonntag (Siehe auch: FAZ.NET-Liveticker) in Japan und schließlich in Schanghai. Dann würde Renault stante pede die Geheimniskrämerei aufgeben.

Quelle: F.A.Z. vom 8. Oktober 2005
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Jahrgang 1966, Redakteur in der Wirtschaft, zuständig für „Technik und Motor“.

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