31.03.2008 · Der Chef des Internationalen Automobilverbandes (FIA), Max Mosley, soll sich faschistische Ausfälle geleistet haben. Sein Vater Sir Oswald Mosley erregte als Faschistenführer in England Aufsehen.
Von Anno HeckerJüdische Organisationen in England haben Max Mosley, den Präsidenten des Internationalen Automobil-Verbandes (FIA), am Montag zum Rücktritt aufgefordert. „Das ist eine Beleidigung für Millionen Opfer, Überlebende und deren Familien. Er muss sich entschuldigen, er sollte zurücktreten“, sagte Stephen Smith, der Direktor des britischen Holocaust-Zentrums.
Zuvor hatte das britische Magazin „News of the World“ behauptet, [...] Eine Prozedur, die auch Häftlinge der Nazis erdulden mussten.
FIA: „Private“ Angelegenheit
[...] Mosley war am Montag zu einer Stellungnahme nicht zu erreichen. Die FIA verwies auf eine „private“ Angelegenheit ihres Präsidenten. „News of the World“ hatte erklärt, ein Video zu besitzen, dass die Vorwürfe belege. Angeblich will Mosley das Magazin wegen der Störung seiner Privatsphäre verklagen.
Mosley ist ein Mann des öffentlichen Interesses. Als FIA-Chef hat er in den vergangenen 14 Jahren wesentlich an der Entwicklung der Formel 1 zu einem für die Piloten sicheren Sport beigetragen. Gleichzeitig stärkte er mit einer rigiden Machtpolitik seine Position, zwang schließlich im Verein mit Chefmanager Bernie Ecclestone die gesamte Automobil-Industrie, von einer eigenen Rennserie abzusehen und einzulenken. Dabei halfen ihm seine Intelligenz und seine Eloquenz, selbst so erfahrene und erfolgreiche Teamchefs wie den McLaren-Boss Ron Dennis in die Knie zu zwingen.
Der Vater war Faschistenführer
Diese Karriere war ihm in der Politik nicht vergönnt. Zu sehr haftete der Makel seines Vaters an Mosleys Revers. Sir Oswald Mosley erregte als Faschistenführer in England Aufsehen, ließ seine Schwarzhemden durch Londons East End – vorwiegend von Juden bewohnt – marschieren. Mosley begeisterte sich für Mussolini, seine Frau Diana Mitford für Hitler, Augenzeuge der heimlichen Heirat des englischen Paares im Berliner Büro von Deutschlands Propagandaminister Josef Goebbels. Die englische Regierung ließ die Mosleys nach Ausbruch des Krieges zeitweise internieren. Erst Ende der fünfziger Jahre erlaubte die Bundesregierung dem Ehepaar wieder die Einreise: zum Besuch in Bayreuth bei Winifred Wagner.
Dass Max Mosley trotz seiner Begabung nach Ausbildung in Salem und Oxford (Jura) nur im Motorsport zu politischem Ruhm und Ehre kam, erklären seine Landsleute mit der Weigerung, sich restlos von seinem Vater zu distanzieren. „Er war wunderbar als Person. Ich denke, er hätte keinen guten Diktator gegeben“, zitiert „News of the World“ Mosley. „Er hat so gesprochen, aber grundsätzlich war er zu weich.“
Briatores deutscher Gruß ungestraft
Mosley ist in der Formel 1 als äußerst höflicher, aber harter Mensch in Erscheinung getreten. Die Strafen der FIA für Verspätungen bei Pressekonferenzen bis hin zur Geldbuße von 100 Millionen Dollar (gegen McLaren-Mercedes) im nicht erschöpfend bewiesenen Spionageskandal zeugen von der Bereitschaft des Verbandes, zuzuschlagen. Auch wenn hinter den Urteilen ein großer Kreis von Funktionären steht, so ist die Handschrift Mosleys unverkennbar. Piloten mussten sich frühere regelmäßig für ungebührliches Verhalten verantworten. Und wenn es nur die Kritik eines aufmüpfigen Piloten wie Jacques Villeneuve an Entscheidungen von Streckenkommissaren war. Alles, was dem Ansehen der Formel 1 schadet, ist laut Sport-Code strafwürdig.
Als jedoch Flavio Briatore, immerhin der bekannteste Repräsentant des Renault-Teams, vor ein paar Jahren im Fahrerlager den deutschen Gruß erbot und später mit dem erhobenen rechten Arm Leser der „Bild“-Zeitung grüßte, blieb die FIA stumm. Es sei ein dummer Spaß gewesen, hieß es im Fahrerlager. So reagierte am Montag auch Mosleys kongenialer Partner, Bernie Ecclestone, in der Online-Ausgabe der „London Times“: „Ich kenne Max, es könnte ein Scherz gewesen sein.“
Konzerne warten ab
Im Fahrerlager der Formel 1 ist Mosley als Autor rechtsradikaler Sprüche oder Gesten im Gegensatz zu anderen nicht aufgefallen. Im Gegenteil. Als der schwarze Lewis Hamilton bei den Winter-Testfahrten in Spanien von Fans seines früheren Teamkollegen Fernando Alonso beschimpft wurde, packte der 67 Jahre alte Mosley ohne zu zögern zu. Er verurteilte jede Form des Rassismus. Die FIA drohte dem Rennstreckenbetreiber mit drakonischen Strafen für den Fall einer Wiederholung.
Ecclestone glaubt nach den Vorwürfen von „News of the World“ nicht an einen Schaden für die Formel 1. Er räumte aber ein, geschockt zu sein: „Wenn mir das jemand ohne die Indizien erzählt hätte, dann wäre es mir schwer gefallen, es zu glauben.“ Was die an der Formel 1 beteiligten Automobil-Hersteller glauben, war am Montag nicht zu erfahren. Konzerne wie BMW, Mercedes, Toyota schwiegen zu der Affäre. Offensichtlich wollen sie abwarten, wie Mosley reagiert.