24.08.2008 · Die Formel 1 betrat mit dem Hafenrennen in Valencia Neuland - doch das Rennen bot wenig. Ferrari-Pilot Felipe Massa beherrschte den Großen Preis von Europa. Zweiter wurde Lewis Hamilton. Bester Deutscher war Sebastian Vettel.
Von Anno Hecker, ValenciaKlopf, klopf, klopf. Bevor sich Felipe Massa auf seinen Boliden stellte, schlug er dem Renner so anerkennend auf das Chassis wie Springreiter nach großen Sprüngen auf die Hälse ihrer Rösser: „Brav gelaufen, Pferdchen!“ Diesmal haben Massa die gut 750 Pferde unter der Haube zuverlässig über die Runden gebracht. Und so flink, dass der kleine Brasilianer das erste Rennen auf dem neuen Hafenkurs von Valencia am Sonntag souverän vor Lewis Hamilton im McLaren-Mercedes und Robert Kubica (BMW-Sauber) gewinnen konnte.
Die aufregendsten Szenen eines überraschend unspektakulären, bisweilen eintönigen zwölften von achtzehn Grand Prix, ereigneten sich in der Boxengasse, weil Ferrari zweimal den Überblick verlor. Massa wäre nach seinem zweiten Tankstopp um ein Haar mit Adrian Sutil (Force India) zusammengestoßen.
Die Formel 1 ist immer für Überraschungen gut
Außerdem wurde ein Ferrari-Mechaniker verletzt, als Kimi Räikkönen lossauste, obwohl der Tankschlauch noch im Stutzen steckte. Die Deutschen kamen fast fehlerfrei über die Runden: Sebastian Vettel (Toro Rosso) belegte Rang sechs vor Timo Glock (Toyota), Williams-Pilot Nico Rosberg und Nick Heidfeld im BMW. Im Kampf um die Fahrer-Weltmeisterschaft bleibt es spannend: Hamilton führt mit 70 Punkten vor Massa (64) und Räikkönen (57).
Die Formel 1 ist immer für Überraschungen gut. Unfälle hatte man in der ersten Runde erwartet, Karambolagen beim ersten Verdrängungswettbewerb durch den engen Kanal rund um den Hafen namens Juan Carlos I. Aber die Piloten fuhren los, als ging es um eine Führerscheinprüfung: Diszipliniert reihte sich das Feld hinter Felipe Massa, Hamilton und Kubica ein. Nur einer verschätzte sich: Katzuki Nakajima brauchte für ein Bremsmanöver in seinem Williams einen Renault als Prellbock.
„Ich konnte es zwischenzeitlich ruhig angehen lassen“
Was die (offiziell) rund 115.000 Zuschauer betroffen von den Sitzen riss. Weil sie sahen, wie sich mit dem zerbröselnden Heckflügel auch die kleinste Hoffnung ihres verehrten Matadoren in Kohlefaserpartikel auflöste. Spaniens Renault-Pilot Fernando Alonso kam nicht mal über eine Runde hinaus. Feierabend zur Mittagszeit.Alonso war gar nicht nach Entspannung zu Mute, so rot wie sein Kopf glühte.
Bei 30 Grad Celsius fällt es Piloten am leichtesten, cool zu bleiben, wenn sie schnell unterwegs sind. „Ich konnte es zwischenzeitlich wirklich ruhig angehen lassen“, sagte Massa. Obwohl sich Sorgen häuften: Hält die Maschine, was sie verspricht? 13 Kilometer vor dem Ziel hatte Massa vor drei Wochen in Ungarn mit einem Schlag (Motorschaden) den Sieg verloren.
Michael Schumacher: „Das war Felipe-like“
Umso mehr drängte es den Paulista, seine fahrerische Leistung in Valencia, seinen Anspruch auf den Gewinn des Championats „unbedingt zu wiederholen“. Gesagt, getan. Schon die Fahrt zur Pole-Position entzückte einen Kenner: „Das war Felipe-like“, sagte Michael Schumacher, längst Ratgeber und Förderer seines ehemaligen Teamkollegen in der Scuderia.
Aus der Box verfolgte der siebenmalige Weltmeister, wie Massa nicht nur Räikkönen abhängte, sondern vor allem Hamilton im zweiten Teil des Grand Prix davonzog, immerhin gut zehn Sekunden. Allein der Brite konnte dem Südamerikaner folgen. BMW-Mann Kubica kam über die Rolle einer rasenden Pufferzone in der Spitze nicht hinaus. Im Schnitt brauchte er pro Runde etwa 0,7 Sekunden länger als das Führungsduo. Die Spitze scheint BMW zu enteilen.
Glock kommt vor Rosberg und Heidfeld ins Ziel
Dafür tauchten Deutsche weiter vorne auf, denen man Leistungssprünge nicht so schnell zugetraut hatte. Sebastian Vettel kreiste mit seinem Toro Rosso aus einem der vier Privatteams inmitten der großen Werke. Erst als Sechster im Qualifikationstraining und dann als unantastbarer Zeitgenosse der betuchten Teams im Grand Prix. Spektakulärer wirkte nur der Sprung von Timo Glock nach vorn. Der Odenwälder entwickelt sich zu einem konstanten Unterhaltungsfaktor der Formel 1.
Als der Große Preis von Deutschland ermüdend seine Bahnen zog, wirbelte Glock mit seinem Unfall wegen eines Aufhängungsschadens die Reihenfolge durcheinander. In Ungarn bescherte der Hesse Toyota den ersten zweiten Rang in dieser Saison. Am Sonntag verwandelte er ein verpatztes Zeittraining (13.) in den nächsten doppelten Punktegewinn. Während die Vordermänner eine Zweistopp-Strategie wählten, fuhr Glock die Tankstelle nur einmal an und kam deshalb vor Rosberg und Heidfeld als Siebter ins Ziel.
Massa horcht bei 44 Grad Celsius in seine Maschine
Die Strategie wird zwar in Abstimmung mit der Kommandozentrale festgelegt. Das mit Benzin schwer beladene Auto aber muss der Fahrer mit Feingefühl ins Ziel bringen. Ein Fehlerchen und die Ausfahrt endet in Valencias Stadtteil Grao vielleicht an der Mauer zum Friedhof. „Vor allem wenn man müde wird, werden Stadtkurs gefährlich“, sagt der ehemalige Grand-Prix-Fahrer Gerhard Berger. 42 Runden von 57 waren gefahren, als Sutil spürte, dass die Auslaufzonen entgegen seiner eigenen Einschätzung doch nicht „zu groß sind“. Jedenfalls knickte beim Force-India die Vorderradaufhängung ab, als bei der Kurskorrektur des Süddeutschen die „Strecke ausging“.
Zwei Runden später schickte Ferrari in der Hitze des Gefechts Kimi Räikkönen ins Rennen zurück, obwohl der Tankvorgang noch nicht abgeschlossen war. Der Tankwart wurde zu Boden geschleudert und nach Räikkönens Abfahrt mit einer Trage in die Krankenstation an der Rennstrecke gebracht. Weitere zwei Runden später würgte der Ferrari-Motor im Auto des Weltmeisters nur noch einen Knall und Rauch aus allen Rohren. Zu viel Belastung? In diesem Moment zeigte das Thermometer eine Asphalttemperatur von 44 Grad Celsius an. Massa geriet noch mehr ins Schwitzen, horchte auf den letzten Runden angestrengt in seine Maschine hinein. Diesmal hielt sie seinem Tempo stand.