26.07.2009 · Im Schatten des schlimmen Qualifying-Unfalls von Felipe Massa hat Lewis Hamilton den Sieg beim Formel-1-Rennen in Ungarn gesichert. Kimi Räikkönen und Mark Webber folgten. Sebastian Vettel indes erlebte einen herben Rückschlag im Titelrennen.
Von Michael Wittershagen, BudapestZuerst war es nur blauer Qualm, der am Heck seines Red Bull aufstieg. Aber schon wenige Augenblicke später musste Sebastian Vettel an die Box fahren, er ließ Frontflügel und Reifen tauschen - und war am Sonntag beim Großen Preis von Ungarn doch in der 31. Runde gezwungen, aufzugeben. „Wir hätten heute viele Punkte holen können. Schließlich sind wir es, die aufholen müssen“, sagte der Zweiundzwanzigjährige.
Selten waren die Möglichkeiten in den vergangenen Wochen besser, im WM-Klassement einen derart großen Schritt in Richtung Jenson Button zu unternehmen. Der 29 Jahre alte Engländer kam als Siebter noch hinter Timo Glock (6. Platz) ins Ziel. Aber anstatt selbst in der Rolle des ersten Verfolgers zu bleiben, musste Vettel (47 Punkte) tatenlos zusehen, wie sein Teamkollege Mark Webber (51,5) nicht nur Dritter auf dem Hungaroring wurde, sondern auch in der Gesamtwertung an ihm vorbeizog und näher an Button (70) heranrückte.
„Es war kein schönes Wochenende für uns“
Trotz seines Sieges in Budapest denkt Lewis Hamilton schon lange nicht mehr an die Verteidigung seines Weltmeistertitels. Aber nach Monaten voller Rückschläge war die Freude über den ersten Erfolg seit Oktober 2008 umso größer. „Wir haben es verdient. Niemand von uns hat aufgegeben, obwohl wir harte Zeiten durchgemacht haben“, sagte der 24 Jahre alte Engländer, der vor Kimi Räikkönen ins Ziel kam. „Es war kein schönes Wochenende für uns“, sagte der Ferrari-Pilot. „Nun ist zumindest etwas Positives passiert.“ Es war das erste Mal in dieser Saison, dass nicht Brawn GP oder Red Bull die Hauptrolle spielten, dass der oberste Platz auf dem Podium an ein anderes Team ging.
Für Vettel nahm das Unheil schon kurz nach dem Start seinen Lauf. Wie am Nürburgring vor zwei Wochen schien sein Red Bull lediglich wie in Zeitlupe zu beschleunigen. Er war machtlos, als Hamilton im McLaren-Mercedes und Räikkönen im Ferrari auf Knopfdruck mit frappierender Leichtigkeit an ihm vorbeischossen. Möglich machte dies das Energie-Rückgewinnungs-System (Kers), das für wenige Sekunden zusätzliche 80 PS bereitstellte.
„Da fahren manchmal fünf, sechs, sieben Autos nebeneinander“
Aber das Manöver von Räikkönen mit Kontaktaufnahme ging nicht spurlos am RB5 von Vettel vorbei: „Ich wusste sofort, etwas ist kaputt. Der Wagen hat Öl verloren und ist viel aufgesetzt. Das linke Rad war beschädigt, Rechtskurven gingen gar nicht mehr.“ Einen Vorwurf wollte er Räikkönen trotzdem nicht machen, stattdessen übte er Kritik am Reglement. Nur McLaren und Ferrari gehen derzeit mit Kers an den Start, was oft genug zu gefährlichen Situationen vor der ersten Kurve führt. „Da fahren manchmal fünf, sechs, sieben Autos nebeneinander“, sagte Vettel. „Da kann so etwas passieren.“ Trösten dürfte ihn das kaum.
Noch schlimmer als Vettel erwischte es nur Fernando Alonso. Der Spanier war im Renault zum ersten Mal in dieser Saison von der Pole Position gestartet, führte im leichtesten Auto des Feldes bis zur zwölften Runde und musste schließlich als Erster in die Box. Alonso war noch nicht wieder im Renntempo unterwegs, als sich vorne rechts zunächst die Radkappe und wenig später auch der Reifen löste und über den Asphalt holperte. Das Halteseil hatte versagt, und jeder an der Strecke konnte glücklich sein, dass es an diesem Wochenende nach dem Unglück von Felipe Massa am Samstag nicht zu einem weiteren Unfall kam. Für Alonso war das Rennen gelaufen, in Runde 16 schoben seine Mechaniker den Wagen in die Box.
„Das ist ein historischer Sieg, das ist der erste Sieg mit Kers“
Von da an war der Weg für Hamilton frei. Schon auf dem Nürburgring hatte McLaren-Mercedes einen deutlichen Aufwärtstrend erkennen lassen und ließ nun in Budapest die Bestätigung folgen. Eine Entwicklung, die Mercedes-Motorsportchef Norbert Haug kaum in Worte fassen konnte. „Das ist ein historischer Sieg, das ist der erste Sieg mit Kers.“ Aber bei allem Jubel dachte Hamilton auch an den verunglückten Felipe Massa. „Wir vermissen ihn hier.“ Der sportliche Alltag rückte abermals in den Hintergrund. Und doch wird derzeit eines deutlich: McLaren-Mercedes und Ferrari ist der Anschluss an die Spitze gelungen.
„Wir werden nicht lockerlassen“, sagte McLaren-Teamchef Martin Whitmarsh. Ein Satz, der wie eine Drohung für Brawn und Red Bull klingen muss - und vor allem Vettel überhaupt nicht gefallen dürfte. Nun muss er sich nicht mehr nur mit Button, Barrichello und seinem Teamkollegen Webber um die vorderen Plätze streiten, er muss ebenso auf Hamilton und Räikkönen aufpassen. Auch Nico Rosberg, der in Ungarn Vierter wurde, stellt Ansprüche. „Für das Podium hat ein bisschen was gefehlt, aber das kommt sicher bald“, sagte Rosberg.
„Ich wusste, dass diese Jungs sehr schnell sein würden“
Webber war deshalb mit Platz drei zufrieden. „Ich wusste, dass diese Jungs sehr schnell sein würden“, sagte er und schaute rüber zu Hamilton und Räikkönen. An der Rangfolge bei Red Bull soll sich vorerst aber nichts ändern, wie Teamchef Christian Horner betonte. Anders als der Deutsche sah Horner dieses Wochenende auch nicht als Niederlage an: „Wir haben den Brawns vier Punkte abgenommen, das ist eine gute Voraussetzung, um in die Sommerpause zu gehen.“
Auf vier Wochen ohne Rennen bis zum Grand Prix in Valencia freuen sich nun auch die Verantwortlichen von Brawn GP. Budapest sollte für das Team nach „frustrierenden Rennen in England und Deutschland“, wie es Teamchef Ross Brawn formulierte, die Wende einleiten. Aber auch in Ungarn bewegten sich Button und Barrichello, der Zehnter wurde, nur im bedeutungslosen Mittelfeld. Das Rennen ist offener als jemals zuvor in dieser Saison.