31.07.2011 · Vettel wird in den Ferien grübeln: McLaren hat mit Red Bull gleichgezogen. Trotzdem wird er in Ungarn Zweiter hinter Button. Hamilton erhält falsche Reifen und fällt zurück. Der WM-Vorsprung Vettels wächst dank des Regens aber.
Von Anno Hecker, MogyorodWas für ein Desaster. Da fährt Lewis Hamilton in Ungarn lange vor den Kollegen der Formel 1 her, übersteht die tückischen Bedingungen auf feuchter Piste, bleibt sogar trotz eines Dreher auf freier Strecke letztlich noch an der Spitze. Aber dann wirft den Engländer ein krasser taktischer Fehler zurück. McLaren ließ wegen eines angekündigten Schauers Intermediates (für eine nasse Strecke) aufziehen.
Doch es tröpfelte nur. Der Brite blieb in seinem McLaren quasi auf dem Trockenen sitzen. Eine Runde später wechselte er wieder zurück auf die profillosen Slicks. Diese Fehlentscheidung verdarb ihm alles: Den Sieg und vermutlich auch die Aussicht auf eine erfolgreiches Überholmanöver im großen Rennen. Denn Weltmeister Sebastian Vettel belegte auf dem Hungaroring im Red Bull Rang zwei hinter dem zweiten McLaren-Piloten Jenson Button und vor Fernando Alonso (Ferrari), Hamilton und seinem Teamkollegen Mark Webber auf Rang fünf.
So füllte sich das Konto schon wieder. Nach dem spannenden, von vielen Überholmanövern und Ausritten in die Botanik geprägten elften Grand Prix der Saison führt Vettel in der Fahrerwertung nun mit 234 Punkten vor Webber (149) und Hamilton (146). Acht Rennen vor Ende der Saison hat sich der Vorsprung auf 85 Punkte erhöht. Vettel könnte nun drei Grand Prix im Fernsehen schauen und bliebe doch an der Spitze.
Fahrer rutschen auf der Piste: „Es war wie auf Eis“
Ferien gibt es jetzt aber für alle. Für zwei der kommenden drei Wochen werden die Fabriken geschlossen. So bleibt nur die Gedankenfreiheit für virtuelle Fortschritte bei den Rennwagen. Denn bei aller Zufriedenheit angesichts des zweiten Ranges, nagt es in Vettels Oberstübchen immer, wenn es nicht so rund läuft. McLaren-Mercedes, das beweist Buttons zweiter Saisonsieg, ist der Red-Bull-Fraktion nun vollends ebenbürtig.
Die Laune der Natur mag nach Hamiltons Sieg am Nürburgring bei Herbstwetter auch in Ungarn geholfen haben. Auf dem vergleichsweise kalten, nassen Asphalt (19 Grad Celsius) spielten Hamilton und Button alle Vorteile des McLaren aus. Der aggressive MP 4-26 bringt die Hinterräder schnell auf die nötige Betriebstemperatur. Erst jagte Hamilton den von der Pole-Position aus ins Rennen gestarteten Vettel, bis der Champion in der Runde fünf von der Ideallinie abkam und den Engländer passieren lassen musste. Ein Könner nach dem anderen rutschte auf der glitschigen Piste aus. „Es war wie auf Eis“, sagte Timo Glock (Virgin/17.).
„Das war unheimlich hart, aber es hat viel Spaß gemacht“
Nach dem ersten Boxenstopp, auf der getrockneten Ideallinie, zog Hamilton davon, auch Button schoss am Hessen vorbei. Alles deutete auf einen Doppelerfolg der McLaren-Crew hin. Und auf eine endgültige Wende im Wettrüsten. Eigentlich konnte sich dieses ungleiche englische Duo nur noch selbst gefährden. Und das tat es. Weil auch Hamilton in der Schlussphase einmal die Kontrolle über seinen Renner verlor und entgegen der Fahrtrichtung zum stehen kam (47.), bevor er mit einem Drift aus dem Stand wieder Tempo aufnahm, rückte Button in Schlagdistanz, Vettel im Schlepptau.
Es folgte die spannendste Phase im Kampf um Platz eins dieser Saison. Ein Rad-an-Rad-Duell unter Teamkollegen. Die Show der Piloten hielt die Strategen an der Boxenmauer und die Zuschauer minutenlang in Atem: Hamilton dreht sich, Button saust kurz darauf vorbei, Hamilton kontert erfolgreich, Button antwortet am Ende der Zielgeraden und verliert die Führung eine Kurve später wieder wegen eines Schlenkers. „Das war unheimlich hart, aber es hat viel Spaß gemacht“, sagt Button.
Vettel: „Wir haben im Moment nicht das stärkste Auto“
Auch ohne die krasse Fehlentscheidung, Hamilton bei den ersten Regentropfen wieder auf Intermediates zu setzen, hätte es für den Weltmeister von 2008 allerdings nicht zum Triumph gereicht. Weil er nach seinem Dreher den Schotten Paul di Resta gefährdete, bestraften ihn die Streckenkommissare mit einer Durchfahrtsstrafe.
Vettel genoss also das Glück des Tüchtigen am Wochenende. „Ich bin zufrieden mit dem zweiten Platz angesichts der Punktsituation, aber nicht ganz glücklich. Ferrari und McLaren haben einen Schritt nach vorne gemacht. Wir haben im Moment nicht das stärkste Auto. Das muss aber unser Ziel sein.“ Abstimmungsprobleme mit seiner „Kinky Kylie“ hatte Vettel schon am Freitag beklagt. Über Nacht ließ der 24 Jahre alte Heppenheimer sein Modell auf den Stand von Valencia zurück trimmen, mit alten Teilen ausrüsten, während Mark Webber auf den neuen Frontflügel und einen neuen Diffusor setzte. Red Bull ist also ins Schwimmen kommen.
Heidfeld und sein beachtliches Feuerwerk
Vettels drei kleinere Ausflüge werteten englische Kommentatoren schon als nächsten Beleg für ihre Lieblings-These: Der Junge kann Rennen nur von vorne gewinnen. „Unter Druck macht er Fehler.“ Diese verbalen Attacken sollen wohl das Selbstbewusstsein des jüngsten Weltmeisters ankratzen. Verbunden mit der Beschleunigung von McLaren hoffen die Protagonisten einer spannenden Formel 1 auf eine Eigendynamik. Die Fahrt zur Pole-Position am Samstag, als Vettel seinen Red Bull „ausquetschte“, um den nicht fehlerfreien Hamilton auf Abstand (0,163 Sekunden) halten zu können, sprach allerdings für die Nervenstärke des Deutschen.
Und am Sonntag sind sie schließlich alle von ihrem Kurs abgekommen: Vettel, Hamilton, Button, Alonso, Webber oder Michael Schumacher. Der Rekordweltmeister schoss hinter seinem Teamkollegen Nico Rosberg (9.) zwar beim Start von Platz neun auf Rang fünf vor, musste aber wegen eines Getriebeschadens den Mercedes abstellen. Drittbester Deutscher am Sonntag wurde Adrian Sutil (14.) in seinem Force India. Nick Heidfeld kam zwar nicht ins Ziel, bot aber zur Abrundung dieses eindrucksvollen Schauspiels ein beachtliches Feuerwerk. Kurz nach seinem zweiten Boxenstopp stand der Renault in Flammen.