13.09.2008 · In Monza sind an diesem Wochenende das Wetter und die Psyche der Fahrer so entscheidend wie die Technik. Die Scuderia verlängert den Vertrag von Kimi Räikkönen.
Von Anno Hecker, MonzaWas so eine Schikane aus den Menschen herausholt. Ein scharfer Rechtsknick, ein starker Linksbogen und schon kehrt der Formel-1-Mensch sein Innerstes nach außen: Die Entblößung gab in Spa-Francorchamps am vergangenen Sonntag für einen Moment den Blick frei auf die ungezügelte Verdrängungslust des Lewis Hamilton angesichts einer Schikane, auf die ausladende Verteidigungstechnik von Kimi Räikkönen (siehe: Formel 1 in Spa: Aus eins mach drei) bis hin zur selbstverständlichen Freude des Felipe Massa über einen zugefallenen Sieg (siehe: Lewis Hamilton: Das Monster schlägt sinnlos zu).
Mit der Verurteilung von Hamiltons Überholmanöver durch die Streckenkommissare (siehe: Formel-1-Kommentar: Alles Schikane!), mit seiner Degradierung vom Sieger zum Dritten hat das Rennen um den Titel nochmals Schwung aufgenommen. Am Sonntag geht es beim Großen Preis von Italien in Monza zwischen den Piloten von McLaren-Mercedes und Ferrari um eine Revanche, ein Comeback und den möglichen Führungswechsel in der Fahrerwertung. Die Voraussetzung für ein Spektakel ist perfekt. Im Königlichen Park von Monza gibt es zwei Schikanen.
Nirgendwo wird schneller gefahren - fast 350
Wenn Motorsportfreaks von Monza sprechen, dann steigen ihre Drehzahlen. In Scharen pilgern sie zum letzten Hochgeschwindigkeitskurs, verharren vor Rennstrecken-Monumenten im Gedenken an den Kreislauf verblasster Heroen, die einst mit Gottvertrauen durch längst ausgeklammerte Steilkurven brausten. „Spettacolo“, wirft der Chef de Cuisine eines kleinen Restaurants in Monza bei jedem Gang ein, weil ihm das Rennen in der Heimat seiner Scuderia so schmeckt.
Weil Monza auch in der Neuzeit der Formel 1 Männer in ihren Kisten zu Gefühlen zwingt, wie kaum eine andere Piste. Monza kennt Triumphe und Tragödien. Nirgendwo wird schneller gefahren (fast 350). Nirgendwo flossen mehr Tränen in den vergangenen Jahren. Im September 2000 geschah eine Tragödie. Paolo Gislimberti, ein Streckenposten, wurde von einem Rad erschlagen, das sich bei einem Unfall in der Variante della Roggia (Schikane zwei) von Heinz-Harald Frentzens Jordan gelöst hatte.
In diesem Jahr werden die Nuancen entscheiden
Michael Schumacher, noch nicht über die Unfallfolgen informiert, schluchzte, von Emotionen übermannt, in der Pressekonferenz nach dem Rennen. Sein Sieg hatte den Weg zurück in den (erfolgreichen) Kampf um den Titel geebnet. Ein Jahr zuvor war Mika Häkkinen nach einem Abflug in Tränen ausgebrochen - wegen eines simplen Schaltfehlers in der ersten Schikane.
Hört man die Nachfolger der beiden Weltmeister so reden, dann werden diesmal Nuancen entscheiden. „Wir haben ein gutes Paket“, sagte Hamilton, „unser Auto passt zu den nächsten Strecken mindestens genauso gut wie zu Spa.“ Für Ferrari formulierte Räikkönen vorsichtiger: „Unser Auto ist stärker als vor einem Jahr. Es wird schwierig, McLaren zu schlagen, aber ich denke, wir haben eine ganz gute Chance.“
Motivation statt Motor, Mensch statt Maschine
Weil die Scuderia auf Stop-and-Go-Kursen wie dem „Autodromo Nazionale“ in dieser Saison besser zurechtkommt als 2007. Die Aufrüstung deutet ein Unentschieden im Wettlauf der Techniker an: „Ich glaube, man kann nicht sagen, wer vorne ist“, sagte Massa, „das Rennen wird sehr umkämpft sein.“ Beim Training am Freitag fuhr Räikkönen die Bestzeit, einen Wimpernschlag schneller als die BWM-Piloten Robert Kubica und Nick Heidfeld. Hamilton wurde Vierter, Massa mit 0,386 Sekunden Rückstand Sechster.
Am Sonntag könnte der Unterschied von Herzen kommen (siehe: Formel 1 in Monza: Lewis Hamilton - Grenzgänger und Verkehrssünder): Motivation statt Motor, Mensch statt Maschine. Hamilton wollte zwar von einer Revanche nichts wissen. Aber ein paar Sätze später blitzte sein Kampfgeist auf, befeuert von der Schikane in Belgien: „Ich habe gelernt, dass man überholt, sich von hinten nach vorne kämpft. Ich glaube, auf dem Gebiet bin ich einer der Besten. Daran werde ich nichts ändern“, erklärte der 23-jährige Engländer, bevor er den Spa-Effekt taxierte: „Wenn überhaupt, dann stachelt uns die Sache an.“
Ferrari setzt auf Teamplay - Räikkönen will gewinnen
Sein auf zwei Punkte vor Massa geschrumpfter Vorsprung (76:74) verstärkt aber auch die Forderung des Brasilianers an Ferrari, alles für seine Beförderung zum Chefpiloten zu tun: „Kimi ist sicherlich ein exzellenter Pilot. Aber wir müssen auch einen Blick auf die Situation in der Meisterschaft werfen.“ Teamchef Stefano Domenicali hat den Gedanken schon entwickelt: „Beide Fahrer wissen, dass sie im Falle eines Falles auf die Unterstützung des anderen zählen können.“
Die am Freitag veröffentlichte Vertragsverlängerung mit Räikkönen um zwei Jahre bis Ende 2010 ist allerdings auch ein handfester Vertrauensvorschuss für den seit April sieglosen Champion. Er hat Massas Kalkulation nach seiner bis kurz vor Schluss beeindruckenden Vorstellung von Spa noch nicht auf der Rechnung: „Wenn ich mathematisch keine Chance mehr habe, den Titel zu holen, dann denke ich darüber nachd, wie ich Felipe helfen kann. (...) Hier will ich gewinnen.“
Ferrari muss hoffen, dass die Wettervorhersage nicht stimmt
Räikkönen als Sieger eines Formel-1-Rennens in Italien? Das wäre ein Ereignis von historischer Bedeutung. 75 Mal haben dessen Landsleute versucht, einen Grand Prix in der Heimat von Ferrari zu gewinnen. Auch am Sonntag dürfte es schwer werden, falls die Wettervorhersage eintrifft. Denn bei Regen haben die Ferrari-Piloten Probleme, die nötige Temperatur für gute Griffigkeit im Reifengummi (extraharte Mischung für Monza) aufzubauen.
In diesem Fall bleiben nur zwei Hoffnungen: Entweder es regnet, wie am Freitagvormittag, so stark, dass die Piloten in die Boxen zurückrudern und ihre Rennwagen zum Schutz vor den Fluten aufgebockt werden müssen. Oder aber die Tücke von Monza wirft notorische Abkürzer aus dem Rennen. Am Freitag schossen 17 der 20 Piloten insgesamt 50 Mal über die beiden zackigen Streckenabschnitte hinaus. Die Schikane lässt nicht nach.