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Formel 1 in Monza Grenzgänger und Verkehrssünder

12.09.2008 ·  McLaren-Pilot Lewis Hamilton nähert sich einem Kreis erlauchter Kollegen: Weltmeistern, die vor ihm ebenfalls das Missfallen der Regelbehörde weckten. Senna und Schumacher, Alonso und Villeneuve haben ihre Erfahrungen mit den Motorsportrichtern gemacht.

Von Anno Hecker, Monza
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Lewis Hamilton ein Pistenrowdy? Die Verkehrspolizisten des Internationalen Automobil-Verbandes (FIA) haben 2008 schon dreimal Vorfälle in das Register des britischen Formel-1-Piloten eingetragen: Auffahrunfall an der roten Ampel in Kanada samt Totalschaden für ihn und das Opfer Kimi Räikkönen im Ferrari. Einmal mit Tempo 80 durch die Boxengasse während des Großen Preises von Frankreich wegen unerlaubter Vorteilsnahme: nämlich Abkürzen durch die Schikane.

Nun ist noch die höchst umstrittene Strafe für das gleiche Malheur beim Grand Prix am vergangenen Sonntag in Spa (siehe: Formel 1 in Spa: Aus eins mach drei) hinzugekommen, obwohl der Brite diesmal seinen Vorteil herschenkte: Sieg (vorerst) verloren - und doch Punkte gewonnen. Denn das Konto der inoffiziellen Verkehrssünder-Kartei füllt sich.

Neben Ruhm und Ehre eint viele Weltmeister die Aufmerksamkeit des Verkehrsgerichts

Der 23 Jahre alte McLaren-Pilot nähert sich einem Kreis erlauchter Kollegen. Weltmeistern, die vor ihm das Missfallen der Regelbehörde weckten, weil sie auf der Jagd nach Kollegen und Titeln als Grenzgänger um die Kurve flogen. Ständig am Limit mit dem Auto, häufig an der Grenze des Erlaubten oder darüber hinaus. „Kurz habe ich an den Punkteabstand gedacht“, schilderte Hamilton seine Gemütslage im Cockpit am vergangenen Sonntag als sicherer Zweiter hinter Räikkönen: „Den Gedanken habe ich aber schnell verworfen. Ich kann nicht anders, als bis zum letzten Meter zu kämpfen.“ Hamilton hat bei diesem Satz an den Weg bis ins Ziel gedacht (siehe: Lewis Hamilton: Das Monster schlägt sinnlos zu).

„Der letzte Meter“ ist aber auch ein Synonym für den Antrieb der Erfolgreichsten, alles und jeden zur eigenen Beschleunigung zu nutzen. Für diesen „Fahrstil“ stehen mehr oder weniger ausgeprägt Piloten wie Alain Prost, Ayrton Senna, Michael Schumacher, Jacques Villeneuve, Fernando Alonso. Allesamt Champions der vergangenen zwei Dekaden. Sie gewannen 15 der 18 Meisterschaften seit 1989. Neben Ruhm und Ehre eint sie auch die Aufmerksamkeit der Schiedsrichter. Alle standen immer wieder vor dem Schnell-Gericht der FIA Rede und Antwort - ob nun zu Recht oder zu Unrecht (siehe: Formel-1-Kommentar: Alles Schikane!). Hamiltons Fall wird am 22. September vor dem Berufungsgericht der FIA entschieden.

Weil Michael sich breit machte, blieb Ralf Schumacher mitunter die Luft weg

„Eines ist doch klar. Wenn ich häufig vorne bin, dann, weil ich alle überhole und schneller bin. Das geht nicht, ohne auch mal die Grenzen zu überschreiten“, sagt der frühere Grand-Prix-Pilot Gerhard Berger. Dessen ehemaliger Teamkollege bei McLaren, Ayrton Senna, rächte sich 1990 in Japan für die offensichtliche Bevorzugung von Alain Prost durch die Regelbehörde ein Jahr zuvor. Obwohl Sennas absichtliche Crash-Tour direkt zum WM-Titel führte, blieb die Attacke folgenlos.

Ferrari-Star Michael Schumacher machte sich mitunter auf der Piste so zackig breit, dass selbst sein Bruderherz beim Start im Boliden zur Rechten entlang der Betonmauer nach Luft japste. Auch Fernando Alonso erlaubte sich einst auf dem Nürburgring bei seiner Verteidigung mit einem Bremsmanöver eine unbestrafte Tücke. Zahlen musste nur der Verfolger. David Coulthard flog mit seinem millionenteuren McLaren ab und hinterließ - immerhin unverletzt - einen Schrotthaufen.

Vorstoßen in die Grauzonen, ausloten der Toleranzen

Anflüge von Selbstjustiz, intensive Machterhaltungsstrategien, Tricks und Techniken auf dem Weg nach oben tauchen mehr oder weniger häufig in den Lebensläufen der meisten Champions auf. Die zeigen auf der Strecke, was ihre Rennställe auf sportpolitischer Ebene hinter den Kulissen und in den Werkstätten mit den Boliden machen: Vorstoßen in die Grauzonen des Regelwerkes, ausloten der Toleranzen bei Maschine und Mensch (Schiedsrichter). Wer am wenigsten verschenkt, gewinnt. „Auslaufzonen“, sagt der im Streit von McLaren geschiedene Fernando Alonso mit Blick auf die Szene in der Schikane von Spa, „dienen doch der Sicherheit, nicht dem Überholen.“

Die erfolgreichsten Fahrer haben es immer wieder versucht und geschafft, neben dem Teamkollegen und dem eigenen Rennstall auch die gesamte Szene zu beherrschen. Chefpiloten wie Senna knüpften sich freche Aufsteiger vor, um ihnen den nötigen Respekt, also eine angemessene Distanz auf der Piste, abzuringen. Schumacher erklärte nach seinem Rammstoß gegen Villeneuve in Jerez de la Frontera 1997, der Kanadier wäre ohne diese „Bremshilfe“ ins Abseits gerauscht. Hamilton gab am Donnerstag in Monza mit Blick auf Räikkönen seine Selbsteinschätzung zum Besten. „Wenn er nicht den Mut hat, später zu bremsen, dann ist es sein Problem“, sagte der Engländer zu seinem Überholmanöver vorbei an dem Weltmeister kurz nach dem umstrittenen Zwischenfall: „So fährt er eben.“

Ändern will Hamilton seinen Fahrstil nicht

Von so viel Chuzpe ließen sich die Kollegen nicht überfahren. Nico Rosberg (Williams), Sébastian Bourdais (Toro Rosso) und Jarno Trulli (Toyota) zeigten wenig Verständnis für den wegen seiner Degradierung auf Rang drei „geschockten“ Hamilton. „Er hatte einen Vorteil“, sagte Rosberg, „aber die Strafe ist zu hart.“ Angeblich wird der heftig diskutierte Eingriff der FIA keinen Piloten bewegen, in Zukunft vorsichtiger anzugreifen.

Auf den hinteren Rängen genießt ein Formel-1-Pilot ohnehin mehr Freiräume: „Vorne, etwa beim Start, wird nur gesehen, was die ersten Piloten machen“, sagte Heinz-Harald Frentzen zu seiner Zeit als Formel-1-Pilot: „Dabei geht es hinten genauso voll zur Sache. Da kennen die Jungs kein Pardon.“ Sie werden sich auch weiter am Überholkünstler Hamilton orientieren können. „Wenn man nicht überholt, dann schauen die Leute nicht mehr hin, dann gibt es kein Rennen mehr, nur einen Zug. Ich werde meine Herangehensweise nicht ändern.“ So sammelt man Punkte. Bei den Fans und wahrscheinlich auch beim Verkehrsgericht.

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Jahrgang 1964, Sportredakteur.

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