Home
http://www.faz.net/-gu4-16t2d
Mehr Angebote
| Abo|Hilfe
Samstag, 11. Februar 2012
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Formel 1 in Montreal Auf die Hörner genommen

12.06.2010 ·  Nach dem Betriebsunfall im Formel-1-Team Red Bull beim Rennen in der Türkei rückt eine Schwäche des Systems in den Vordergrund: das Krisenmanagement. Die Wahrheit bekommt man bestenfalls hinter vorgehaltener Hand erzählt.

Von Hermann Renner, Montreal
Artikel Bilder (1) Lesermeinungen (0)

Das Thema lässt die Formel 1 so schnell nicht los. Die Karambolage zwischen den Red-Bull-Fahrern Mark Webber und Sebastian Vettel liefert auch zehn Tage nach dem Crash in der Türkei noch genug Stoff, um die ersten Übungsfahrten zum Grand Prix von Kanada zu überstrahlen. Die Heile-Welt-Stimmung, die seit Saisonbeginn im Fahrerlager grassiert, ist aus den Fugen geraten.

Und die Beteiligten haben alle Mühe, die Haarrisse im System wieder zu kitten. Krisenmanagement war noch nie die Stärke eines Geschäfts, das am liebsten nur gute Nachrichten verkaufen will. Die Wahrheit bekommt man in der Formel 1 bestenfalls hinter vorgehaltener Hand erzählt. Wer ihr nahe kommen will, muss zwischen den Zeilen lesen, Gesten und Worte interpretieren. Nur eines darf man nicht: glauben, was offiziell kommuniziert wird.

Ein Besuch im Red-Bull-Camp neben der Ruderregatta-Bahn von Montreal zeigt den Unterschied zwischen dem, was nach außen getragen wird, und dem, was die Beteiligten wirklich denken. Teamchef Christian Horner taucht als Erster auf. Er macht schon wieder auf gute Stimmung. „Mark und Sebastian haben das ganze Team gestern zum Italiener in die Stadt eingeladen“, erzählt der 36-jährige Engländer und versucht einen Scherz: „Ich habe das Teuerste auf der Karte bestellt, weil ich weiß, wie schwer sich die Fahrer von ihrem Geld trennen.“

Nur keine zweite verbale Kollision

Der Unfall, ach natürlich, da war ja noch dieser Unfall. „Das haben wir bei einem Gespräch unter Männern in Milton Keynes ausgeräumt“, behauptet Horner. Eine Stunde habe die Aussprache zwischen Vettel, Webber, Horner, Teamberater Helmut Marko und Chefdesigner Adrian Newey gedauert. Alles sei in ruhiger Atmosphäre abgelaufen, „so harmonisch, dass wir am Ende schon wieder über die Fahrzeugabstimmung in Montreal geredet haben“. Und was wird sich jetzt ändern? „Nichts“, beteuert Horner. „Unsere Fahrer dürfen weiter gegeneinander fahren, wir bitten sie nur, sich mehr Platz zu geben und etwas mehr an das Team zu denken.“

Nach Horner sind die Fahrer dran. Mark Webber rutscht unruhig auf seinem Stuhl herum. Nur jetzt keine zweite verbale Kollision. Er habe schon schlimmere Momente durchgemacht als diesen, teilt der 33-jährige Australier mit, „aber ich bin am Montag nach dem Rennen auch schon besser aufgewacht. Ich wusste, was wir dem Team angetan hatten.“ Umso größer die Erleichterung, dass ihm der Chef Dietrich Mateschitz nicht die Alleinschuld gab, so wie es nach dem Rennen die Schnellrichter im Team getan hatten.

Auch in Zukunft freie Fahrt

„Es war ein gutes Telefongespräch. Herr Mateschitz war sehr fair und sehr loyal.“ Das darf man ungefähr so übersetzen: Red Bull steht für die große Freiheit. Der geringste Verdacht von Stallregie würde das Firmencredo ad absurdum führen. Deshalb wurde Webbers Vertrag um ein Jahr verlängert (2011). „Ich fühle mich wohl in diesem Team, es gab nie einen Grund, mich anderweitig zu orientieren.“ Sein neuer Vertrag sei wie sein alter. Es gebe keinerlei Anweisung, die irgendetwas an seinem Status im Team ändern würde.

Die Fahrer bekamen von oberster Stelle die Absolution erteilt, auch in Zukunft freie Fahrt zu haben. Nur mit etwas mehr Verstand bitte. „Die ganze Szene dauerte sieben Sekunden“, sagte Webber, „da kann schon mal etwas schiefgehen. Duelle unter Teamkollegen sind immer eine Gratwanderung.“ Der Meinung kann sich sogar Sebastian Vettel anschließen, als ihm die Schuldfrage gestellt wird. „Du hast in einer solchen Situation nicht Stunden Zeit, eine Entscheidung zu treffen. Das alles spielte sich bei 310 (Kilometern pro Stunde) ab.“

Vettel: „Das war keine abrupte Bewegung“

Der 22-jährige Heppenheimer sucht nach den richtigen Worten, als englische Journalisten von ihm eine Entschuldigung einfordern für den Fahrfehler, den sie ihm anhängen wollen. Man könne es nicht mehr ändern, und wenn schon, dann hätten beide einen Fehler gemacht, der für McLaren zu einem Geschenk wurde. „Ich lag mehr als eine halbe Wagenlänge voraus und versuchte langsam, ein bisschen mehr nach rechts zu kommen. Das war keine abrupte Bewegung“, erklärte Vettel. Was er tatsächlich denkt, erfährt man hinterher. Ein bisschen hätte der andere schon nachgeben können. Zudem habe das sture Spurhalten von Webber wenig Sinn gemacht. „Er hatte ja auch etwas zu verlieren. Mark hätte mit mir zusammen abfliegen können.“

Vettel weiß jetzt immerhin, was ihm blüht, wenn er sich mit seinem Teamkollegen auf ein Duell Rad an Rad einlässt. Er hat von ihm keine Geschenke zu erwarten. „Ich werde das mit einkalkulieren, sollten wir wieder mal in eine solche Situation kommen.“ Webber zweifelt, dass man für ein Duell unter Teamkollegen klare Regeln aufstellen könne. „Das ist situationsabhängig. Das Schlimmste wäre es, uns zu verbieten, ein Rennen zu fahren. Was würden die Fans dazu sagen?“

„Null Punkte sind null Punkte“

Es ist vielleicht eine Charaktersache, wie weit man im teaminternen Aufeinandertreffen gehen will. Jenson Button hätte in Istanbul nach Webbers Vorbild auch den starken Mann markieren können, als Teamkollege Lewis Hamilton am Ende der Zielgeraden mit Gewalt die alte Reihenfolge wiederherstellte: „Wenn ich draufgehalten hätte, hätte es gekracht. Da ich außen lag, mit schlimmeren Folgen für mich. In so einer Situation sind mir achtzehn Punkte lieber als ein Crash.“

Der Titelverteidiger macht keinen Unterschied, mit wem er auf der Rennstrecke kämpft: „Ich will in erster Linie ankommen. Null Punkte sind null Punkte, egal ob du dich mit deinem Teamkollegen anlegst oder mit einem anderen Fahrer.“ Hamilton hat eine aggressivere Haltung: „Im Kampf mit deinem Stallgefährten musst du die Risiken besser abwägen. Prinzipiell greife ich aber immer an, wann sich die Chance bietet.“

Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen

1899 Hoppenheim

Von Michael Horeni

Wer eine Viertelmilliarde in sein Hobby steckt, will mehr als den besten Platz im Stadion. Doch Dietmar Hopp wird derzeit zum Problem für seinen Klub TSG Hoffenheim. Mehr 1

Ergebnisse, Tabellen und Statistik