25.05.2006 · Willommen in der schönen bunten Welt von Monte Carlo. Im Fürstentum der Reichen und Schönen protzt die Formel 1 noch mehr als ohnehin schon. Wobei das Rennen nur eine Show ist und die Fahrer dazu da sind, sie spektakulär zu gestalten.
Von Peter Hess, Monte CarloWillommen in der schönen bunten Welt von Monte Carlo. Im Fürstentum der Reichen und Schönen, wo Sozialneid ein weithin unbekanntes Phänomen ist, protzt die Formel 1 noch mehr als sie es ohnehin schon tut. Hier veredelt ein diamantenbesetzter Mercedes-Stern das Lenkrad der McLaren-Boliden von Kimi Räikkönen und Juan-Pablo Montoya. Hier beherbergt Ferrari auf einer zum Sechs-Sterne-Hotel umgebauten Riesenyacht seine Ehrengäste. Hier hält der Rennstall Red Bull in einem riesigen, auf Pontons im Hafenbecken schwimmenden Multifunktionsgebäude Hof. In diesem Vergnügungszentrum, in 7000 Arbeitsstunden errichtet, wird gespeist, getrunken, gelacht, für den neuen Supermanfilm geworben und den Klängen der Wiener Philharmoniker gelauscht. Die hat Red-Bull-Chef Matschitz extra einfliegen lassen. Der besondere, in einem Formel-1-Fahrerlager noch nie gesehene Clou des Etablissements: Ein 40.000 Liter fassendes Schwimmbecken.
Früher war es auch nur ein Stück Straße
Für die Marketingabteilungen und die Fans ist der Große Preis von Monaco das Paradies, für die Rennfahrer und Techniker die Hölle. Kein anderes Rennen stellt so hohe Anforderungen an sie wie dieser seit 1929 ausgetragene Klassiker. Vor 77 Jahren war der Kurs durchs Fürstentum auch nur ein Stück Straße für die tollkühnen Männer in ihren knatternden Kisten. Im Jahr 2006 ist das Asphaltgeschlängel von Monte Carlo ein Anachronismus dar, für den die High-Tech-Geschosse der heutigen Formel 1 einfach nicht gemacht sind. Weltmeister Fernando Alonso sagt es unumwunden: „Monaco ist mit nichts vergleichbar. Es ist eine Show für die Leute, wir Fahrer sind dazu da, sie möglichst spektakulär zu gestalten.“
Der eigentliche Sinn von Motorsport, die bestmögliche Leistung abzuliefern, so schnell wie möglich, von a nach b zu kommen, sei hier kaum umzusetzen. Nico Rosberg, der junge Deutsche von Williams, sagt mit der Unbekümmertheit der Jugend: „Glück ist in Monaco alles, da gibt es keine Strategie.“ Das Grundproblem: Die Piste, auf der ansonsten der Straßenverkehr in Monte Carlo abrollt, ist so eng, daß keine Überholmöglichkeit besteht, und es keine Chance gibt auszuweichen, wenn ein Konkurrent in die Leitplanken knallt. Ein Pilot kann pro Runde drei bis vier Sekunden schneller unterwegs sein als sein Vordermann - was in der Startaufstellung einen Unterschied von Position eins zu 20 bedeutete, macht im Rennen keinen Unterschied. In Monaco kommt der Schnellere nicht an seinem Konkurrenten vorbei.
Es passen nicht überall zwei Autos nebeneinander
Diese Tatsache erhöht die Bedeutung des Qualifikationstrainings. „Wer in der ersten Startreihe steht und das Ziel erreicht, kommt sicher auf das Podium“, sagt Luca Baldisserri, Chefingenieur von Ferrari. „Wer aber nicht aus einer der ersten drei Reihen ins Rennen geht, hat keine Chance mehr auf einen Platz auf dem Podest“, fügt der Italiener an.
Die logische Konsequenz daraus lautet: Die Fahrer werden mit erhöhtem Risiko das Abschlußtraining aufnehmen, Aufholjagden im Rennen sind nicht mehr zu erwarten. Viele befürchten deshalb am Samstag eine Menge Ausrutscher und daraus resultierend Auffahrunfälle. BMW-Pilot Nick Heidfeld sagt: „Bei einem Unfall ist die Strecke sofort blockiert.“ Aber auch ohne Unfall kann ein Konkurrent zum Hindernis werden. Wer sich gerade nicht auf Zeitenjagd befindet, wärmt normalerweise in gemäßigtem Tempo seine Reifen auf oder rollt nach einer schnellen Runde der Boxengasse entgegen. Auf anderen Pisten stellen diese schleichenden Piloten keine Gefahr dar: Man kann um sie herumfahren. In Monaco passen nicht überall zwei Autos nebeneinander.
Absichtlich langsam fährt keiner
Rubens Barrichello empfiehlt allen Kollegen, besonders den Neulingen: „Schaut ständig in die Rückspiegel. Wenn jemand langsam aus den Boxen fährt und über Gott und die Welt nachdenkt, wird es richtig gefährlich.“ Der Brasilianer von Honda empfiehlt allen Ernstes eigens für Monaco ein gesondertes Qualifikationssystem auszuklügeln. „Höchstens 5 Prozent von uns werden sich am Samstag nicht beschweren. Alle anderen werden nur vom Verkehr sprechen, davon, daß ihnen ein anderer ihre schnelle Runde zerstört hat.“
Das in dieser Saison neu etablierte System macht die Qualifikation zu einem besonderen Krimi. In der ersten Viertelstunde fahren alle 22 Rennfahrer. Die 16 Schnellsten kommen eine Runde weiter. Nach der zweiten Viertelstunde scheiden die nächsten sechs aus. Die Top Ten haben dann 20 Minuten Zeit, die Reihenfolge der Besten zu ermitteln. Es ist eine große Versuchung, für den wenige Minuten vor Ultimo Führenden mit Halbgas weiterzufahren und so Zeitenverbesserungen der Konkurrenz zu unterbinden. Nick Heidfeld glaubt nicht an den Einsatz dieses taktischen Mittels: „Absichtlich langsam fährt keiner“, meint der Mönchengladbacher. Um aber nicht auf eine freie Strecke in den letzten Minuten angewiesen zu sein, erwägt Heidfeld schon zum jeweiligen Beginn des Trainingsabschnittes eine schnelle Runde zu drehen. Der junge Rosberg sagt zu so einer Überlegung: „Quatsch. Durch den Gummiabrieb wird die Strecke in den letzten Minuten so viel schneller, daß man auch bei mehr Verkehr bessere Zeiten erzielt.“
Es gibt viele Ansichten über den besten Weg durch die Straßen von Monte Carlo. Auf eine These können sich alle Piloten einigen: Ohne Glück geht gar nichts.