09.06.2008 · Robert Kubica hat für BMW-Sauber den ersten Grand-Prix-Sieg eingefahren. Auf dem Grand-Prix-Kurs von Montreal, auf dem der Pole im vergangenen Jahr einen schweren Unfall überstand, siegte er nach einem spannenden Rennen vor seinem Teamkollegen Nick Heidfeld aus Mönchengladbach.
Von Anno Hecker, MontrealGesagt, getan. Einen Sieg hatte BMW-Sauber für die Saison 2008 ins Auge gefasst. Das Ziel ist erreicht. Am Sonntag gewann Robert Kubica sein erstes Rennen als Formel-1-Pilot beim Großen Preis von Kanada. Hinter dem 21 Jahre alten Polen vervollständigte Nick Heidfeld als Zweiter einen grandiosen Tag für den deutschen Rennstall. Dritter in einem kuriosen wie unterhaltsamen Rennen wurde der Schotte David Coulthard (Red Bull).
Entscheidend für den Triumph der Bayern war die Strategie, passend zum Saisonmotto: Zuschlagen, wenn die anderen patzen. Ein Auffahrunfall in der Boxengasse räumte die schärfsten Konkurrenten Lewis Hamilton (McLaren-Mercedes) und Kimi Räikkönen (Ferrari) aus dem Weg. Nun steht erstmals in er Formel-1-Geschichte ein Pole an der Spitze der Fahrerwertung.
Kubica führt nun die Fahrerwertung an
Kubica führt mit 42 Punkten vor Hamilton (38) und Felipe Massa (37/Ferrari), Heidfeld ist Vierter mit 28. Einen großen Sprung machte Timo Glock. Als Vierter von Kanada bewies der Toyota-Pilot seine mentale Stärke in einem schwierigen Rennen. Montreal, ein Kurs mit Gefahrenpotential: Das hatten die Piloten so vorhergesagt nach der Rutschpartie in den Trainingsstunden, nach zahlreichen Dreher und Mauereinschlägen. Abweichungen von der Ideallinie sind gefährlicher als auf anderen Pisten. Gummiwüste von den Reifen und Asphaltkörner nehmen jede Haftung.
Trotzdem kam das Feld geordnet in die Gänge. Hamilton schoss von der Pole-Position davon. Hinter sich ließ er Kubica, Raikkönen, Nico Rosberg auf Rang vier im Williams, den Renault-Mann Fernando Alonso, Ferraris zweite Kraft Felipe Massa auf Platz sechs. Mithin alles von Rang und Namen. Hamilton fing an, wo er am Samstag im Qualifikationstraining aufgehört hatte, wo er vor Jahresfrist seinen Aufstieg zum Chefpiloten bei McLaren mit einem Sieg begonnen hatte.
Spannungsverstärker Montreal
Montreal ist ein besonderes Pflaster für ihn. Eines, das der ständigen Pflege bedarf. Noch 45 Minuten vor dem Start traf sich der Bautrupp an den neuralgischen Punkten wie der Haarnadelkurve. Vier Mann und eine Dampfwalze. Sie planierten nochmals die Stellen, die am Samstag aufgebrochen waren. Dort, wo die Boliden Steinchen aus dem Teer gerissen hatten, die sich wie Rollsplitt auf die Piste legten: „Wer da draufkommt“, sagte Räikkönen, „fährt wie auf Eis.“
Die Formel 1 zog aber zunächst wie auf Schienen um die Kurven - dank Bob, dem kanadischen Baumeister. Allerdings kann man in Montreal die Uhr stellen, wenn man auf Unterbrechungen wettet. Nach 27 Minuten, als Adrian Sutil seinen Force India wegen eines Getriebeschadens an der Mauer abstellen musste, fing das Sicherheitsfahrzeug die Renner ein. Das ist Usus in Kanada. In den letzten zehn Jahren war es der 17. Fall. Freaks sprechen von einem Spannungsverstärker. Und so kam es.
Hamilton tut sein Patzer leid
Die ersten Sieben bogen in der 20. Runde gleichzeitig zum Boxenstopp ab. Jeder wollte so schnell wie möglich wieder raus. Kubica und Räikkönen waren die ersten, doch sie mussten an der Boxenausfahrt anhalten, weil die Ampel mit Rücksicht auf das passierende Safety-Car auf Rot stand. Hamilton, in großer Eile ob des Führungsverlustes, nahm nur noch das blickende Gelb licht wahr.
Rot sah er auch - als sich sein Frontflügel in das Heck von Räikkönens Ferrari bohrte. „Es tut mir Leid. Ich habe es nicht gesehen“, sagte Hamilton. „Ich habe mich sofort entschuldigt.“ In die Blockade stieß noch Rosberg. Während der Deutsche nach einem Frontflügelwechsel das Rennen wieder aufnahm und Zehnter wurde, kehrten Hamilton und Räikkönen in die Box zurück. Zu Fuß. Aus dem Führungstrio kam nur einer davon: Kubica. Das war die Chance des Polen.
Die BMW-Mitarbeiter halten den Atem an
Zwar nur noch Zehnter, aber schon einen Stopp hinter sich. Doch das Tempo ganz vorne machte sein Teamkollege, der gebeutelte in sechs Trainingseinheiten jedes Mal geschlagene Heidfeld. Und zu allem Überfluss hielt dessen Landsmann Sebastian Vettel im langsameren Toro Rosso (Achter) den Polen auch noch auf. So kam es zu einem spannenden Zweikampf unter Teamkollegen.
Als Heidfeld nach seinem Akkordservice in der 29. Runde auf die Piste zurückkehrte, tauchte er mitten in die Bolidenschar ein, direkt vor Kubica. Es war das erste deutsch-polnische Kräftemessen des Tages. So sahen es die rund 100.000 Zuschauer. Ein Meterabstand trennte die beiden auf der Tour in Montreal. Selbst in der BMW-Box hielten die Mitarbeiter den Atem an. Und entspannten sich, als Kubica dann doch relativ leicht an Heidfeld vorbeizog. An jenem Heidfeld, der Überholern sonst das Leben schwer macht wie kaum ein Zweiter? Es war Übergewicht im Spiel. Das konnte man mit bloßem Auge sehen. Auf der Zeitentabelle.
Auch Alonso hatte Chancen
Kubica fuhr in den folgenden fünf Runden um fast zwei Sekunden schneller. „Es ist nicht schlau, alle Eier ins gleiche Nest zu legen“, hatte Theissen mit Blick auf die Strategie in Montreal gesagt. Frei übersetzt: Wegen der hohen Unfall-Wahrscheinlichkeit samt Safety-Car-Phasen setzte BMW-Sauber auf zwei unterschiedliche Taktiken. Zudem reagierte das Team im entscheidenden Moment blitzschnell, tankte Heidfeld voll. Ihm reichte ein Boxenstopp.
Deshalb war er auch ein lohnendes Ziel für den zweimaligen Weltmeister Alonso. Doch der Spanier scheiterte bei der Verfolgung ein einem winzigen Fahrfehler: Zu hoch über die Randstein, Dreher, Feierabend. Die fortan freie Fahrt reichte aber nicht zum Sieg für den Deutschen. Denn Kubica war Heidfeld soweit enteilt (25,1 Sekunden), dass es trotz des zweiten Boxenstopps für den Polen zur Führung bis ins Ziel reichte. 1:0 für Polen nach Siegen? In München betrachtet man das Ergebnis von Kanada anders: 2:0 für BMW-Sauber.
Grand Prix von Kanada in Montréal (70 Runden à 4,361 km/305,270 km): 1. Robert Kubica (Polen) BMW-Sauber 1:36:24,447 Std. (Schnitt: 189,987 km/h); 2. Nick Heidfeld (Mönchengladbach) BMW-Sauber + 16,495 Sek.; 3. David Coulthard (Großbritannien) Red Bull + 23,352; 4. Timo Glock (Wersau) Toyota + 42,627; 5. Felipe Massa (Brasilien) Ferrari + 43,934; 6. Jarno Trulli (Italien) Toyota + 47,775; 7. Rubens Barrichello (Brasilien) Honda + 53,597; 8. Sebastian Vettel (Heppenheim) Toro Rosso + 54,120; 9. Heikki Kovalainen (Finnland) McLaren-Mercedes + 54,433; 10. Nico Rosberg (Wiesbaden) Williams + 57,749; 11. Jenson Button (Großbritannien) Honda + 1:07,540 Min.; 12. Mark Webber (Australien) Red Bull + 1:11,229; 13. Sébastien Bourdais (Frankreich) Toro Rosso + 1 Runde
Ausfälle: Adrian Sutil (Gräfelfing) Force India (13. Runde/Getriebe); Lewis Hamilton (Großbritannien) McLaren-Mercedes (19. Runde/Unfall); Kimi Räikkönen (Finnland) Ferrari (19. Runde/Unfall); Nelson Piquet Jr. (Brasilien) Renault (39. Runde/Defekt); Fernando Alonso (Spanien) Renault (44. Runde/Dreher); Kazuki Nakajima (Japan) Williams (46. Runde/Unfall); Giancarlo Fisichella (Italien) Force India (51. Runde/Unfall)
Schnellste Rennrunde: Kimi Räikkönen (Ferrari) 1:17,387 Min.
Fahrer-Wertung nach 7 von 18 Rennen: 1. Robert Kubica 42 2. Lewis Hamilton 38 3. Felipe Massa 38 4. Kimi Räikkönen 35 5. Nick Heidfeld 28 6. Heikki Kovalainen 15 7. Mark Webber 15 8. Jarno Trulli 12 9. Fernando Alonso 9 10. Nico Rosberg 8 11. Kazuki Nakajima 7 12. David Coulthard 6 13. Timo Glock 5 14. Sebastian Vettel 5 15. Rubens Barrichello 5 16. Jenson Button 3 17. Sébastien Bourdais 2
Team-Wertung nach 7 von 18 Rennen: 1. Ferrari 73 2. BMW-Sauber 70 3. McLaren-Mercedes 53 4. Red Bull 21 5. Toyota 17 6. Williams 15 7. Renault 9 8. Honda 8 9. Toro Rosso 7
Nächstes Rennen: GP von Frankreich am 22. Juni in Magny-Cours
Endlich
Peter Müller (Damrko)
- 08.06.2008, 23:15 Uhr