10.10.2008 · Seit etlichen Monaten stand Nick Heidfelds Formel-1-Zukunft bei BMW in Frage - trotz eines gültigen Vertrages für das kommende Jahr. Vor dem Grand Prix in Japan steht fest: Heidfeld bleibt 2009. Auch, weil er die prekäre Situation in den Rennen erfolgreich verdrängen konnte.
Von Hermann Renner, FujiFür Nick Heidfeld ist der Grand Prix von Japan wieder ein ganz normales Rennwochenende (siehe: Formel 1: Glock fährt Trainingsbestzeit). Er kann sich auf seine Arbeit konzentrieren, ohne um seine Zukunft fürchten zu müssen. Es gibt keine Heckenschützen mehr, keine Spekulationen, dass ihn Fernando Alonso, Nico Rosberg oder Sebastian Vettel im nächsten Jahr als Stammpilot bei BMW-Sauber ablösen werden. Seit dem Grand Prix von Kanada Anfang Juni wurde dem erfahrensten der fünf Deutschen Formel-1-Piloten mindestens einmal pro Wochenende die verhängnisvolle Frage gestellt: Ist Ihr Arbeitsplatz sicher?
Seit vergangenen Montag hat es Heidfeld schwarz auf weiß. BMW verkündete in dürren Worten, dass man in der Saison 2009 mit den gleichen Fahrern antreten werde wie bisher. Ginge es ausschließlich nach den Verträgen, hätte darüber nie Zweifel bestehen dürfen. Auf den in dieser Saison deutlich schnelleren Teamkollegen Robert Kubica gab es eine Option, die nur das Team einlösen konnte. Das verzögernde Element in diesem Fall war die Dauer der Abmachung. BMW wollte den Vertrag über 2009 hinaus verlängern. Als Gegenleistung verlangte Kubicas Management eine Gehaltserhöhung.
Heidfeld kennt die Situation, auf der Kippe zu stehen
Nick Heidfeld hatte für 2009 einen gültigen Vertrag. Es gab weder etwas zu bestätigen noch zu dementieren. Und trotzdem musste der WM-Fünfte vier Monate lang zittern. BMW sah sich auf dem Fahrermarkt um, weil Heidfelds Leistungsschwankungen zur Sorge Anlass gaben, er zähle nicht zu dem Pilotenkreis, die eine Weltmeisterschaft gewinnen können. BMW-Sauber aber will im nächsten Jahr um den Titel mitfahren. So steht es in dem Fahrplan, der dem Vorstand vor drei Jahren vorgelegt wurde.
Heidfeld kennt die Situation, auf der Kippe zu stehen. 2004 öffnete sich in letzter Minute ein Cockpit bei Jordan, ein Jahr später das gleiche Spiel bei Williams. Der Unterschied zu damals ist, blickt Heidfeld zurück, dass er diesmal nicht die Angst haben musste, ganz aus der Formel 1 zu fliegen. Es gab ein Netz. Um sich abzusichern, knüpfte er Kontakte zu Honda. Der Familienvater gibt zu, dass ihn die drohende Auswechslung beschäftigt hat. „Sobald ich aber im Auto saß, konnte ich die negativen Gedanken ausblenden.“ Heidfeld sieht den funktionierenden Verdrängungsmechanismus im Nachhinein als eine seiner Stärken, als ein positives Fazit einer nicht immer positiven Saison. Die Fähigkeit, eine Krise zu meistern, sei auch einer der ausschlaggebenden Punkte gewesen, warum ihm BMW nun doch das Vertrauen ausgesprochen hat.
„Ich muss in der Qualifikation besser werden“
Mit Schwarzweißdenken muss man als Formel-1-Fahrer leben. Wer die Erwartungen nicht hundertprozentig erfüllt, wird in Frage gestellt. „Mir wäre auch lieber gewesen, die Diskussionen um meine Zukunft wären erst gar nicht aufgetaucht. Genau betrachtet, ist das Ergebnis ganz ordentlich, dafür dass es eine so schlechte Saison für mich war. Ich liege einen Punkt hinter Weltmeister Räikkönen und acht Zähler hinter meinem Teamkollegen Kubica, der in diesem Jahr eine Traumsaison fährt.“ Auch das war laut Heidfeld eine Qualität, die BMW überzeugt hat. „Ich mache aus einer schlechten Ausgangsposition immer noch viele Punkte.“
In einem ist sich Heidfeld mit seinen Kritikern einig. „Ich muss in der Qualifikation besser werden.“ Die vergangenen vier Rennen haben ihm jedoch gezeigt, dass er der Forderung nach einer schnellen Runde auf Abruf immer mehr gerecht wird. „Vielleicht war es gut, dass die scheinbar bewältigte Krise in Valencia noch einmal aufgetreten ist. Da habe ich gemerkt, dass ich die Probleme vorher nur zum Teil gelöst hatte.“
Die Option Alonso hatte sich früh in Luft aufgelöst
In einem ersten Schritt hatte Heidfeld mit einer anderen Fahrzeugabstimmung versucht, die Reifen in das schmale „Temperaturfenster“ zu bringen, indem sie optimale Haftung liefern. „Das war nicht genug. Nach dem Rennen in Valencia habe ich mich mehr auf meinen Fahrstil konzentriert, darauf geachtet, was mein Teamkollege macht, um zu verstehen, warum das so ist, und dann das Ergebnis auf meine Fahrweise zu adaptieren.“
Dass sein Arbeitgeber in der Zwischenzeit mit anderen Piloten flirtete, empfindet Heidfeld nicht als Vertrauensbruch. „Das Team hat mich in dieser Phase nie alleine gelassen. Sie haben alles getan, um mir aus der Krise zu helfen.“ Tatsächlich war die Bedrohung durch Alonso, Rosberg oder Vettel nie so groß, wie sie in den Medien gespielt wurde. Die Option Alonso hatte sich früh in Luft aufgelöst. Die beiden Parteien kamen menschlich nicht auf einen Nenner. Alonso hätte sich in der nüchternen BMW-Welt vermutlich genauso wenig wohl gefühlt wie bei McLaren-Mercedes. Der Spanier drückt es vorsichtig aus. „Es gab nie eine ernsthafte Anfrage.“
Der Mangel an Alternativen war ein Segen für Heidfeld
Rosberg und Vettel sind bei ihren Teams felsenfest unter Vertrag (siehe: Deutsche Piloten: Die Formel-1-Nation). Deren Chefs ließen durchblicken, dass ein Verkauf ihrer Kronjuwelen oder ein Austausch mit Heidfeld nicht in Frage käme.
Für Heidfeld war der Mangel an Alternativen ein Segen. Auf die Frage, wie man sich als neuer alter BMW-Pilot so fühle, lacht der 31 Jahre alte Wahlschweizer: „Ich habe jetzt mehr Ruhe. Es fehlen die störenden Nebengeräusche.“