12.10.2008 · Wenn zwei sich streiten, siegt Alonso: wie vor zwei Wochen in Singapur siegte der Renault-Pilot auch in Japan. Beim Formel-1-Coup des Spaniers kommt WM-Kandidat Massa bis auf fünf Punkte an Hamilton heran. Die Nerven liegen aber blank.
Von Hermann Renner, FujiEin dramatischer Start, Karambolagen, Überholmanöver und mit Fernando Alonso ein Überraschungssieger: Die Formel 1 setzte auch in Japan ihre kuriose, unterhaltsame, atemraubende Serie fort. Die WM-Kandidaten Lewis Hamilton und Felipe Massa spielten zwar beim Kampf um den Sieg keine Rolle, würzten das Rennen am Fuße des Fudschijama aber mit kontroversen Manövern. Die fälligen Strafen warfen den McLaren-Piloten und den Ferrari-Fahrer zunächst ans Ende des Feldes zurück.
Während Hamilton als Zwölfter leer ausging, sammelte Massa (7.) zwei Pünktchen, die entscheidend sein können. Zwei Rennen vor dem Saisonende führt Hamilton die Fahrerwertung nur noch mit fünf Punkten an. BMW-Pilot Robert Kubica liegt nach seinem zweiten Platz wieder in Lauerstellung. Der Pole macht sich bei zwölf Punkten Rückstand allerdings keine Illusionen: „Ich brauche weiter die Hilfe von Felipe und Lewis. Aus eigener Kraft kann ich sie nicht schlagen.“
Bleibt Alonso nun bei Renault?
Alonso gewann das zweite Rennen innerhalb von 14 Tagen in einem Auto, das zu Saisonbeginn nicht mal schnell genug für WM-Punkte war. (siehe auch: Formel 1 in Singapur: Alonso ist schnellster Nachtfahrer der Welt) Renault hat von allen Teams den größten Sprung gemacht: „Zu Saisonbeginn lagen wir auf die Rundenzeit bezogen um 1,2 Prozent hinter Ferrari und McLaren, jetzt sind es nur noch 0,5 Prozent“, rechnete Chefingenieur Pat Symonds vor.
Ein Grund für Alonso zu bleiben. Der ließ sich zwar auch nach seinem 21. Grand-Prix-Sieg nicht darauf festlegen, wo er 2008 fährt. Teamchef Flavio Briatore plauderte aber: „Fernando bleibt bei uns.“ Der Grund für die Geheimnistuerei hat offenbar protokollarische Gründe. Renault will seine Fahrerpaarung für nächstes Jahr in einem Aufwasch bekanntgeben. Mit seinem vierten Platz betrieb der unter Bewährung fahrende Nelson Piquet eine Art Arbeitsplatzsicherung.
Hamilton kämpft mit aller Gewalt
Siegerinterviews waren nach dem 16. Lauf der Saison wenig gefragt. Die Diskussionen im Fahrerlager drehten sich um drei Szenen auf der Strecke und im Büro der Rennleitung, die das Rennen mit entschieden haben. Hamilton kam von der Pole-Position nur schleppend in die Gänge, wurde gleich von Kimi Räikkönen im Ferrari überholt. Sofort versuchte der Brite das Missgeschick am Ende der Zielgeraden mit einem zu späten, brachialen Bremsmanöver zu korrigieren.
Der aufsteigende Qualm von den blockierenden Vorderrädern am Ende der Zielgeraden führte den Zuschauern vor Augen, mit welcher Gewalt Hamilton um die Führung kämpfte. Weil der Engländer - wieder vor Räikkönen - noch geradeausrutschte, als die Kollegen schon einlenken wollten, mussten die beiden Ferrari-Piloten in die asphaltierte Auslaufzone der ersten Kurve ausweichen. Einhellige Meinung der Experten: „Ein dummes Manöver, weil Hamiltons Gegner nicht Räikkönen, sondern Massa heißt, der hinter ihm lag.“
Durchfahrtstrafen für die Streithähne
Dem Verdrängungskünstler Hamilton verhängten die Sportkommissare eine Durchfahrtsstrafe. Der Fahrer habe mit seiner Spätbremsung einen anderen Fahrer gezwungen, die Strecke zu verlassen (Regel 16.1). „Viele Fahrer sind dort beim Start weit rausgerutscht, ich halt ein bisschen weiter“, widersprach der Engländer. Teamchef Ron Dennis redete von einem normalen Rennunfall. „Wollen wir nicht mehr Überholmanöver sehen? Mit solchen Strafen verhindern wir das.“ Eine Runde später schritten die Schiedsrichter wieder ein. Hamilton hatte Massa vor der Schikane nach allen Regeln der Kunst ausgebremst, doch sein WM-Rivale schlug zurück. Eine Kurve später versuchte der Brasilianer, sich innen wieder vorbeizuquetschen, und drehte dabei den McLaren um 180 Grad.
Hamilton musste warten, bis das gesamte Feld vorbeigefahren war. Der McLaren-Pilot sprach von Absicht. Ron Dennis schwächte ab. „Felipe hat Lewis in aussichtsloser Position von der Strecke geschoben. Die Strafe gegen ihn war gerecht.“ Massa behauptet zwar steif und fest, Hamilton habe ihn auf den „Randstein gedrückt“, so dass er nicht mehr rechtzeitig habe bremsen können. Die Funktionäre aber ließen diese Erklärung nicht gelten: Durchfahrtsstrafe.
Hamilton gerät immer mehr in die Kritik
Vermutlich wollte Massa mit seiner Attacke gegen Hamilton ein Exempel statuieren. Denn im Kollegenkreis gerät der Chefpilot von McLaren wegen seines kompromisslosen Fahrstils immer mehr in die Kritik. Jarno Trulli will Hamilton bei der nächsten Fahrerbesprechung am Freitag in Schanghai zur Rede stellen. Hamilton hatte den zwischenzeitlich führenden Trulli beim Überrunden zwei Runden lang blockiert. „Lewis muss endlich einsehen, dass andere auch noch ein Rennen fahren“, sagte Trullis Teamkollege Timo Glock. Der Wersauer war in Monza im Zweikampf von Hamilton bei Tempo 200 mit den linken Rädern auf das Gras gedrängt worden. Eine gefährlichere Szene als die Startattacke. Trotzdem war sie folgenlos geblieben. (siehe auch: Lewis Hamilton: Mitunter wie ein Geisterfahrer)
Der Große Preis von Japan war mit der Zielflagge noch nicht beendet. 70 Minuten nach Rennende wurden Sébastien Bourdais 25 Sekunden zu seiner Rennzeit addiert, weil er Massa in einen Dreher gezwungen haben soll. Tatsächlich war Bourdais, aus der Boxengasse kommend, im Duell mit dem Ferrari in der ersten Kurve kollidiert. „Ich war mit der Nase meines Autos vorn und schon ganz innen auf dem Randstein“, erzählte der Toro-Rosso-Pilot: „Felipe hätte mir mehr Platz lassen können. Ich habe nur meine Position verteidigt. Wenn das bestraft wird, brauche ich nicht mehr Rennen fahren.“
Er wird es trotzdem wieder tun. So wie die Regulierungswut der Kommissare mit dem Bourdais-Urteil neuen Zündstoff für Verschwörungstheorien bot: Die Profiteure hießen Massa, Mark Webber (Red Bull) und Sebastian Vettel (Toro Rosso), der als Sechster als einziger Deutscher in Fuji punktete. Alle rückten einen Platz auf. Wurde schon wieder einem Ferrari-Piloten von höchster Stelle geholfen? Ron Dennis packte wutentbrannt seinen Aktenkoffer und verabschiedete sich mit den Worten: „Bevor ich jetzt etwas sage, was ich später bereue, gehe ich lieber zurück ins Hotel.“ Im entscheidenden Moment bewies der Brite ein Augenmaß, dass am Sonntag vielen fehlte: Hamilton, Massa und den Verkehrsrichtern.
Überholverbot in der Formel 1
Ralf Werner (steve.palmer)
- 12.10.2008, 12:43 Uhr