31.05.2010 · Für Sebastian Vettel und Mark Webber steht der WM-Titel auf dem Spiel – da ist jeder mit sich befreundet. Die Konkurrenz amüsiert sich über die Kollision der beiden. Ganz unschuldig an Vettels Aus ist aber auch das Red-Bull-Team nicht.
Von Michael Wittershagen, IstanbulSchon wieder ein Problem, dieses Mal ein menschliches. Nach dem Desaster für Red Bull beim Großen Preis der Türkei wollten Sebastian Vettel und Mark Webber nicht einmal mehr miteinander sprechen. Der Deutsche saß längst im Flugzeug, als der Teamkollege noch nach Erklärungen suchte. Keine Aussprache also, vorerst. „Ich werde mit Sebastian ganz sicher noch über diese Sache reden“, sagte Webber. „Wir haben verschiedene Meinungen, aber wir sind auch erwachsene Leute.“ Das klang beinahe schon zu vernünftig, um wahr zu sein.
Die Realität hatten Millionen Zuschauer überall auf der Welt wenige Stunden zuvor erlebt. Voller Egoismus donnerten beide mit Tempo 300 nebeneinander die Gerade entlang – und kollidierten. Die Schuldfrage ist noch immer nicht endgültig geklärt, die Folgen aber sind absehbar. Die Verantwortlichen von Red Bull müssen aufpassen, dass der Titelkampf nicht ausartet in einen selbstzerstörerischen Machtkampf.
Mit herben Verlusten auf jeder Seite. Beide Piloten rasen um die Chance ihres Lebens: Vettel könnte sich in diesem Jahr (zum letzten Mal) als jüngster Weltmeister in die Geschichtsbücher der Formel 1 eintragen; für den elf Jahre älteren Webber ist die Aussicht auf den ganz großen Coup vielleicht die letzte Chance überhaupt in seiner Karriere. Übermut und Hemmungslosigkeit sind die Folgen, mit starrem Tunnelblick rasten beide in den Crash.
„Das ist die letzte Chance für den Angriff“
Immer wieder hat Teamchef Christian Horner in den vergangenen Wochen betont, dass der österreichische Rennstall keine Stallorder aussprechen werde: „Sie haben das gleiche Material, sie haben die gleichen Möglichkeiten. Das ist unsere Philosophie, und so funktioniert das Team.“ Allerdings nur, wenn die Kommunikation stimmt. In Istanbul haben auch die Verantwortlichen am Kommandostand versagt.
In der Runde vor dem Unfall musste Webber den Motor seines Boliden in den Benzin-Sparmodus stellen, Vettel konnte indes noch einige Kilometer die volle Leistung abrufen und sich so der Angriffe von Lewis Hamilton erwehren. „Das ist die letzte Chance für den Angriff“, soll ihm das Team über Funk zugerufen haben, Webber aber informierte angeblich niemand darüber. Doch Vettel griff an, war um etwa eine halbe Wagenlänge vorbei, als sein Red Bull plötzlich nach rechts zog. Die Aufnahmen der Bordkameras zeigten keinen Lenkeinschlag, so dass womöglich auch eine Bodenwelle mitverantwortlich für die Kollision war.
Profiteure des Bullenkampfes waren Lewis Hamilton und Jenson Button, die durch ihren Doppelerfolg im McLaren plötzlich wieder in Schlagdistanz zum WM-Führenden Webber gekommen sind und ihr Team an die Spitze der Konstrukteurs-Wertung gebracht haben. Dabei lieferten sich auch die beiden Engländer ein hartes Rad-an-Rad-Duell. So aufregend, dass Nicole Scherzinger, die Freundin von Hamilton, immer wieder die Hände vor das Gesicht halten musste. „Jenson und ich wollen beide gewinnen, aber wir haben Respekt voreinander. Solche dummen Sachen würden wir nicht abziehen“, sagte der in der Vergangenheit auch nicht immer kluge Hamilton. „Ich bin sehr froh, dass das Verhältnis zu meinem Teamkollegen so ist. Das ist bei Red Bull wohl ein bisschen anders.“ Vielleicht gibt die Cleverness zum Ende der Saison den Ausschlag.
„Den Tag müssen wir beide erst einmal verdauen“
So war es schon in der vergangenen Saison, als Red Bull trotz eines letztlich besseren Autos Brawn GP und Button nicht mehr einholen konnte. Zu viele Fehler unterliefen Team und Fahrern – und es scheint, als hätten sie nicht viel daraus gelernt. In dieser Woche wollen die Verantwortlichen nun den Zusammenprall von Vettel und Webber aufarbeiten. Sicherlich wird es auch um die Reaktion unmittelbar nach dem Crash gehen, als der Deutsche wort- und gestenreich die Schuld an seinen Teamkollegen reichte.
Abermals wird ihre Beziehung zueinander auf die Probe gestellt. Viel zu sagen, hatten sich beide schon vor dem Crash von Istanbul nicht, allzu unterschiedlich sind diese beiden Typen. „Das war für uns jetzt ein Tag, den wir beide erst einmal verdauen müssen“, sagte Webber. Das Ergebnis wird beim nächsten Aufeinandertreffen der beiden auf und neben der Rennstrecke zu beobachten sein. Was auch immer sie aber sagen und tun werden, eines ist sicher: Im Titelkampf ist jeder nur mit sich selbst befreundet.