30.05.2010 · Ein misslungenes Überholmanöver um die Führungsposition raubt den Red-Bull-Fahrern Sebastian Vettel und Mark Webber beim Großen Preis der Türkei die Aussicht auf den Sieg. Als lachender Beobachter nutzt Lewis Hamilton den Unfall zu seinem ersten Formel-1-Sieg in dieser Saison.
Von Michael Wittershagen, IstanbulAlle schlugen sie die Hände über dem Kopf zusammen, konnten nicht glauben, was sie da auf den Monitoren sahen. Runde 40 am Sonntag beim Großen Preis von Istanbul: Mit Tempo 300 schossen Sebastian Vettel und Mark Webber (beide Red Bull) im Synchronflug über den Asphalt, der junge Deutsche war schneller, überholte - und krachte dann beim Anbremsen auf Kurve zwölf mit seinem Teamkollegen zusammen.
Kollektives Entsetzen am Kommandostand - und ein eindeutiges und international bekanntes Handzeichen von Vettel: Hat da jemand einen Vogel? „Ich war nicht übereifrig“, sagte der 22 Jahre alte Heppenheimer nach dem Aus. Sein rechter Hinterreifen wurde aufgeschlitzt vom Boliden des Kameraden. „Ich war auf der Innenseite, mehr gibt es dazu nicht zu sagen.“ Schuldfrage geklärt - zumindest für ihn. Webber immerhin konnte weiter fahren, musste nur seinen Frontflügel wechseln und tatenlos zusahen, wie Lewis Hamilton vor Jenson Button (beide McLaren) gewann. Der Australier wurde Dritter. „Wir hatten den Sieg sicher. Es ist schade für unser Team“, sagte Webber.
Emotionen außer Kontrolle
Sie haben sich das Rennen selbst zerstört bei Red Bull und wieder einmal eine große Chance nicht genutzt. Vor allem für Vettel wird der Kampf um die Weltmeisterschaft langsam zu einem Nervenspiel. In der Gesamtwertung liegt er nun nur noch auf Rang fünf (78 Punkte) hinter Webber (93), Button (88), Hamilton (84) und Fernando Alonso im Ferrari (79). Hinzu kommt, dass die Dominanz von Red Bull aus der Frühphase der Saison mehr und mehr schrumpft.
So etwas lässt die Emotionen schnell außer Kontrolle geraten. Wenige Minuten nachdem Vettel aus dem Cockpit geklettert war, stieß ein Mitarbeiter von Red Bull einen englischen Reporter zur Seite, und der Deutsche verschwand wortlos im Motorhome. Später erzählte er dann doch, wie er die Momente vor dem Unfall erlebt hatte. Mehrere Runden habe er sich angeschaut, an welcher Stelle er Webber überholen könnte und wollte dann zuschlagen. Auch, um den Angriffen von Hamilton zu entgehen. „Ich hatte das Gefühl, dass ich ein wenig schneller kann, also habe ich meine Chance genutzt. Ich denke, das habe ich richtig gemacht.“
Hamilton fühlt sich „wie in einem Actionfilm“
Nach dem Rennen wurde die Szene immer wieder analysiert. „Es sah so aus, dass Mark ihm nicht genug Platz gelassen hat“, sagte auch Teamchef Christian Horner. „Ich muss aber erst mit ihm reden.“ Webber sah bei sich keine Schuld: „Ich glaube nicht, dass ich verantwortlich bin.“ Laut Horner waren seine Piloten über die heikle Situation im Bilde: „Wir haben ihnen gesagt: Lasst euch Platz, gebt euch Respekt.“ Webber will davon nichts erfahren haben.
Und so fand sich Hamilton auf einem Logenplatz wieder, als Vettel und Webber kollidierten. „Das war phantastisch“, sagte der Lachende Dritte. „Es war wie in einem Actionfilm.“ Deren Ausgang Red Bull überhaupt nicht gefallen hat. Nur die Konkurrenten jubelten. „Toll Lewis“, sagten sie Hamilton über Funk. „Ihr habt sie unter Druck gesetzt - und sie haben den Fehler gemacht.“
Button gegen Hamilton - Berührung inklusive
Niemand konnte die beiden McLaren mehr stoppen - nur sie selbst wären dazu in der Lage gewesen: In Runde 49, an der gleichen Stelle wie zuvor Vettel, probte auch Button den Aufstand, zog an Hamilton außen vorbei, doch der junge Engländer wollte sich nicht geschlagen geben und konterte. Berührung inklusive. Reifen an Reifen kämpften die beiden in den nächsten fünf Kurven, ehe sich Button geschlagen gab. „Das war großer Spaß“, sagte der Dreißigjährige später. Nicht jeder sah das so. Schon Minuten zuvor hatten die Mechaniker Hamilton aufgefordert vom Gas zu gehen, das Benzin drohte auszugehen.
Wenige Runden danach erhielt Button die gleiche Warnung. „Wir haben nicht gedacht, dass das Rennen hier so schnell wird“, sagte der Weltmeister von 2009. Kurz vor dem Unfall, nach knapp vierzig Runden, beinahe 240 Kilometern und jeweils einem Boxenstopp trennten die Vier an der Spitze nur zwei Sekunden. „Am Ende mussten wir wirklich aufpassen, dass wir noch ins Ziel kommen“, sagte Button.
Freunde werden Webber und Vettel so schnell nicht mehr
Wie schnell das Rennen war, erlebten auch die beiden Mercedes-Piloten. Obwohl das Team Fortschritte gemacht hat, fuhren Michael Schumacher (4.) und Nico Rosberg (5.) im Schnitt eine halbe Sekunde pro Runde langsamer als die Spitze. Aber die Hoffnung auf Erfolge wird immer größer im Lager der Silberfarbenen. „Wir haben den Rückstand verkürzt“, sagte Schumacher. Zudem hat sich das Team vor Ferrari und Renault behauptet und ist zumindest in Istanbul zur dritten Kraft aufgestiegen. „Die vorne sind schneller, aber wir sind schneller als die anderen“, sagte Teamchef Ross Brawn. Trotzdem war Rosberg enttäuscht. „Ich denke, dass noch mehr drin gewesen wäre.“ Vielleicht, wenn sich auch Hamilton und Button ineinander verhakt hätten.
Aber das taten sie nicht, und so freuten sie sich am Ende dieses spektakulären Nachmittags über ihren gelungenen Coup. „Für uns ist das jetzt richtig blöd“, sagte hingegen Vettel. „Mark und ich haben wieder einmal wichtige Punkte verloren.“ Aus seinen Worten klang noch einmal Gemeinsamkeit heraus, tatsächlich aber gab es zwischen ihm und Webber reichlich Gesprächsbedarf nach diesem „Desaster“ (Webber) von Istanbul. Freunde werden die beiden so schnell nicht mehr. „Wir sind hier, um Rennen zu fahren“, sagte Vettel. Ohne Rücksicht auf Verluste.
Vettel fehlt die Platzreife!
Stefan Schaller (hnosteve)
- 30.05.2010, 20:47 Uhr
von wegen Vettels Mangel an Platzreife
bettina jung-stalmann (jungbet)
- 31.05.2010, 02:42 Uhr
... wieviel Hirn haben Formel-1 Fahrer ?
Closed via SSO (Hohenlohe-Bockenfeld)
- 31.05.2010, 10:29 Uhr