26.11.2011 · Kein brasilianischer Pilot der Gegenwart kann beim Vergleich mit der Ikone bestehen. Im Gegenteil: Ihnen droht das Aus in der Formel 1. Und dem Nachwuchs fehlt entweder das Talent oder die Förderung.
Von Anno Hecker, Sao PauloEs wird still, als Michael Schumacher erzählt, zurückschaut in die Vergangenheit. Das ist etwas Besonderes gewesen in diesen Tagen. Denn Geschichte interessiert den Rheinländer nur beiläufig. Es sei denn, sie hat ihn berührt. „Ich habe Ayrton damals im Kart beobachtet, das war phantastisch.“
Schumacher und Ayrton Senna hatten später ihre Kämpfe in der Formel 1. 1992 gerieten sie bei Testfahrten in Hockenheim nach gegenseitigen Blockademanövern in der Box aneinander. Der dreimalige Champion aus Brasilien steckte als Chefpilot der Formel 1 sein Terrain gegen einen aufmüpfigen Grünschnabel aus Kerpen ab.
Inzwischen inszenieren Senna-Verehrer Schumacher als Gegenpol, als lebendigen Beweis für die Unerreichbarkeit ihres verstorbenen Helden: hier die Seele der Formel 1 aus São Paulo, dort der kalte Rekordmann aus Deutschland.
17 Jahre nach dem furchtbaren Unfalltod von Senna beim Großen Preis von San Marino am 1. Mai 1994 in Imola sprach nun ausgerechnet der erfolgreichste Fahrer der Formel-1-Historie von Sennas Unsterblichkeit: „Es ist wie gestern“, sagte Schumacher vor dem Großen Preis von Brasilien an diesem Sonntag in São Paulo: „Es ist, als sei er noch unter uns.“
Gegen diese Worte hatte Rubens Barrichello keine Chance. Schon wieder ist er überholt worden. Wie alle anderen brasilianischen Formel-1-Piloten in der Ära nach Senna. Barrichello war zum ersten Erben erkoren worden. Es reichte zu einer sehr respektablen Karriere, zu elf Siegen, zu bislang 321 Grand Prix, zu einem großen Ansehen als Überholkünstler, zu Millionen Dollar auf dem Konto. Aber nie zu einer Meisterschaft.
„Ich hatte 19 wunderbare Jahre“, sagte der Paulista und vergaß glatt, dass er in regelmäßigen Abständen seine Leidenszeit als Opfer Schumachers im Ferrari beklagt. Mit ihm haben brasilianische Motorsportfans zunächst gelitten, dann ihren Schmerz aber mit Humor und Besinnung betäubt.
Montags nach den Rennen inszenierte eine satirische Puppensendung Barrichello einige Zeit als ewigen Möchtegern-Weltmeister im Stile eines jammernden Rumpelstilzchens.
An den meisten anderen Tagen pflegte und pflegt die Fan-Gemeinde die Erinnerung an Senna. Sie reicht von frischen Blumen an seinem schlichten Grab auf dem Friedhof Morumbi über die jüngste, etwas einseitige Senna-Dokumentation bis zur Feier seiner drei WM-Titel. Den letzten gewann er vor zwanzig Jahren im McLaren.
Rund um die Rennstrecke im Stadtteil Interlagos sieht man mehr Bilder, Fahnen oder Plakate mit dem Konterfei Sennas als noch vor einem Jahr. Selbst Stars der Formel1 bekennen sich. Lewis Hamilton (McLaren) präsentiert beim Saisonfinale ein Helmdesign zur Erinnerung an seine Leitfigur. Sennas Nachleben stellt Barrichello und dessen quicklebendigen Kollegen in den Schatten. Denn Felipe Massas Zukunft wird bei Ferrari längst in Frage gestellt. Und Bruno Senna ächzt nun unter dem Gewicht des Namens.
Auch bei Renault wird der Neffe den Ansprüchen nicht gerecht, die mit den Jahren seit dem Abschied von Ayrton Senna gewachsen sind. Wie auch? Die Verklärung der Vergangenheit hat den genialen Onkel unüberholbar werden lassen.
Drei Titel und 65 Pole-Positionen kann man vielleicht gewinnen. Aber wem gelingen solche Erfolge im Haifischbecken Hochleistungssport mit so viel Güte und Gerechtigkeit, wie sie Senna nachgesagt werden? Wer die Beschreibungen zusammenfügt, erhält das erste Heiligenbild der Formel 1. Senna ist unantastbar.
Louis Fernando Ramos überlegt einen Moment. Früher hätte der brasilianische Formel-1-Reporter keine Sekunde zögern müssen, wenn man ihn nach brasilianischen Kandidaten für die Formel 1 gefragt hätte.
Aus dem Land der mehrmaligen Weltmeister, von Emerson Fittipaldi über Nelson Piquet bis hin zu Senna, tauchten immer wieder Talente in der von den Europäern beherrschten Formel 1 auf. „Wir haben eine Tradition“, sagt der Reporter des größten Radiosenders (Bandeirantes) im Land, „aber die Ausbildungsstrukturen sind inzwischen zerstört.“
Die berühmte Kartschule Brasiliens leidet unter verbandspolitischen Fehlentscheidungen. Um die Zahl der Fahrer und damit die Einkünfte über den Verkauf der Fahr-Lizenzen zu vergrößern, versuchte der Motorsportverband überall im Land Meisterschaften zu etablieren. Damit schwächte er die Konzentration der Kräfte in São Paulo und die Qualität der Ausbildung.
Außerdem wurde vor etwa sieben Jahren die Formel-Renault, eine wichtige Einstiegsklasse, eingestellt. Die südamerikanische Formel 3 brachte zuletzt sechs Autos an den Start. „Das ist fatal für die Talente. Denn sie müssen nun schon nach ihrer Kartzeit nach Europa“, sagt Ramos: „Das kann man nur, wenn man reiche Eltern hat und sehr stark ist. Wer ist aber mit 14 oder 15 Jahren schon reif genug, nach England oder Italien zu gehen und sich dort durchzusetzen?“
Gleichzeitig hat sich in Brasilien eine Alternative entwickelt. Der wichtigste Fernsehsender TV Globo überträgt seit ein paar Jahren neben der Formel 1 auch eine Tourenwagen-Meisterschaft. Sponsoren wechselten deshalb von den wenig beachteten Nachwuchsklassen in diese Stockcar-Serie. Sie ist ein lohnendes Ziel für die jungen Fahrer.
„Dort können sie schnell Geld verdienen“, sagt Ramos, „das ist relativ sicher und kein so großes Abenteuer mit ungewissem Ausgang wie der Versuch, auf einem fremden Kontinent gegen die starke Lobby etwa der Engländer anzutreten.“ Der Rückzug macht sich bemerkbar. Die Einschaltquoten bei Formel-1-Rennen sind gesunken.
An diesem Sonntag werden Plätze frei bleiben auf den Tribünen. Trotzdem rechnet der Veranstalter mit 80.000 Zuschauern. Das sind weit mehr als zuletzt in der Türkei, in Malaysia oder China. Der Promotor weiß, wer ihm beim Verkauf der Karten hilft: der Geist Sennas.