11.03.2010 · Alonso gegen Massa, Hamilton gegen Button: Der Wettbewerb um die Position des Fahrers Nummer eins könnte die Spitzenteams Ferrari und McLaren schwächen - allen frohen Botschaften von Harmonie und Professionalität zum Trotz.
Von Anno Hecker, SakhirAlle reden vom Original, wenige Tage vor dem Saisonstart der Formel 1 am Sonntag in Bahrein (13 Uhr/FAZ.NET-Liveticker). Vom Synonym für Erfolg im Kreisverkehr. Schafft Michael Schumacher den Sprung zurück in seine Welt? Oder ist er vielleicht doch schon überholt von den Kopien Fernando Alonso und Lewis Hamilton? Die beiden Weltmeister lassen jedenfalls nicht den Hauch eines Zweifels an ihrem extremen Selbstbewusstsein: „Ich bin hier, um zu siegen“, sagte der 28 Jahre alte Alonso, nun ganz in Ferrari-Rot. „Ich will natürlich Weltmeister werden“, erklärte McLarens Hamilton (25). Formulierungen wie aus dem Stehsatz unter gedrillten Champions.
Aber der Ton erweckt inzwischen den Eindruck, den beiden werde einer vorerst nicht im Kopfe kreisen: Schumacher. Das aber hat weniger mit der kolportierten Schwäche des Mercedes zu tun als mit der vordringlichsten Aufgabe zum Beginn einer neuen Runde: Wer im Fahrerfeld am Ende vorne stehen will, muss erst mal der Boss im eigenen Stall werden.
Alonso Erster bei Ferrari vor Felipe Massa, Hamilton Chef-Pilot vor Jenson Button bei McLaren? Vielleicht. Die Qualität der Teamkollegen schließt aber eines aus: Ruhe beim Kampf um klare Hierarchien, um die erste Wahl bei der Strategie, um den größten Einfluss auf die Entwicklung des Boliden. Trotz des Nach-tankverbotes herrscht also Feuergefahr in der Formel 1.
Am Mittwoch wehte ein laues Lüftchen die Hitze aus dem Fahrerlager vor den Toren der Hauptstadt Manama. Alonso und Hamilton waren nicht zu sprechen. Aber die PR-Berater von McLaren und Ferrari verkündeten schon mal frohe Botschaften: Ihre Piloten mögen sich, alle arbeiten reibungslos miteinander. Vermutlich stimmt das. Die Testfahrten der vergangenen Wochen dienten der gemeinsamen Entwicklung der Boliden. Aber noch ist kein Meter um Ruhm und Ehre gefahren worden.
Alonso fühlt sich bei Ferrari sichtlich wohl
Trotzdem sind die unterschiedlichen Führungsstrategien der Antipoden Ferrari und McLaren deutlich zu erkennen: Hier die Neigung der Scuderia zum Ein-Mann-Team mit erstklassigem wie dienstbeflissenem Beifahrer, dort die Hoffnung der Briten auf einen befruchtenden Zweikampf unter Weltmeistern ohne Betriebsunfall.
Fernando Alonso fühlt sich sichtlich wohl im roten Overall. Schon beim Neujahrsempfang in Madonna di Campiglio schwärmte er von der Erfüllung eines Traumes. „Mein Vater sagte mir immer, dass ein Pilot zwar Rennen und Titel gewinnen kann, dass er aber nie wirklich erfüllt ist, wenn er keinen Ferrari fährt“, erzählte Alonso: „Jetzt ist es so weit. Ich bin zu Ferrari gewechselt, um zu siegen.“ Dem Tagebuchschreiber aus Oviedo müsste das neue Kapitel teilweise bekannt vorkommen.
„Wir brauchten einen wie früher Michael Schumacher“
Hatte er nicht im Januar 2007 als neue Galionsfigur von McLaren „mein Team“ umarmt, als Erfüllung seines Kinderwunsches bezeichnet? Diese Liebe auf den ersten Blick führte nicht zu einer Ära Alonso, sondern über gegenseitige Vorwürfe und Unterstellungen zu einer Scheidung nach nur zehn Monaten. Alonso fühlte sich - überholt vom ungestümen Engländer Hamilton - bei McLaren verraten und verkauft.
Ferrari aber scheint so um ihn zu kreisen wie die Equipe von Renault. „Wir brauchten einen Piloten, der wie früher Michael Schumacher nicht nur sehr schnell ist, sondern auch die Ingenieure und das Team nach vorne bringt“, erklärte Teamchef Stefano Domenicali, „wir brauchten einen, der jeden Einzelnen motiviert und das Auto verbessert. Fernando ist genau dieser Pilot.“
Gegen Alonso hat Massa bislang nicht zurückgezogen
Der Umkehrschluss muss den zweiten Mann ins Herz treffen. Felipe Massa genießt offenbar nicht mal im eigenen Lager den Ruf, die Dinge so zu beschleunigen wie Alonso. Zudem trägt er die Last, nach der Schädelverletzung beim schweren Unfall im vergangenen August sein besonderes Niveau wieder beweisen zu müssen. „Ich bin hundertprozentig fit“, sagte der kleine Brasilianer keck. Bei den Testfahrten ließ er keine Schwäche erkennen. Und im Rennen hat er selten zurückgezogen. Schon gar nicht im Kampf mit Alonso. 2007 gerieten die beiden am Nürburgring so sehr aneinander, dass sie sich nachher vor laufenden Kameras anschrien.
So weit soll es bei McLaren gar nicht erst kommen. Mit der Sensibilität eines Seismographen haben Gleichstellungsbeauftragte der Engländer versucht, das Leben mit ihren beiden Weltmeistern auszubalancieren. Ein schwieriges Spiel. Nie zuvor fuhren die Champions der vergangenen beiden Jahre für ein Team. Noch dazu kommen sie aus einem Land. Was die Lage noch komplizierter macht: Auch der Druck der britischen Medien spielte beim Desaster mit Alonso 2007 eine Rolle. Das Wunderkind aus der Heimat stand ihnen näher als der spanische Solist.
Der Überflieger gegen den Spätentwickler bei McLaren
Diesmal aber tritt der unnahbar wirkende Ziehsohn von McLaren-Chef Ron Dennis gegen den Mann des Volkes, Jenson Button, an. Der aggressive Überflieger gegen den eher gelassenen Spätentwickler. Hamilton ist im Vorteil. Er baute drei Jahre das Team um sich auf und stärkte seine Position im vergangenen Jahr. Denn trotz des anfangs schwachen Autos zeigte er einen mitreißenden Kampfgeist.
Button wird dagegen nachgesagt, nur mit schnellen Autos gut über die Runden zu kommen. Immerhin gilt er als der sanfteste unter den Piloten - im Umgang mit den Reifen. Die Pneus werden unter dem Gewicht der schwer mit Benzin beladenen Rennwagen wesentlich mehr leiden als vor dem Nachtankverbot. „Das ist Jensons Chance“, sagt der frühere Grand-Prix-Pilot Gerhard Berger. Und die Gefahr für McLaren. Denn „ich werde alles tun, damit sich nichts ändert“, gab Hamilton mit Blick auf seine Position im Team zu Protokoll. Das „Dreamteam“, unkten britische Zeitungen, könne sich zu einem „Nightmare“ (“Albtraum“) entwickeln.