06.12.2007 · Keine Strafe für Renault: Der Formel-1-Rennstall wurde in der Spionage-Affäre um vertrauliche Informationen vom Rivalen McLaren-Mercedes freigesprochen - und das, obwohl Renault gegen die Regeln des Weltverbandes verstoßen hat.
Der Formel-1-Rennstall Renault ist in der Spionage-Affäre um vertrauliche McLaren-Informationen trotz eines Regelverstoßes ohne Strafe davongekommen. 83 Tage nach der Rekordgeldstrafe von 100 Millionen Dollar und dem Abzug aller Konstrukteurspunkte 2007 von McLaren-Mercedes wegen deren Verwicklung in den Spionage-Skandal mit Ferrari traf der Weltrat des Internationalen Automobilverbandes Fia am Donnerstag im Glücksspielparadies Monte Carlo diese Entscheidung.
Damit dürfte auch die erhoffte Verpflichtung des zweimaligen Weltmeisters Fernando Alonso durch sein ehemaliges Team Renault wieder Fahrt aufnehmen. Das sogenannte World Council stellte zwar einen Verstoß gegen Artikel 151c des Regelwerks fest, verhänge aber keine Strafe, hieß es in einer sechszeiligen Pressemitteilung. Der Verband kündigte mögliche weitere Untersuchen an, falls neue Beweise auftauchen sollten. In einer gut sechsseitigen Mitteilung erklärte die Fia am Freitag, dass die Ermittlungsergebnisse nicht für eine Strafe ausgereicht hätten.
Briatore: „Unsere Reputation wurde diffamiert“
Ankläger McLaren-Mercedes wollte sich auf dpa-Anfrage am Donnerstag nicht zu der Entscheidung äußern. Das britisch-deutsche Team muss sich an diesem Freitag erneut vor dem Fia-Weltrat verantworten, nachdem der Rennstall in der „Formel 007“ um vertrauliche Informationen des Erzrivalen Ferrari am 13. September drastisch bestraft worden war. In einer ersten Verhandlung waren die Silberpfeile allerdings auch freigesprochen worden, damals aus Mangel an Beweisen. Anschließend waren neue Indizien und Aussagen aufgetaucht.
Am Freitag soll über mögliche Sanktionen für 2008 befunden werden. Renault-Teamchef Flavio Briatore hatte mit dem Freispruch gerechnet. Wenn das Urteil verkündet sei, werde man rechtliche Schritte gegen McLaren in Erwägung ziehen, hatte der Italiener stattdessen laut der britischen Zeitung „Daily Express“ (Donnerstag) gesagt. „Unsere Reputation wurde diffamiert“, wurde Briatore weiter zitiert. „Eine Menge sehr schlechter Sachen wurde über uns von McLaren in den vergangenen Wochen gesagt, sehr schädigende Sachen.“
Neue Bewegung? „D-Day für Renault und Alonso“
Die Entscheidung des Weltrates dürfte unterdessen dem Bemühen um ein abermaliges Engagement von Alonso zuträglich sein. McLaren-Mercedes hatte die Zusammenarbeit mit dem entthronten Champion nach nur einem Jahr wegen dessen ständiger Anfeindungen wieder beendet. „D-Day für Renault und Alonso“, titelte am Donnerstag die spanische Zeitung „El mundo“. Denn vielfach wird spekuliert, dass Alonso die Fia-Entscheidung erst einmal abwarten wollte, bevor er sich an ein neues - gegebenenfalls aber auch altes - Team bindet.
Ohne die Begründung der Entscheidung ist eine Einschätzung schwer. Fakt ist: Der ehemalige McLaren-Ingenieur Phil Meckereth hatte Datenmaterial bei seinem Wechsel im März 2006 zu Renault mit im Gepäck. Darunter sollen auch Informationen über das Benzinsystem und Fahrwerksabstimmungen gewesen sein.
18 Zeichnungen auf 762 Seiten Datenmaterial
Die zuerst von McLaren-Mercedes erhobenen Anschuldigungen wurden von dem Rennstall aber am Abend vor der Renault-Verhandlung relativiert. Auf Bitten der Fia, wie es in der entsprechenden Pressemitteilung hieß. Demnach wussten nicht 18 Renault-Mitarbeiter, wie ursprünglich von McLaren behauptet, von den Informationen. Vielmehr hätten 13 Mitglieder der Franzosen 18 Zeugenaussagen gemacht, neun hätten zugegeben, die vertraulichen technischen Daten angesehen und diskutiert zu haben.
Auch die Behauptung, dass die Informationen auf elf Computer von Renault heruntergeladen wurden, musste McLaren als „nicht akkurat“ bezeichnen. Meckereth habe die Daten auf elf Computer-Discs gespeichert. Dass sich auf diesen Discs 780 Zeichnungen befunden hätten, sei ebenfalls ein Fehler. Ausgedruckt hätte das Datenmaterial 762 Seiten gefüllt - 18 Zeichnungen seien darunter zu finden gewesen.
Nächste Fia-Strafen erst am 14. Februar 2008
Unterdessen muss McLaren-Mercedes noch bis zum 14. Februar 2008 vor weiteren Strafen im Zuge der Spionageaffäre zittern. Der World Motor Sport Council des Automobil-Weltverbandes Fia entschied am Freitag in Monte Carlo, dass bis zu seiner außerordentlichen Sitzung an diesem Tag in Paris McLaren-Mercedes, Ferrari und alle anderen WM-Teilnehmer noch ihre Meinung zu einem Bericht externer Experten über die Untersuchung des Silberpfeils für 2008 äußern dürfen.
In einer Pressemitteilung erklärte McLaren-Mercedes, dass man die Ankündigung des World Council zur Kenntnis genommen habe. „McLaren hat von Anfang an der Fia vollen Zugang und vollständige Kooperation gewährt und bleibt zuversichtlich, dass keine vertraulichen Informationen in die Autos des Teams für 2007 und 2008 eingeflossen sind“, hieß es in dem Statement. Die Entscheidung der Fia lässt das Team allerdings bis kurz vor Saisonbeginn im Unklaren über sein neu entwickeltes Auto.
In seinem Urteil vom 13. September, als McLaren-Mercedes wegen des Besitzes geheimer Ferrari-Daten zur Rekord-Geldstrafe von 100 Millionen Dollar und zum Abzug aller Konstrukteurspunkte 2007 verurteilt worden war, hatte die Fia sich weitere Sanktionen für 2008 ausdrücklich offen gelassen. Es müsse sichergestellt sein, dass im künftigen McLaren-Mercedes kein Ideengut von Ferrari enthalten sei.