21.10.2007 · Ob Hamilton, Alonso oder Räikkönen - allen drei Titelkandidaten in der Formel 1 geht es nur um eins: Gleichzeitig losfahren, aber als Erster ankommen. Und zwar überall. In der Qualifikation war Massa der lachende Vierte. Anno Hecker berichtet aus Sao Paulo.
Von Anno Hecker, Sao PauloFernando Alonso verstand die Frage nicht. Lewis Hamilton schüttelte den Kopf. Hinter ihnen nickte Kimi Räikkönen aus der zweiten Reihe: Dreieinigkeit beim Missverständnis. Das Ganze noch mal, bitte schön: "Ist es - vom Standpunkt des Humanisten aus betrachtet - nicht reine Zeitverschwendung", fragte ein Journalist beim zweiten, hier frei übersetzten Versuch, "sich in der Formel 1 als Feinde zu begegnen, anstatt Freundschaften zu pflegen?"
Wieder schaute der gute Mann in erstaunte Gesichter. Wieder erntete er Unverständnis. Diese Frage werden Formel-1-Piloten, zumal so kurz vor der letzten Runde um den Titel an diesem Sonntag in São Paulo (18 Uhr, im FAZ.NET-Liveticker), wohl nie verstehen. Sie passt nicht in ihr Überholprogramm: "Wir sind Wettkämpfer, wir lieben das", antworten die drei Titelkandidaten Hamilton, Alonso und Räikkönen schließlich unisono: "Das ist unser Leben."
Kleine Sympathieoffensive
Feinde auf der Rennbahn? Nicht doch. Hamilton lacht Alonso an, der kontert mit einer kleinen Sympathieoffensive: "Es ist viel Unwahres geschrieben worden. Wir verstehen uns seit Saisonbeginn gut, ich habe nichts gegen Lewis", behauptet der Asturier. Dafür viel gegen den gemeinsamen Teamchef bei McLaren-Mercedes, Ron Dennis. Regelmäßig erhob Alonso in den vergangenen Wochen bittere Klage. Prompt sprang Hamilton seinem Förderer bei und diagnostizierte beim spanischen Weltmeister an seiner Seite eine Charakterschwäche.
Trotzdem spielte (und spielt?) man miteinander: Basketball zum Beispiel - wenigstens am Computer. Oder im Werbefilm: ein Wettlauf bis ins Hotel, zum Portier, aufs Zimmer, in die Sauna. So amüsant wie realistisch: Bei Alonso und Hamilton, auch bei Räikkönen, geht es letztlich immer nur um eines: gleichzeitig losfahren, aber vor dem anderen ankommen. Überall.
Hamilton verpasste am Samstagabend die optimale Startposition. Er musste sich in der Qualifikation um 0,151 Sekunden dem brasilianischen Lokalmatadoren Felipe Massa geschlagen geben. Dritter wurde Kimi Räikkönen. Titelverteidiger Fernando Alonso aus Spanien kam nicht über den vierten Startplatz hinaus. Nick Heidfeld im BMW-Sauber war Sechster, Nico Rosberg im Williams-Toyota Zehnter.
Letzte Ausfahrt, nervös?
Sie kneten ihre Hände. Diesmal ist es nicht so wie bei den vergangenen 16 Grand Prix. Diesmal gibt es keine Korrekturrunde, keine Ausgleichschance mehr. Letzte Ausfahrt, nervös? "Man ist immer ein bisschen nervös", sagt Räikkönen. Aus dem Off meldet sich einer, der sich an Showdown-Stunden in Brasilien noch gut erinnern kann. Dreimal ist Michael Schumacher zur entscheidenden Tour nach São Paulo eingeflogen.
Einmal gewann er den Titel (2003), zweimal verlor er (2005/ 2006): "So ein Finale wie das jetzt in Brasilien ist schon ein Knaller", schreibt der Pensionär auf seiner Homepage: "Ich kann mich noch gut an die Anspannung vor solchen Wochenenden erinnern, und ehrlich gesagt bin ich ganz froh, dass ich das Rennen diesmal von der Couch zu Hause aus verfolgen kann." Und zwar die Abfahrt der brüllenden Boliden leicht bergauf mit einem schonungslosen Vollgassprint zur ersten gefürchteten Kurve, die leicht nach links abfällt, bevor sie sich tückisch nach rechts biegt. Eine Ecke, wo sich Piloten mit klopfendem Herzen so nahe kommen, dass man sofort erkennt, wie sie wirklich ticken.
Plötzliche Kehrtwenden
Rund 15 Sekunden hat die große Szene gedauert. Es war in Spa-Francorchamps. Alonso ließ sich, in der ersten Haarnadelkurve innen liegend, nach außen treiben, als Hamilton attackierte. So weit, dass der abgedrängte junge Brite das Bankett als Beschleunigungsstreifen nutzte, bevor er auf die Piste zurückschoss. Rad an Rad flogen beide mit Tempo 300 auf die Senke vor der berühmten Kurve "Eau-Rouge" zu, wo man im tiefen Cockpit bei der Bergfahrt kurz den Himmel sieht. "Wir brauchen die Herausforderung", sagt Alonso: "Am Limit." Darauf fahren sie ab. Hamilton, der strahlende Jungstar, genauso wie Alonso, der schnell beleidigte Champion, oder Räikkönen, der unbeteiligt dreinschauende Schweiger.
Als die drei erklären sollen, was sie bewegt in den Tagen vor der Entscheidung von São Paulo, biegen sie in unterschiedliche Richtungen ab. Alonso macht eine Kehrtwende vor, wirkt plötzlich gemäßigt, gibt sich nach den Vorwürfen der vergangenen Wochen vertrauensselig: Den amtlich bestellten Aufpasser des Internationalen Automobil-Verbandes hält er für fehl am Platze: "Den brauchen wir nicht."
„Das war mir eine Lehre“
An ein technisch einwandfreies Auto im Team des Dennis-Schützlings glaubt er inzwischen sowieso. Hamilton zeigt derweil sein Zahnpastalächeln. Der Fehler von China, der Ausrutscher an der Boxeneinfahrt mit abgewetzten Hinterreifen, hat ihm den vorzeitigen Triumph zwar verdorben. Aber das Missgeschick stärkt, sagt er: "Das war mir eine Lehre." Nur einer fährt wie immer geradeaus, wenn er nicht im Cockpit sitzt, mit fixiertem Tempomat, untertourig.
Rückwärts könnten Hamilton und Alonso aufsagen, unter welchen Bedingungen sie Weltmeister werden. Räikkönen kratzt sich am Kopf. Der 28 Jahre alte Finne wird an anderer Stelle die Drehzahl aufnehmen, die er braucht, um in Schwung zu kommen.
Räikkönen muss alles riskieren, Alonso viel. Hamilton bleibt der größte Spielraum - theoretisch. Aus der Cockpitperspektive sieht es dann doch anders aus: "Niemand legt es auf einen Crash an", erklärt der Brite, "aber natürlich will jeder von uns in der ersten Kurve vorne sein." Da bleibt kein Platz für Freunde.