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Formel 1 Ferrari auf Crashkurs

21.05.2009 ·  An diesem Wochenende steht das Rennen in Monte Carlo an. Doch der Sport rückt in den Hintergrund. Denn Ferrari droht im Streit mit dem Weltverband, die Formel 1 zu verlassen - ein Szenario, in dem beide Seiten verlieren würden.

Von Anno Hecker, Monte Carlo
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Rot bestimmt das Bild. Rote Kappen, rote Fahnen, rote T-Shirts. Mitten drauf prangt ein schwarzes Pferdchen, seit einem Menschenleben das Sinnbild für besonderes Tempo, besondere Leistungen, besondere Geschichten im Motorsport. Die Händler in den Gassen von Monte Carlo haben ihre Stände unübersehbar auf den Kassenschlager getrimmt. Sie setzten in den Tagen vor dem Großen Preis der Formel 1 am Sonntag (14.00 Uhr / FAZ.NET-Formel-1-Liveticker) auf Ferrari. „Die Fan-Ausrüstung geht am besten. Sie wird von allen gekauft. Natürlich von Italienern, aber auch von Deutschen, Franzosen, Engländern. Selbst Japaner wollten Ferrari-Kappen“, sagt die junge Französin in der Rue Princess Caroline. „Wenn Ferrari verschwindet, wer soll sie dann ersetzen?“

Draußen, vor dem Gitterzaun rund um das Fahrerlager im Hafen des Fürstentums, hat der Streit zwischen dem erfolgreichsten Rennstall und dem Regelmacher Max Mosley schon konkrete Befürchtungen ausgelöst. Man nimmt die wiederholte Erklärung des Ferrari-Vorstandes, nach 59 Jahren aus dem Zirkus auszusteigen, falls es keine Einigung über die Regeln ab 2010 gibt, viel ernster als der Formel-1-Tross.

Glaubt man Mosley, dem Präsidenten des Internationalen Automobil-Verbandes (FIA), dann braucht sich die Verkäuferin aus der realen Welt keine Sorgen zu machen: „Ferrari ist wichtig, aber die Formel 1 wird auch ohne Ferrari überleben.“ Wird sie nicht, behauptet Fernando Alonso. Der zweimalige Weltmeister skizzierte am Donnerstag den Untergang der Formel 1, sollten die roten Renner ein für allemal die nächste Ausfahrt nehmen. Dass Mosley die Zukunft rosig beschreibt, während Alonso rot sieht, hängt mit den persönlichen Interessen zusammen. Der Brite will die Italiener in die Knie zwingen. Der Spanier möchte demnächst für sie fahren. Was aber ist Ferrari wirklich wert?

„Ich mache mir Sorgen, ich möchte nicht, dass sie uns verlassen“

Wenn das Training im Fürstentum vorbei ist, stauen sich Ferraris brüllend im Stadtverkehr. Abends werden die Luxus-Boliden mit Straßenzulassung von ihren Besitzern im Schritttempo dem Publikum vor den Bars vorgeführt. Man schaut und staunt, man streichelt über das Chassis und dokumentiert die Nähe zum Außergewöhnlichen. Klick: Ich und Enzo (das Sondermodell, nicht der Mensch) am Casino. Wo Ferrari Krach macht, laufen Menschen zusammen.

Von Monaco bis nach China. Manche kratzen, wie einst auf dem Nürburgring, sogar das Ferrari-Reifengummi vom Asphalt ab oder sammeln Splitter von geborstenen Frontflügeln, um im Reliquienschrank daheim neue Kostbarkeiten unterbringen zu können. Andere protestieren wie im Albert Park von Melbourne gegen ein Verschwendungssymbol. Es gibt wohl keine andere Maschine, die so viele Gefühle auslöst.

Selbst Bernie Ecclestone greift sich inzwischen ans Herz. „Ich mache mir Sorgen, ich möchte nicht, dass sie uns verlassen“, zitierte das britische Fachmagazin „Autosport“ den Chefmanager. Der eher kühl kalkulierende Engländer hat aber kaum tränenreiche Abschiedsszenarien von einem „Mythos“ vor Augen, sondern eher den Formel-1-Kontoauszug ohne Ferrari-Bonus. Wie nach dem Unfalltod des vergötterten Ayrton Senna, nach dem Rücktritt des Weltrekord-Piloten Michael Schumacher drehte sich das Rad auch nach einem Ausstieg von Ferrari weiter. Ohne das Zugpferd aber verlöre der Kreisverkehr an Attraktion bei Zuschauern, Sponsoren und potentiellen Konkurrenten. Sind Siege über Ferrari nicht besonders wertvoll?

Ferrari sackt noch eine Art Handgeld von 50 Millionen pro Jahr ein

Seit Donnerstag hat es die Öffentlichkeit nun auch schwarz auf weiß, wie hoch die Rennwagenschmiede aus Maranello bei den Machthabern im Kurs notiert ist. Ein Pariser Gericht wies den Antrag Ferraris auf Einstweilige Verfügung gegen die Regeländerungen für 2010 zwar zurück. Aber nur, weil die Italiener die geforderte Eile nicht ausreichend begründen konnten. Nebenbei aber bestätigte der Richter die Existenz eines bis 2010 gültigen Veto-Rechtes von Ferrari bei Regeländerungen.

Eingeräumt hat es Max Mosley, der auf seine neutrale Position als Regelmacher- und -hüter so großen Wert legt. Zusätzlich zum Regel-Kontroll-Recht sackte der Rennstall auch noch eine Art Handgeld von 50 Millionen Euro pro Jahr ein, gezahlt von Ecclestone. Mit diesem Paket erkauften sich Mosley und Ecclestone einen Spurwechsel von Ferrari. Quasi über Nacht verließ die Scuderia die Herstellergemeinschaft GPWC. Sie hatte aus Verdruss unter anderem über die – nun bestätigte – undurchsichtige Formel-1-Führung eine eigene Rennserie auf die Beine stellen wollen. Ohne Ferrari verlief das Projekt im Sande.

„Wir werden uns nicht einschreiben, wenn es bei den Plänen bleibt“

Mosleys Sonderregel für die Roten haben andere Rennställe verblüfft und wütend zur Kenntnis genommen. Sie fühlen sich nach Jahren der Vermutungen endlich bestätigt: Ferraris traditionelle Nähe zur FIA zahlte sich mehr aus als gedacht. Trotzdem hält sich die Empörung über das skandalöse Ungleichgewicht in Grenzen. Zumindest soll es (vorerst) nicht zu einer Abrechnung kommen. Im Gegenteil. An diesem Freitag will die Konstrukteurs-Vereinigung Fota in Monaco versuchen, weiterhin eine Linie in der Auseinandersetzung mit Mosley zu halten. Ein schwieriger Weg. Denn der clevere FIA-Chef hat inzwischen von seiner kuriosen Regelungs-Idee Abstand genommen hat. Er wollte jenen Teams, die eine Budgetgrenze (45 Millionen Euro) akzeptieren, wieder relativ freie Wahl beim Rennwagenbau lassen und anderen (wie Ferrari oder Toyota) Restriktionen aufzwingen.

Damit scheint ein großes Hindernis für einige Rennställe aus dem Weg. Ferrari aber wehrt sich angesichts seines 1000-Mann-Teams auch heftig gegen die abrupte Ausgaben-Begrenzung und eine entsprechende Kontrolle der Finanzen, auf die sich manch prominenter Konkurrent mit Abstrichen einlassen will. „Wir werden uns nicht einschreiben, wenn es bei den Plänen bleibt“, teilte Ferrari apodiktisch mit. Der Ton klingt kaum nach Kompromissbereitschaft. Mit einem Crashkurs würde aber nicht nur die FIA etwas verlieren, sondern auch die Scuderia. Ihre geliebte Bühne.

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Jahrgang 1964, Sportredakteur.

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