05.06.2009 · Die Formel 1 kreist zum fünften Mal in der Türkei - ohne bisher so recht bei der Bevölkerung zu landen. Das macht Streckenbesitzer Bernie Ecclestone nicht reicher. Schon bald könnte es heißen: letzte Ausfahrt Istanbul.
Von Michael Wittershagen, IstanbulSie sind überall. In den verwinkelten Gassen der Innenstädte, auf den schmalen Straßen im hügeligen Umland, auf den Schnellstraßen. Wenn sie sich erst in ihr Auto gesetzt haben, dann ist beinahe jeder Türke ein kleiner Rennfahrer - und es zeigt eindrucksvoll, warum das Land am Bosporus eine der höchsten Verkehrsunfallraten der Welt besitzt. Selbst Jenson Button (Brawn GP), der Führende im WM-Klassement der Formel 1, mag sich diesem Chaos nicht aussetzen. Der 29 Jahre alte Brite wird während dieses Grand-Prix-Wochenendes von einem Chauffeur zur Strecke gebracht. Deutlich mutiger zeigt sich Nick Heidfeld (BMW-Sauber), der täglich mit dem Motorroller zum Istanbul Park fährt. „Heute war der Weg wirklich extrem“, sagte er am Donnerstag. „Durch den Regen hatte sich ein weißer Schmierfilm auf dem Asphalt gebildet. Das war spannend.“
Rund fünfzig Kilometer liegt das „Otodrom“ östlich der Millionen-Metropole im asiatischen Teil des Landes, wo die Vegetation karg und die Menschen weitaus ärmer sind als in Istanbul. Schon zum fünften Mal sind die vermeintlich besten Piloten der Welt nun im Ort Kurtköy zu Gast, den meisten Türken aber wird dieses Großereignis, das Motorsportfans in allen Teilen der Welt verfolgen, verborgen bleiben. Nichts deutet am Flughafen auf den Großen Preis der Türkei hin, es wurden kaum Werbetafeln in Istanbul aufgestellt, und sehr wahrscheinlich wissen nur wenige mit Namen wie Hamilton, Massa oder Vettel etwas anzufangen. „An der Strecke gab es in den letzten Jahren durchaus so etwas wie Begeisterung“, sagt Heidfeld. „Aber in Istanbul selbst spielt das Rennen so gut wie keine Rolle.“
Im vergangenen Jahr kamen 40.000 Zuschauer
Gerade einmal 40.000 Zuschauer sahen im vergangenen Jahr den Sieg von Felipe Massa im Ferrari, dabei hatte der deutsche Architekt Hermann Tilke die Tribünen einst für rund 135.000 Besucher konzipiert. Die Formel 1 sollte die Türkei verändern - vor allem in der Bewertung anderer Nationen. Weltoffen, freundlich und begeisterungsfähig wollte sich das Land präsentieren, und dafür hatte die türkische Handelskammer rund 120 Millionen Euro in den Bau der Strecke investiert. Mehr, als ursprünglich veranschlagt worden war. Trotzdem schien der Nutzen dieser Investition zunächst zu überwiegen. „Die Formel 1 wird dem Image unseres Landes einen bedeutenden Aufschwung geben“, sagte Ministerpräsident Erdogan 2005 - kurz vor der türkischen Grand-Prix-Premiere.
In einer Zeit, als man noch von der Hoffnung beseelt war, der Motorsport könnte sogar ihre Bemühungen unterstützen, einmal die Olympischen Spiele ausrichten zu dürfen. Nur hatten sie dabei offenbar vergessen, dass die Leidenschaft der Bevölkerung vor allem drei Namen trägt: Fenerbahce, Galatasaray und Besiktas. Die Fußballklubs bestimmen die Titelseiten der großen Tageszeitungen, und auch der Wechsel von Trainer Christoph Daum aus Köln in die Türkei ließ das bevorstehende Rennen am Donnerstag zu nicht viel mehr als einer Randnotiz verkommen.
„Vielleicht 2011 zum letzten Mal“
Die Realität in der Türkei hat in diesen Tagen nur sehr wenig von dieser verheißungsvollen Wunderwelt, die aus der Formel 1 in vielen Staaten rund um den Globus ein Erfolgsprodukt gemacht hat. Das ist das Geschäftsprinzip dieser Rennserie, die große Träume einfacher Menschen erfüllen will. Vor allem Charles Bernard Ecclestone, den alle nur Bernie nennen, verdient daran kräftig mit. Seit zwei Jahren ist der Vermarkter der Formel 1 zugleich auch Betreiber der Strecke in Istanbul, weil die türkische Handelskammer irgendwann die laufenden Kosten nicht mehr tragen konnte. Zwei weitere Jahre ist der Ausrichtervertrag gültig, noch reicher, als er ohnehin schon ist, wird der 78 Jahre alte Ecclestone mit diesem Rennen aber nicht.
Im Gegenteil: Ein Grand-Prix-Wochenende in der Türkei soll Verluste in Höhe von Millionen Euro, zweistellig, zur Folge haben. Sollten nun neue Länder - Südafrika, Indien oder Russland - mit dem Spektakel Formel 1 erschlossen werden, wird Istanbul als eine der ersten Strecken aus dem Kalender genommen. „Vielleicht sind wir 2011 zum letzten Mal Gastgeber der Formel 1. Wir müssen auf jeden Fall neu verhandeln“, sagt Streckenchef Can Güclü.
Kurve acht ist eine Attraktion im Fahrerfeld
Dabei ist der Istanbul Park eine interessante Strecke. Architekt Tilke hat eine anspruchsvolle Berg-und-Tal-Fahrt entwickelt. Der fahrerische Höhepunkt lauert in Kurve acht, einer Linksbiegung um 180 Grad mit vier Scheitelpunkten, die die Piloten teilweise mit mehr als 250 Kilometern in der Stunde durchfahren, wobei sie Kräfte von etwa 4,5g (das Viereinhalbfache ihres Gewichts) aushalten müssen. „Wenn alles optimal läuft, erlebt man da ein wahnsinniges Gefühl“, sagt McLaren-Mercedes-Pilot Heikki Kovalainen. Es ist eine der schnellsten Kurven der gesamten Saison, eine Attraktion im Fahrerfeld. Aber auch sie täuscht nicht darüber hinweg, dass die Türkei - allen Hobbyrennfahrern zum Trotz - keine Motorsportnation ist. „Wir brauchen Zeit, damit sich hier eine Kultur für diesen Sport entwickeln kann“, sagt Streckenchef Güclü. Die Frage wird sein, wie lange Ecclestone die nötige Geduld aufbringen wird.