Home
http://www.faz.net/-gu4-vzfb
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Formel 1 Die Chance seines Lebens

04.11.2007 ·  Nach der Trennung von Fernando Alonso hat McLaren-Mercedes ein Auge auf Nico Rosberg geworfen - aus guten Gründen. Der 22 Jahre alte Sohn des früheren Weltmeisters Keke Rosberg verhalf Williams zu Rang vier in der Konstrukteurswertung.

Von Anno Hecker
Artikel Bilder (9) Lesermeinungen (0)

Das Rennen ist eröffnet - das um den begehrtesten Platz in der Formel 1, folgt man der Logik des gemeinen Rennfahrers. Jeder will in einem Siegerauto sitzen. Nun hat McLaren-Mercedes nach der Trennung von Fernando Alonso noch eines zu bieten für 2008. Schon schnipsen alle mehr oder weniger ungebundenen Piloten mit dem Finger. Einer muss nicht mehr um Aufmerksamkeit buhlen. Zumindest sind die Signale aus dem Team kaum anders zu verstehen: Nico Rosberg könnte die Chance seines Lebens bekommen. Er wäre der erste deutsche Pilot bei McLaren-Mercedes.

Ganz fröhlich hat der 22 Jahre alte Sohn des früheren Weltmeisters Keke Rosberg vor ein paar Wochen die Beförderungsvariante "zur Kenntnis" genommen - aber dankend an seine Verpflichtung erinnert: "Ich habe einen Vertrag mit Williams." Immer schön geradeaus fahren, selbst wenn sich verlockende Abkürzungen anbieten. Das ist wohl auch ein Grund, warum McLaren-Mercedes ein Auge auf Rosberg geworfen hat.

Klare Ansprache ohne überzogene Selbstdarstellung

In Wiesbaden geboren, in Monaco aufgewachsen, in Italien als Kartfahrer großgeworden, beherrscht er einige für seinen Job wichtige Sprachen: Englisch, Deutsch, Italienisch, Französisch, Monegassisch und die Formel-1-Diktion der neuen Generation - eine klare Ansprache ohne überzogene Selbstdarstellung. "Man kann wirklich von einer neuen Generation sprechen", sagt der frühere Grand-Prix-Pilot Gerhard Berger, heute Mitbesitzer von Toro Rosso: "Zu meiner Zeit fingen wir spät mit dem Rennfahren an. Dann kam die Kart-Generation, die von Kindesbeinen nichts anderes tat. Heute drücken die Kerle gleichzeitig die Schulbank, um eine Studienreife zu bekommen. Die haben eine ganz andere Sprache drauf, einen ganz anderen Umgang mit den Ingenieuren. Das ist der Hauptunterschied."

Als Rosberg zum Ende seiner Schulausbildung noch nicht so recht wusste, ob es mit der Rennerei bis hinauf in die Formel 1 reichen würde, befasste er sich in Gedanken schon mal mit dem Studium der Luft- und Raumfahrt. Dass er auf dem Boden blieb, half nicht zuletzt seinem Team Williams.

Steigerungspotential bis zur letzten Runde

Im zweiten Formel-1-Jahr überzeugte Rosberg vor allem mit konstant überdurchschnittlichen Leistungen in einem durchschnittlichen Boliden: "Ich habe viel gelernt im ersten Jahr. Deshalb war ich zusammen mit den Ingenieuren in der Lage, die Balance des Autos passend zu meinem Fahrstil zu entwickeln." Elfmal schaffte er es bis in die dritte Phase des Qualifikationstrainings. 15 Mal schlug er dabei seinen Teamkollegen, den erfahrenen, als Abstimmungsexperten geschätzten Alexander Wurz, und überzeugte den Österreicher letztlich, die Rennerei in der Formel 1 noch vor Ablauf der Saison aufzugeben.

Rosbergs Steigerungspotential ließ sich bis zur letzten Runde erkennen. Vom zehnten Rang beim Start des Finales in Brasilien schoss er auf Platz vier vor, zuletzt mit einem atemraubenden Manöver vorbei am BMW-Piloten Robert Kubica. Die Solotour verhalf Williams schließlich zu Rang vier in der Konstrukteurswertung. Dieser Aufstieg spült wegen der Aufteilung der Vermarktungsgelder unter anderem nach dem Leistungsprinzip Millionen Dollar in die Teamkasse. Entsprechend fällt das Urteil über den Piloten aus: Rosberg ist mehr wert.

Hat Rosberg auch den Mut?

Das haben auch die Marketingstrategen unter den Managern erkannt. Mit Nico Rosberg im Team böte sich die einmalige Gelegenheit, im deutsch-deutschen Duell eine größere Nähe zum nach wie vor wichtigen Markt in der Bundesrepublik zu inszenieren. Zumal BMW mit Nick Heidfeld auf dem Sprung in die Spitze scheint.

Fragt sich nur noch, ob Rosberg auch den Mut hat, seine sichere Position als unumstrittene Nummer eins bei Williams für eine unsichere im englischen Ensemble rund um den britischen Liebling Lewis Hamilton zu tauschen. "Den Mut hat er", behauptet ein Insider, "keine Frage." Falls es Zweifel geben sollte, dann könnte die deutsche Fraktion bei McLaren Rosberg bei der heiklen Abwägung der Karriere-Frage unterstützend an seine eigene Ankündigung erinnern: "Ich denke", sagte Rosberg in der vergangenen Saison, "ich wäre mit einem besseren Auto in der Lage zu zeigen, was ich wirklich kann." Die Chance hat er sich jedenfalls verdient.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 04.11.2007, Nr. 44 / Seite 21
Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen
Themen zu diesem Artikel

Jahrgang 1964, Sportredakteur.

Jüngste Beiträge

Stürmer in der Defensive

Von Michael Ashelm

Die Anforderungen an Angreifer haben sich stark verändert – und damit die Auswahl des Personals. Der Stürmertyp, der vorne wartet, bis er bedient wird, stirbt aus. Mehr 1

Ergebnisse, Tabellen und Statistik