25.06.2011 · Die Regelhüter greifen in die Formel-1-WM ein - viele Experten glauben: Das könnte vor allem Red Bull und Sebastian Vettel aus der Erfolgsspur bringen. Und die erzwungene Aerodynamikänderung ist nicht die einzige Sorge beim Spitzenreiter.
Von Michael Wittershagen, ValenciaEr ist ein schlechter Verlierer, daraus hat Sebastian Vettel noch nie ein Geheimnis gemacht. Der Dreiundzwanzigjährige trägt den Ärger in seinem Gesicht und lächelt gequält, wenn er bei der Siegerehrung einmal nicht ganz oben auf dem Podium steht. Nach dem Großen Preis von Kanada vor knapp zwei Wochen schickten die Fernsehsender diese Bilder zuletzt in die Welt hinaus. Zwei Kilometer vor dem Ziel hatte der Weltmeister gepatzt, und Jenson Button (McLaren) zog noch an ihm vorbei. „Ich brauchte danach ein bisschen Zeit für mich“, sagt Vettel.
Bedingungsloser Ehrgeiz, schonungsloser Umgang mit seinen Gegnern – das sind zwei seiner Erfolgsfaktoren. Und selbst sechzig Punkte Vorsprung im Gesamtklassement dienen ihm nicht als Beruhigung. Vettel weiß, dass dieses Polster womöglich noch eine ganz entscheidende Rolle spielt in dieser Formel-1-Saison. Denn die Widerstände werden größer.
Anfang dieser Woche haben die Regelhüter des Internationalen Automobil-Verbandes (Fia) in den Titelkampf eingegriffen. Vom nächsten Rennen in Silverstone an wird das sogenannte Anblasen des Diffusors verboten, schon an diesem Wochenende beim Großen Preis von Europa in Valencia darf zwischen Qualifikationstraining und Rennen die Motoreinstellung nicht mehr verändert werden. Viele Experten sind sich einig: Beides könnte vor allem Red Bull aus der Erfolgsspur bringen. Denn kein anderes Team hat diese Technik dermaßen perfektioniert. Die heiße Luft aus dem Auspuff sorgt für Abtrieb, der wiederum wie Klebstoff wirkt.
Zum Teil rasen Vettel und sein Teamkollege Mark Webber deshalb mit zwanzig Kilometern pro Stunde mehr als die anderen durch die Kurven. Bei den bisherigen sieben Grand Prix startete der Deutsche sechs Mal von der Pole Position, den einen übrigen ersten Startplatz sicherte sich der Australier. Doch diese Red-Bull-Serie könnte nun ein Ende finden. „Für die österreichische Variante ist es wahrscheinlich ein großer Schlag“, sagt Michael Schumacher (Mercedes).
Rot ist zurück im Spiel
Für den Moment glauben die Jäger wieder an ihre Chance, allen voran die beiden Männer im McLaren. „Es ist möglich, dass wir auf Red Bull aufholen“, sagt Lewis Hamilton. Damit würde ein Trend der vergangenen Wochen bestätigt werden. Schon in Barcelona, Monaco und Montreal war der McLaren im Rennen zeitweise das schnellste Auto im Feld. „Wir haben gezeigt, dass wir Vettel schlagen können, und wir wissen, dass wir um die WM kämpfen können“, sagt Button. Und vielleicht kommt plötzlich noch eine andere Farbe wieder ins Spiel: das Rot von Ferrari. Die Scuderia profitierte bisher offenbar am wenigsten vom angeblasenen Diffusor, und so könnte vor allem Chefpilot Fernando Alonso den Rückstand auf Vettel zumindest verkürzen.
Durch eine kalkulierte Aktion? Einige im Fahrerlager glauben an Verschwörungstheorien wie diese: Jean Todt, der ehemalige Ferrari-Teamchef und jetzige Fia-Präsident, könnte seiner alten Leidenschaft durch das Verbot einen kleinen Freundschaftsdienst erwiesen haben. Es bleibt also ein fader Beigeschmack. Helmut Marko, der Berater von Red Bull, ist sich sogar sicher, dass die Entscheidung gegen den angeblasenen Diffusor vor allem eine Entscheidung gegen die Dominanz von Vettel ist.
Dabei fußt das Verbot auf einer eindeutigen Grundlage. Nach Artikel 3.15 des technischen Reglements darf kein flexibles System eingesetzt werden, dass die Aerodynamik des Boliden verändert. Fragen bleiben. „Ein richtiges Verständnis habe ich nicht dafür“, sagt Schumacher. „Aber es ist so wie im Straßenverkehr. Man wundert sich, wenn plötzlich irgendwo ein Geschwindigkeitslimit verändert wird, und man fragt sich, warum denn hier noch langsamer gefahren werden muss – aber man hält sich besser daran.“
Die Kers-Pest
Alle Teams müssen nun wieder umdenken und ihre Boliden umbauen. „Es ist viel zu kompliziert“, sagt Vettel. „Da blickt ja keiner mehr durch, was jetzt gerade erlaubt ist und was nicht.“ Allzu intensiv will er sich aber nicht damit beschäftigen. Vieles, was jenseits des schmalen Asphaltstreifens passiert, ist für ihn nicht mehr als eine Ablenkung vom Wesentlichen. „Es wird jetzt viel Tohuwabohu gemacht. Aber letztlich ist es für alle ein Schritt nach hinten, es wird alle ein bisschen einbremsen“, sagt Vettel „Ich mache mir deshalb keine Sorgen.“ Zumindest zeigt er das äußerlich nicht.
Dabei hätte er noch einen anderen Grund dafür. Auch in Kanada versagte das Energie-Rückgewinnungssystem Kers den Dienst in seinem Red Bull. Seit Saisonbeginn bekommen die Techniker dieses Problem nicht dauerhaft gelöst, und auch deshalb nimmt der Druck weiter zu. Vettel spricht schon von einer „Pest“, wenn er an Kers denkt – und sehnt sich dennoch schon wieder nach seinem Platz im Cockpit: „Jetzt sind wir hier in Valencia, die Sonne scheint: Also greifen wir auch wieder voll an.“ Er hat noch längst nicht genug.