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Formel 1 Der tapfere Barrichello will auch diesmal in der Heimat siegen

22.09.2005 ·  Seit 15 Jahren wartet die brasilianische Formel-1-Gemeinde auf einen Heimsieg in São Paulo. Rubens Barrichello hat im Ferrari keine Chance. Die neue Hoffnung der Fans heißt Felipe Massa.

Von Anno Hecker, Sao Paulo
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Rubens gibt nicht auf. Und wenn die Lage auch aussichtslos scheint. "Warum denn nicht?" antwortet der Ferrari-Pilot auf die Frage nach seiner Siegchance am Sonntag beim Großen Preis von Brasilien in Sao Paulo. Diesmal geht es auf seinem Heimatkurs rund. Das verpflichtet: "Ich kenne die Strecke wie meine Westentasche, es ist wie bei einem Heimspiel im Fußball. Die Siegchancen sind höher. Es könnte gelingen." Die anwesenden Ferrari-Mitarbeiter verziehen keine Miene. Indizien für eine wundersame Beschleunigung der Scuderia vor dem drittletzten Rennen der Saison haben sie nicht zu bieten. Und so gehört Barrichellos Vorhersage zum guten Dienst am Kunden. Die Erwartungen wollen geschürt werden.

Seit 15 Jahren wartet die Formel-1-Gemeinde in Brasilien geduldig auf einen Champion aus der Heimat. Nach den hochverehrten Siegertypen Emerson Fittipaldi, Nelson Piquet und dem 1994 tödlich verunglückten Ayrton Senna ist es Barrichello zwar als einzigem Brasilianer gelungen, hier und da ein Rennen zu gewinnen. Alle neun Siege gelangen ihm in nun fast sechs Jahren als Ferrari-Pilot - aber alle im Schatten Schumachers, der im gleichen Zeitraum fünfmal Weltmeister wurde. "Deshalb lehnt ihn die ältere Generation der Formel-1-Fans ab, während die junge, die Senna nur noch vom Namen kennt, hinter Barrichello steht", berichtet der brasilianische Formel-1-Reporter Livio Oliveira.

Hoffnung für Brasiliens Fans

Die Begeisterung im Land scheint ungebrochen. Nach einer Umfrage bei ihren Lesern entschied sich die Tageszeitung "O Estado de Sao Paulo", weiter auf die High-Speed-Branche zu setzen. Nur Fußball findet größeres Interesse. Dieser Eindruck wird von den Einschaltquoten gedeckt. Sonntags morgens um neun Uhr brasilianischer Zeit, wenn in Europa die große Sause beginnt, schauen rund 20 Millionen Menschen (9 Prozent) die Live-Übertragung des Senders TV Globo. Es lohnt sich - wenigstens für die Fernsehmacher. Von den rund 45 Millionen Dollar Werbeeinnahmen bleiben nach Abzug der Kosten etwa zwölf Millionen übrig. Und doch kommen die brasilianischen Zuschauer beim Grand Prix in der Heimat kaum auf ihre Kosten. Seit Sennas letztem Sieg in Sao Paulo 1993 versuchte es Barrichello 13mal. Obwohl der tapfere Südamerikaner einen Steinwurf von seinem Elternhaus manches Mal in Führung lag, sprang als bestes Resultat nur Rang drei (2004) dabei heraus.

Die miserable Sao-Paulo-Quote wird Barrichello nach Lage der Dinge auch am Sonntag kaum verbessern. Aber es gibt Grund zur Hoffnung. In Zukunft gehen gleich zwei aussichtsreiche Kandidaten für Brasilien ins Rennen. Felipe Massa wechselt als Nachfolger Barrichellos von Sauber zu Ferrari, der Landsmann von der Scuderia zu BAR-Honda. "Erstmals seit 1991 (Senna im McLaren, Piquet bei Benetton) sitzen 2006 wieder zwei Brasilianer in Topteams", sagt Oliveira, "die Medien und die Leute setzen auf den Wechsel."

Barrichello wechselt zum richtigen Zeitpunkt

Ein paar Minuten später schürt Barrichello die Stimmung: "Sie haben mich wegen meiner ganzen Erfahrung, meines Tempos und meines starken Willens, Weltmeister zu werden, engagiert", sagte der 33jährige Pilot und teilte einen leichten Seitenhieb aus: "Im Team werden beide Piloten gleich behandelt." Bei Ferrari mußte Barrichello in fast sechs Jahren und bislang 99 Grand Prix Schumacher wenigstens zweimal auf Geheiß der Teamleitung passieren lassen. Diese Schläge mit der (vergoldeten) Kasperklatsche für Barrichellos unbotmäßiges Aufmucken im Team des Formel-1-Chefpiloten schmerzen noch. Dabei ist die Statistik erdrückend: 49:9 Siege für den Deutschen in der gemeinsamen Ferrari-Zeit.

Daß Barrichello zu den besseren Piloten gehört, ist unbestritten. Allein seine Schwankungen auf hohem Niveau unterscheiden ihn von Schumacher, von Champions. Sein jüngstes Manöver abseits der Piste aber war brillant. Für den Wechsel zu BAR an die Seite von Jenson Button suchte sich Barrichello den besten Zeitpunkt aus. Im nächsten Jahr laufen die Verträge von Kimi Räikkönen und Fernando Alonso aus. Der Ferrari-Fahrer wäre im Poker um die Jungstars wohl zum Spielball verkommen. So ist ihm vorzeitig eine ansehnliche Gehaltssteigerung um zwei Millionen Dollar auf angeblich zehn Millionen pro Saison sicher. Zudem weiß er mit Honda ein ehrgeiziges Unternehmen im Rücken von BAR. Die Japaner besitzen 45 Prozent des Teams. Und schließlich verspricht die Herkunft des Teammanagers einen gewissen Schutz beim üblichen Kampf um die Gleichbehandlung. Gil de Ferran ist Brasilianer.

Wann kommt Nelson Piquet junior?

Der älteste Brasilianer im Fahrerfeld wieder ein Zugpferd? Das mag Felipe Massa nicht hinnehmen. Schon hat der 24jährige Kurvenkünstler seine Absicht durchschimmern lassen, im Bewährungsjahr 2006 zu tun, was Barrichello mißlang: Schumacher aufs Abstellgleis zu schieben. Im Fahrerlager ist man da eher skeptisch. So wie die Chancen von Antonio Pizzonia, bei Williams als Stammfahrer wieder Fuß zu fassen, gering scheinen. Der dritte Brasilianer vertritt am Sonntag den verletzten Nick Heidfeld und könnte ihn beerben, weil der Rheinländer 2006 für BMW fährt.

Allerdings erwächst Pizzonia Konkurrenz. Der Finne Nico Rosberg, sagt Teamchef Frank Williams, könnte eine Alternative sein. Dann würde der nächste Deutsche wieder einen Brasilianer verdrängen. Heidfeld gewann im Winter den Vergleichstest von Williams gegen Pizzonia. Rosberg siegte bei den Wettfahrten um einen Testfahrervertrag. Dabei blieb ein gewisser Nelson Piquet junior und damit eine große Hoffnung des brasilianischen Motorsports vorerst auf der Strecke: der Filius des dreimaligen Weltmeisters.

Quelle: F.A.Z. vom 23. September 2005.
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Jahrgang 1964, Sportredakteur.

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