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Formel 1 Das Spiel hat sich gedreht

06.06.2008 ·  Felipe Massa ist der Mann der letzten Rennen: Nach Punkten hat er zu Weltmeister und Ferrari-Teamkollege Räikkönen beinahe aufgeschlossen. Was McLaren-Mercedes 2007 den Formel-1-Titel kostete, könnte nun Ferrari drohen: ein Zweikampf der Piloten.

Von Anno Hecker, Montreal
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Was für ein Kontrastprogramm. Friedlich liegt das Fahrerlager auf der Ile de Notre Dame im St. Lorenzstrom. Die Fahrer sind froh, dass es wieder rund geht auf der Strecke. Am Sonntag fahren sie um den Großen Preis von Kanada. „Wir konzentrieren uns auf den Sport“, sagt BMW-Motorsportchef Mario Theissen. Max Mosley, am Dienstag per Vertrauensvotum im Amt als Präsident des Internationalen Automobil-Verbandes (FIA) gestärkt, soll kein Thema sein, wenn die Piloten Gas geben.

So haben sich die Rollen verändert. Früher schockierten vor allem lebenslustige Fahrer die Gesellschaft mit heiklen Affären. Heute machen Funktionäre und Teambesitzer Ärger. Auf ihr Konto geht der Spionagefall um Ferrari und McLaren-Mercedes, der Sex-Skandal des FIA-Chefs oder das anhängige Gerichtsverfahren um Kopieverbote zwischen Force India und Toro Rosso. Nur alle zwei Wochen ist Ruhe: „Wenn die Flagge fällt, hört der Mist auf“, sagen englische Formel-1-Freaks in Vorfreude auf das, was sie eigentlich bewegt.

Alonso spricht aus Erfahrung: „Es gibt immer eine bessere Strategie“

So ist es auch in dieser Saison. Sonntags spricht die Formel 1 nur vom Mehrkampf auf der Piste. Wieder kämpfen Ferrari und McLaren-Mercedes auf Augenhöhe. Wieder erscheinen mehrere Piloten als WM-Kandidaten. Jedenfalls beeilen sich die beiden Rennställe, alle Fragen nach einer vorzeitigen Entscheidung zugunsten eines ihrer Fahrer abzuwehren. „Alle werden gleich behandelt“, heißt es hüben wie drüben. Die Freifahrt-Scheine vor dem siebten von 18 Grand Prix sprechen für die Leistungsdichte.

Drei Punkte liegt Weltmeister Kimi Räikkönen hinter Lewis Hamilton (38/McLaren-Mercedes), und nur einen vor Felipe Massa (34). „Wann wird sich Ferrari entscheiden?“, fragt das Fachblatt „Motorsport aktuell“. Schließlich ist die Scuderia in der Ära Schumacher mit der Ein-Piloten-Strategie samt loyalem Beifahrer bestens gefahren. Dabei geht es nicht um den Vorteil durch Technik für den Chefpiloten. „Im Rennen“, sagt der zweimalige Champion, Fernando Alonso, „kann man die Fahrer nicht gleichbehandeln. Es gibt immer eine bessere Strategie.“

Räikkönen ist kein Überflieger

Im Moment scheint Felipe Massa auf dem Weg, alle Welt zu überraschen. Nach Siegen ist er mit Räikkönen gleichauf (je zwei). Beim Qualifikationstraining hat der kleine Brasilianer den Finnen sogar mit 5:1 abgehängt. „Massa war immer schon schnell, aber nicht fehlerfrei. Im Moment macht er einen phantastischen Job. Ich glaube, dass er Kimi damit Kopfzerbrechen bereitet“, sagt McLarens Geschäftsführer Martin Whitmarsh.

Ingenieure der Scuderia haben wiederum festgestellt, dass Räikkönen zwar ein hervorragender, nervenstarker Pilot, aber doch kein Typ von ungebremster Beharrlichkeit wie Schumacher ist: „Wenn alles passt, ist Kimi sehr, sehr schnell“, heißt es im Team, „aber wenn nicht, dann ist er auch kein Überflieger.“

Massas stetiger Erfolg verhindert eine Stallorder

In Melbourne, wo die Ferraris zum Saisonauftakt neben der Spur liefen, leistete sich Räikkönen zwei Fehler. In Monaco demolierte er nach verpatztem Start von Position zwei zunächst den Frontflügel bei einem Ausflug in eine Nothalte-Bucht. Später prallte er ins Heck von Adrian Sutils Force India: Neunter, null Punkte. Deshalb zweifelt zwar niemand an der extravaganten Fahrzeugbeherrschung Räikkönens. Der stetige Erfolg von Massa, in den vergangenen Jahren wegen Leistungsschwankungen chancenlos, zwingt die Scuderia aber, abzuwarten.

Das Spiel hat sich gedreht. 2007 brachte der Zweikampf mit Fernando Alonso bei McLaren-Mercedes Lewis Hamilton um den Titel. Nun sieht sich der Brite – befreit vom Spanier – allein auf weiter Flur. Der zweite Sieg der Saison vor zehn Tagen, sein erster im Fürstentum, katapultierte ihn nicht nur an die Spitze der Fahrerwertung. Hamilton scheint seinem neuen Kollegen im eigenen Stall auch enteilt. Heikki Kovalainen liegt 23 Punkte zurück.

Trotz Hamiltons Vorsprung: Kovalainen macht oft das Tempo

Doch die Statistik täuscht. Der Finne macht immer wieder das Tempo. In Barcelona und in Istanbul überzeugte er als schnellster Fahrer des gesamten Feldes, stand trotz 16 Kilogramm mehr Benzin an Bord vor dem Wunderknaben aus Hertfordshire. Kovalainen fällt mit seinem Tempo allerdings nicht auf. Pech und Pannen bremsen ihn brutal. In Barcelona brach eine Felge im Rennen – bei 240 Kilometer pro Stunde. Trotz des Unfalls zählte er zwei Wochen später in der Türkei zu den Siegkandidaten – bis Räikkönen bei einer leichten Kollision kurz nach dem Start einen Vorderreifen am Boliden seines Landsmannes mit seinem Frontflügel aufschlitzte.

In Monaco sauste Kovalainen trotz Startplatz vier nur als Letzter den Kollegen hinterher. Er war nicht in die Gänge gekommen, weil das Getriebe vorübergehend streikte. Schon schaltete sich das in der Formel 1 gepflegte Misstrauen ein: Zufall? Wahrscheinlich. Denn für ein bisschen Betriebsfrieden wird McLaren-Mercedes kaum einen guten Startplatz opfern. Schon gar nicht im ersten Drittel der Saison. „Außerdem hat Räikkönen im vergangenen Jahr zu einem späteren Zeitpunkt 26 Punkte Rückstand gehabt und ist doch Weltmeister geworden“, rechnet der Zahlenkönig unter den Experten, Mercedes’ Sportchef Norbert Haug, vor. Da geht noch was.

Das große Rad drehen nicht die Piloten

Zweifellos wird der bevorstehende erste Sieg von Kovalainen die Formel-1-Spitze verdichten, das große Rennen um den Titel zuspitzen. Vielleicht führen die bis jetzt so unterhaltsamen bis packenden Duelle dann zum nächsten Skandal, zu einer verbotenen Teamorder. An der Rollenverteilung wird das nichts ändern. Die Fahrer sitzen zwar am Steuer. Am großen Rad aber drehen andere.

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Jahrgang 1964, Sportredakteur.

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