28.05.2011 · Formel-1-Weltmeister Sebastian Vettel sichert sich die Pole Position für den Großen Preis von Monaco. Überschattet wird die Qualifikation von einem schweren Unfall des Sauber-Piloten Sergio Pérez. Ein Crash von Nico Rosberg verläuft dagegen glimpflich.
Von Anno Hecker, MonacoDürfen wir uns freuen? In den ersten Minuten nach Ende des Qualifikationstrainings für den Großen Preis von Monaco an diesem Sonntag (14 Uhr/ live im FAZ.NET-Formel-1-Liveticker) wirkten Sebastian Vettel und Kollegen gebremst. Die fünfte Pole-Position im sechsten Versuch (siehe auch: Formel 1: Ergebnisse und Gesamtwertung), diesmal vor Jenson Button im McLaren und Mark Webber im zweiten Red Bull, hielt ihn nicht davon ab, zuallererst nach dem Zustand seines jungen Kollegen Sergio Perez zu fragen. Der Sauber-Pilot war gut zwei Minuten vor Ende des Startplatztrainings schwer verunglückt.
Dessen medizinische Versorgung, der Transport ins Krankenhaus, der Wiederaufbau der Sicherheitssysteme an der Unfallstelle hatte die Jagd nach der Bestzeit um dreißig Minuten unterbrochen. Über die Aussicht, erstmals das Monaco-Rennen zu gewinnen, freute sich der Weltmeister erst, als die beste Nachricht des Tages eintraf: „Man hat uns gesagt, dass er bei Bewusstsein ist und spricht.“
Vettel: „Wir werden daraus lernen“
Vettel hatte die Bilder des Unfalls nach seiner Bestzeit in der Box gesehen, auf einem der tragbaren Monitore, die ihm sonst zum Zeiten- und Fahrstudium auf den Rand des Cockpits gestellt werden. „Das ist nicht leicht, wenn ein Kollege so einen Unfall hat, wenn es so lange dauert, bis er aus dem Auto geholt wird“, sagte Vettel eine halbe Stunde nach dem ersten Schrecken: „Ich hoffe, Sergio sitzt bald wieder im Auto.“ Webber und Button, der 2003 an der gleichen Stelle bei einem Einschlag das Bewusstsein verloren hatte, formulierten quasi unisono ihre Erleichterung. Vettel forderte darüber hinaus in einem Nebensatz Konsequenzen: „Wir werden daraus lernen.“
Die Unfallstelle ist berüchtigt. Perez hatte nach der Tunnelausfahrt beim Anbremsen für die Schikane bei etwa 290 Kilometern pro Stunde die Kontrolle über seinen Boliden verloren. Der Sauber driftete nach rechts in die Leitplanken, verlor den Frontflügel, das rechte Vorderrad und war schon deshalb weder steuer- noch bremsbar. Hilflos musste Perez mit ansehen, wie das auf der rechten Seite komplett abrasierte Auto sich nach links drehte und seitlich mit hoher Geschwindigkeit auf die Streckenbegrenzung zurutschte. Der 21 Jahre alte, talentierte Südamerikaner nahm geistesgegenwärtig die Hände vom Lenkrad und legte sie rechts und links an den Helm. Sein Sauber schlug einen Augenblick später ein, vermutlich mit mehr als 130 Kilometern pro Stunde.
Nur Gehirnerschütterungen
Die dort aufgebaute Barriere trennt eine der wenigen Auslaufzonen in Monaco von der Piste, etwa wie eine Verkehrsinsel. Deshalb drohen bei einem Kontrollverlust die so gefürchteten stumpfen Einschläge, bei denen lebensbedrohliche Verzögerungswerte auftreten können. 1994, zwei Wochen nach den tödlichen Unfällen von Roland Ratzenberger und Ayrton Senna in Imola, war Karl Wendlinger an der gleichen Stelle verunglückt und auch seitlich eingeschlagen. Der Österreicher erlitt damals ein Schädel-Hirn-Trauma und lag 19 Tage im künstlichen Koma. In der Formel 1 konnte er nicht mehr Fuß fassen.
Dieser furchtbare Crash überzeugte Teams und Sponsoren, den Sicherheitsvorgaben von Max Mosley zu folgen. Der damalige Präsident des Internationalen Automobil-Verbandes (Fia) setzte eine kontinuierliche Verbesserung durch, ließ Jahr für Jahr die Anforderungen erhöhen. Seither hat es in der Formel 1 keinen Unfall mit tödlichen, lebensbedrohlichen oder irreversiblen Verletzungen geben. „Früher wären andere Konsequenzen aus so einem Unfall erwachsen“, sagte Michael Schumacher (Startplatz fünf). Perez, so die erste offizielle Erklärung der Fia und seines Teams, erlitt eine Gehirnerschütterung, aber keine Brüche. Er blieb zur Kontrolle über Nacht im Krankenhaus Princess Grace.
Vorentscheidung für Vettel
Das Glück der späten Geburt hat Perez vor fatalen Verletzungen bewahrt. Denn die Einschlagwucht wurde von modernen, 1,20 Meter hohen, 60 Zentimeter breiten Schutztanks (Tecpro) gedämpft. Sie sind mit Schaum gefüllt. Nico Rosberg kam am Samstag nur mit Glück an dieser Stelle ohne Schaden an Leib und Seele vorbei. Am Vormittag war der deutsche Mercedes-Pilot ähnlich wie Perez an gleicher Stelle in die Leitplanke gerutscht, dann aber mit seinem demolierten Boliden an der Barriere vorbeigeschlittert.
Hat Monaco also ein Sicherheitsproblem am Ausgang des Tunnels? „Das ist natürlich nicht ohne. Man springt mit Vollgas in den Bremsvorgang ein“, beschrieb Rosberg (8.) den heiklen Moment. „Es scheint so zu sein, dass die Strecke da gefährlich ist. Bei mir war es aber nicht die Piste, sondern mein Fehler.“ Trotzdem erscheint Vettels vorsichtiger Hinweis berechtigt. Die Piloten fahren in einer Rechtskurve aus dem Tunnel und treffen beim Anbremsen auf einen leicht welligen Belag. Die Autos können ausgehebelt und deshalb leicht unkontrollierbar werden.
Dass die Sorgen von Fahrern ernst genommen werden müssen, hat sich in Monaco bestätigt. Erst auf ihre Intervention hin verbot die Fia den Einsatz des beweglichen Heckflügels im Tunnel. Andernfalls wären Perez und Rosberg bei ihren Unfällen noch deutlich schneller unterwegs gewesen. Vorerst aber hat das Unglück von Perez nur Auswirkungen auf das Rennen. In den letzten 2:13 Minuten konnten die Piloten ihre Zeiten nicht wie erwartet verbessern. Rosberg blieb auf Rang acht hängen und rutschte erst nach der Strafversetzung für Lewis Hamilton wegen einer Abkürzung in einer Schikane noch auf Platz siebenvor. Der erste Vettel-Jäger Hamilton startet nach seiner Strafe etwas deprimiert im McLaren von Rang neun aus: „Sebastian (Vettel) wird wegrennen mit dem Pokal, da habe ich kaum einen Zweifel“, sagte er. (das Ergebnis der Qualifikation: Formel 1: Ergebnisse und Gesamtwertung)