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Formel 1 Das Böse in ihm

19.09.2009 ·  Immer wieder Verdächtigungen und Affären: Sie prägen das Wirken Flavio Briatores in der Formel 1. Und manchem schwant nach seinem Rauswurf wegen des Crashgates von Singapur: Er kommt wieder - weil er zu viel weiß.

Von Anno Hecker
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Auch beim Abstieg von der Bühne macht Flavio Briatore eine große Szene. Eben noch hat er geschworen, Opfer eines „geistig labilen“ Piloten zu sein. Verleumdet, hintergangen von einem Jungen, dem er doch die große Chance geboten hatte. „Alles falsch“, rief Briatore, entrüstet, aufgebracht, in gebrochenem Englisch Journalisten zu, als kaum noch jemand an seine Unschuld glaubte. „Ich wollte doch nur Leistung von ihm.“ Seit Mittwoch weiß die Welt, dass wohl alles stimmt, was Nelson Piquet Jr. mit Brief und Siegel berichtet hat. Briatore, Teamchef des Formel-1-Rennstalls Renault, und sein Chefingenieur Pat Symonds haben zusammen mit ihrem Piloten den großen Preis von Singapur manipuliert. Haben einen Unfall, einen Crash auf Befehl, so geschickt inszeniert, dass Fernando Alonso im zweiten Renault 2008 der erste, so dringend benötigte Sieg gelang. Typisch Briatore.

Der überraschende Erfolg vor einem Jahr war nichts als eine Show. Wie das vorläufige Finale des spektakulärsten Skandals der jüngeren Formel-1-Geschichte am Donnerstag: „Ich musste das Team retten“, erklärte der Italiener zu seiner Demission als Boss des Rennstalls vor der Sportgerichts-Verhandlung am Montag, „das war meine Pflicht.“

Edler Förderer, Opfer, Lügner und nun Märtyrer, vier Rollen versuchte Briatore innerhalb von sieben Tagen. Die überzeugendste hat ihm der Konzern aus Frankreich verpasst; mit der Erklärung, den Betrug nicht länger bestreiten zu wollen: Briatore ist der Bösewicht. So hat er sich allerdings alle zwei Wochen sonntags nachmittags gerne der Welt präsentiert: mit einer getönten Brille, blinkenden Goldkettchen, weit geöffnetem Hemd, mit seiner rauchigen Stimme und vernichtenden Kommentaren: „Das Problem unseres Autos liegt nicht vorne oder hinten, sondern in der Mitte. Und da sitzt bekanntlich der Fahrer.“

Abziehbild eines Mannes aus dem Milieu

Man fühlte sich bestens unterhalten in der sonst so polierten Welt der Formel 1. Weil Briatore neben den gestriegelten, nach medialer Aufmerksamkeit gierenden Vorstandsvorsitzenden der Weltkonzerne wirkte wie das Abziehbild eines Mannes aus dem Milieu, ungeschminkt, rücksichtslos. Er betrieb ein Spiel mit doppeltem Boden. Die für Zuschauer unterhaltsame Show, Briatores Wandel zwischen den Welten getunter Boliden und aufgemotzter Models war nicht etwa Ausdruck einer ungezügelten Lebensfreude. Sie diente ihm zur Konstruktion seines Systems, bildete den Unterbau für eine zwei Jahrzehnte währende Abzocke.

Briatore, ist das nicht der Womanizer schlechthin, der letzte Playboy? Vielleicht. Aber kaum jemand weiß, wie weit seine Lust an Beziehungen zu den Schönsten wirklich reicht. Wenn er müde und abgespannt im Fahrerlager auftauchte, dachte man an durchzechte Nächte in seiner Nobeldisko „Billionaire“ auf Sardinien, dem angeblich teuersten Tanzschuppen Europas. Dabei kam Briatore nicht selten direkt aus seinem Londoner Büro, wo er unermüdlich an seinem Netzwerk zu den Mächtigsten arbeitete.

Wie kein anderer in der Formel 1 verknüpfte er dabei den Jetset mit seinem Geschäft, nutzte Privates für Berufliches. Die Schönheiten an seiner Seite brachten ihn dorthin, wo kein anderer Teamchef landete: „Im Sportteil war ich oft. Auf die Titelseiten hat mich meine Freundin gebracht.“ Zehn Jahre später tauchen zu seiner Hochzeit im Frühsommer 2008 mit der Laufsteg-Schönheit Elisabetta Gregoraci Größen aus Sport, Wirtschaft und Politik auf. Neben Größen aus dem Fußball und der Formel 1 geben Italiens Premierminister Silvio Berlusconi, Spaniens ehemaliger Regierungschef José Maria Aznar und der Stahlmilliardär Lakshmi Mittal Briatore die Ehre. Seine Eminenz Kardinal Paul Joseph Jean Poupard spendet den Segen. Höchste Weihen für den „Supercafone“, Italiens „Superrüpel“.

Insgesamt viereinhalb Jahre Haft

Und kein schlechtes Ergebnis angesichts der Vita. Vor der Veröffentlichung des Betruges von Singapur sind schon andere Bomben in seinem Leben geplatzt. Ein dubioser Bauunternehmer, für den der Landvermesser Briatore arbeitete, flog Ende der siebziger Jahre mit seinem Auto in die Luft. 1993 explodierte ein Sprengsatz in der Nähe seines Hauses in London. Die Polizei sprach von einem Irrtum der IRA. Briatore von „ziemlichem Unsinn, der immer wieder verbreitet wird“. Pech hat der Piemonteser allerdings mit dem Glücksspiel. Im Zuge einer Ermittlung gegen organisierte Falschspieler wird er in zwei Verfahren der Vermittlung reicher Zocker verdächtigt. Das Urteil ist hart: insgesamt viereinhalb Jahre Haft. Doch es kommt zu spät. Briatore sitzt nicht, er flieht auf die Jungferninseln. Eine Amnestie macht den Weg frei zurück in die Heimat und in die Formel 1.

Über das Strickwaren-Unternehmen Benetton, Besitzer des gleichnamigen Rennstalls, kommt Briatore in die Formel 1. Die „Petrolheads“, die „Benzinköpfe“, aufgewachsen mit Motoröl unter den Fingernägeln, mokieren sich über den Neuen, der von der Technik nichts versteht. Bis sie merken, dass es Briatore ernst meint mit seinen Sprüchen: „Die Formel 1 ist kein Hobby für mich und auch kein Sport, das ist ein Geschäft.“ Seine Skrupellosigkeit und die Nähe zum Chefmanager Bernie Ecclestone sind der Schlüssel für den Aufstieg. Der Brite rät ihm 1991, einen gewissen Michael Schumacher gleich nach dessen ersten Auftritt aus den Klauen von Eddie Jordan herauszupressen. Dafür setzt Briatore seinen Piloten Roberto Moreno, ohne mit der Wimper zu zucken, vor die Tür. Morenos Karriere in der Formel 1 ist beendet, Briatores beginnt.

Eine Reihe an Skandalen

Aber Verdächtigungen und Affären führen wie ein roter Faden über einen unaufgeklärten Transfer von McLaren-Daten 2007 bis hin zum Crash auf Befehl von Singapur. 1994, im ersten WM-Jahr, entdeckt der Internationale Automobil-Verband (Fia) die Software für die inzwischen verbotene Traktionskontrolle in Computern von Benetton. Nur den Einsatz kann der Verband nicht beweisen. Beim Rennen in Silverstone übersieht Michael Schumacher angeblich die Schwarze Flagge zum Zeichen seiner Disqualifikation. Briatore, heißt es, hatte ihm geraten, den Wink zu ignorieren. In Spa wird das Auto für illegal erklärt, weil die Bodenplatte nach dem Sieg des Rheinländers nicht die vorgeschriebene Dicke hat. Beim Finale in Adelaide rollt Schumacher nach einem leichten Unfall in die Bahn von Damon Hill. Der Brite kracht in den Benetton und verliert den WM-Titel an den Deutschen.

Später taucht ein anonymer Brief auf, in dem behauptet wird, Briatore habe Schumacher aufgefordert, Hill abzuschießen. Fahrer und Teamchef bestreiten diese Version einhellig. Zum Zwist kommt es, weil Briatore selbst Schumacher hinters Licht führen will. Manager Willi Weber findet heraus, dass der zweite Benetton-Pilot Riccardo Patrese entgegen einer Vereinbarung mehr Geld verdient hat. Damit ist der Vertrag hinfällig. Schumacher kann 1996 zu Ferrari wechseln. Briatore aber bleibt bei seinem Spiel. Von Alexander Wurz über Jarno Trulli, Jenson Button, Giancarlo Fisichella bis hin zu Nelson Piquet Jr. reicht die Liste der Fahrer, die sich von ihrem Teamchef absichtlich benachteiligt und verraten fühlen oder fühlten. „Er war mein Henker“, sagte Piquet Jr., bevor er Briatore mit seinen Aussagen vor der Fia mit sich riss ins Abseits.

Viele schweigen längst wieder - Angst spielt dabei eine Rolle

Die anderen schweigen längst wieder. Angst spielt dabei eine Rolle. Sie wissen, dass Briatores Einfluss als Manager von Piloten, selbst als ehemaliger Teamchef von Renault, als Motoren-Dealer für andere Rennserien, zu stark ist, um einen Kampf zu überstehen. Fast bewundernd stellten junge Rennfahrer fest, dass ihr Mentor bei ihrer Einstellung mitunter mit sich selbst verhandelte. Renaults Angestellte aus Paris hatten in England, wo das Auto gebaut wird, jedenfalls nichts zu sagen. Schon vor Jahren warnte ein ehemaliger Fahrer vor allzu großem Interesse an Details über Briatores System: „Ich hätte Dokumente“, behauptete er gegenüber dieser Zeitung: „Aber wenn Sie die veröffentlichen, dann fliegt ihnen eine Eisenplatte auf den Kopf.“

Ob Briatore zuschlägt? Kaum vorstellbar. Eine seiner Verflossenen, das Model Naomi Campbell, berichtete zwar von Ohrfeigen. Und die „Bild“-Zeitung schrieb einst, Roberto Moreno sei nicht nur viel Geld geboten, sondern auch Schläge auf die Knie angedroht worden, falls er nicht Platz machen werde für Schumacher. Aber der Beteiligte lacht nur am Telefon in den Vereinigten Staaten: „Nein, das stimmt nicht“, sagte Moreno am Mittwoch auf Anfrage, „Briatore hat zwar meine Karriere in der Formel 1 vernichtet, aber er hat mir nie gedroht, nur geraten, ich sollte erzählen, dass ich wegen einer Beinverletzung nicht starten könnte.“ Es gibt keinen einzigen veröffentlichten Beweis für mafiose Lösungen Briatores zur Einschüchterung potentieller Gegner. Allerdings einige, die belegen, welches Bedrohungspotential Briatore im Fahrerlager ausstrahlte. „Er ist ein obszöner Mensch, der Piloten bedroht“, wird der frühere Rennfahrer Jean Alesi zitiert.

Ein Comeback droht

Mit Ecclestone teilt Briatore eine Vorliebe für das Führerprinzip. Vielleicht war es also kein Zufall, dass ein Kameramann im Fahrerlager die unheimlichste Figur des Zirkus beim Hitlergruß filmte. Briatore bestritt später im Büro seines Motorhomes erst wortgewaltig, den rechten Arm überhaupt gehoben zu haben. Ein Blick auf den Monitor stärkte das Erinnerungsvermögen. Briatore sprang auf, öffnete die Tür zu einem Nebenraum, in dem seine Steuermänner Alonso und Giancarlo Fisichella Karten spielten: „Schaut euch die Jungs an“, brüllte er und zeigte auf die Gesandten des Fernsehteams, „they are dead.“

So weit ist es nicht gekommen. Briatore entschuldigte sich öffentlich für den „deutschen Gruß“. Der Film wurde bislang nicht gesendet. Nur ein Foto erschien in der „Bild“-Zeitung. Renault, Staatskonzern aus dem Land stolzer Widerstandskämpfer, rührte sich nicht. Die mutigen Fernsehjournalisten empfinden heute noch das „mulmige Gefühl“ beim Auftritt Briatores. Sie ahnen, was die Formel-1-Reporterin der französischen Sportzeitung „L'Equipe“, Anne Guintini, vermutet: „Flavio weiß zu viel. Der kommt wieder.“

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Jahrgang 1964, Sportredakteur.

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