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Formel 1 Bei Heidfeld hat es gefunkt

18.07.2008 ·  Wer nur mal kurz reinhört in den Funkverkehr zwischen Pilot und Team, kommt sich vor wie in der Fahrschule. Es wird gewarnt, beruhigt, gelobt und gefordert. Und geschrien: „Achte auf die weiße Linie, achte auf die weiße Linie, achte auf die weiße Linie.“

Von Anno Hecker, Hockenheim
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Beschwingt betritt Nick Heidfeld in diesen Tagen das Fahrerlager am Hockenheimring. Er lächelt wieder. Spricht von guten Anzeichen für eine Wende. Acht Rennen fuhr der Formel-1-Pilot von BMW-Sauber seinem Teamkollegen Robert Kubica mehr oder weniger hinterher, verlor mit dem Vertrauen in den Boliden seinen Führungsanspruch im dritten Top-Team. Seit dem Grand Prix in Silverstone scheint der Rheinländer, als Fünfter der Fahrerwertung bislang mit Abstand erfolgreichster deutscher Pilot 2008, wieder im Rennen: Erstmals wieder auf Augenhöhe mit Kubica im Qualifikationstraining und dann im schwierigen Grand Prix als fehlerfreier Zweiter dem ausgerutschten Polen weit voraus.

„Ein brillantes Solo“, riefen Experten, worauf Heidfeld abwehrend die Hände hob: Auch das Team hat ihn in die Überholspur geleitet. In England mit einer wichtigen Entscheidung: „Danke, Jungs, das wichtigste war heute, neue Reifen beim ersten Stopp zu nehmen“, brüllte Heidfeld nach der Zieldurchfahrt in sein Bordmikrofon. „Danke dafür!“ Nämlich für eine präzise und kluge Kommunikation zwischen Kommando-Stand und Cockpit bei Tempo 250. Über die drahtlose Verbindung kam er in die Gänge: Bei Heidfeld hat es gefunkt.

„Heute geht ohne Funkverkehr gar nichts mehr“

Ein Ferngespräch mit dem Mann auf dem Mond? Kein Problem. Aber reden Sie mal mit einem Formel-1-Fahrer bei Höchstgeschwindigkeit, selbst wenn seine Umlaufbahn nur einen Katzensprung vom Sender entfernt ist. Es knarzt und knackt. Funkschatten verstümmeln ganze Sätze zu Wortfetzen. Und so spricht man nur das Nötigste, Buchstabenkombinationen, die sich wie Codierungen lesen: „Nick in, new tyres, Diff. P4, Rpm P5, Frontwing two clicks.“ (Nick kommt rein, neue Reifen, Differential Position vier, Drehzahlen Position 5, Frontflügel um zwei Klicks verstellen.)

Der Fahrer dreht an zwei der rund 15 Knöpfe auf dem Lenkrad, um das Differential zu verstellen, ein Mechaniker verändert die Stellung des Frontflügels. Mit neuen Pneus und gut gefülltem Tank rast Heidfeld wieder zurück auf die Piste. Damals, in den Dreißigern, erfand Mercedes-Rennleiter Alfred Neubauer die Boxentafeln, mit denen er seine Solisten und Egoisten hinter dem Lenkrad informieren und vor allem dirigieren konnte. „Heute geht ohne Funkverkehr gar nichts mehr“, sagt Toyota-Pilot Timo Glock, „da wird richtig diskutiert.“

„Reifen halten oder wechseln?“ - „Hängt vom Wetter ab“

Der Informationsfluss kann über Sieg oder Niederlage entscheiden. In Silverstone hörte sich das bei BMW während der 23. Runde übersetzt so an: „Reifen halten oder wechseln?“, fragte Renningenieur Giampaolo Dall'Ara. Antwort Heidfeld: „Hängt vom Wetter ab, eure Entscheidung.“ Funkstille. Dann der Befehl an die Boxencrew: „60 Sekunden bis Nick kommt. Alle vier Reifen wechseln, Benzin, Frontflügel plus zwei Klicks.“ Auf frischen Intermediate-Reifen für feuchte Strecken kehrte Heidfeld zurück, während Ferrari ohne Reifenwechsel schwer ins Trudeln kam.

Denn der Regen nahm zu. Heidfeld schwante Ungemach. Doch Giampalo hielt ihn bei Laune: „Regen wird in Kürze aufhören. Halt das Auto auf der Strecke.“ Heidfeld hielt Kurs: Zweiter! Die Funk-Fernsteuerung in der Formel 1 besteht aus zwei Sendern und Empfängern. Ein Knopfdruck, und der Fahrer hat das Wort.

Gute Informationen dienen der gemeinsamen Sache

Auch wenn nicht jeder deshalb was zu sagen hat. Aber gute Informationen dienen der gemeinsamen Sache. BMW diskutierte mit Heidfeld und Kubica bis sechs Kurven vor der Boxeneinfahrt zum ersten Stopp über die Reifenwahl. Die Regeneinschätzung der Piloten bestimmte die gewinnbringende Entscheidung. Erst die Kombination von Pilot und Team garantiert die Chance auf den Durchblick: „Lewis, wir wischen dir beim Stopp das Visier von innen mit einer Spezialflüssigkeit ab. Mach die Augen zu“, riet die Stimme aus dem Off dem McLaren-Mann Hamilton. Der Brite hatte, leicht benebelt vom beschlagenen Visier, dann freie Sicht bis ins Ziel - mit 69 Sekunden Vorsprung vor der Konkurrenz.

Wer nur mal kurz reinhört in den Funkverkehr, kommt sich wie in der Fahrschule vor, wenn die Kommandozentrale zu ihrem Piloten spricht wie der geduldige Fahrlehrer zum orientierungslosen Schüler: „Achte auf die weiße Linie, achte auf die weiße Linie, achte auf die weiße Linie.“ Ein Rad auf dieser Grenze bei der Ausfahrt aus der Box garantiert leider keine Punkte fürs Konto, sondern eher einen Strafbefehl, der Millionen Euro kosten kann: nämlich eine Durchfahrt durch die Boxengasse bei Tempo 80, während die Gegner draußen auf der Piste vorbeischießen. Wenn diese fürsorgliche Betreuung fehlt, können selbst die Piloten wie Hamilton und Nico Rosberg (Williams) in Kanada mal eine rote Ampel übersehen. Den Schrottplatz überzog eine Funkstille.

Abhörmanöver und getürkte Funksprüche

Es wird gewarnt, beruhigt, gelobt und gefordert. Und geschrien. Wenn auch selten. Meistens meckern manche Fahrer so lautstark und unflätig, dass sie nachher für jeden Funkschatten dankbar gewesen wären. Etwa der impulsive Franzose Jean Alesi, der seine Sauber-Crew einst in Monaco wutentbrannt aufforderte, auf der Zielgeraden Aufstellung zu nehmen, damit er sie überfahren könne. Oder Juan-Pablo Montoya, der seine Williams-Führung in Frankreich heftigst beleidigte, weil er sich gegenüber Ralf Schumacher benachteiligt fühlte. Solche Sätze soll man in Protokollen finden, falls sie denn noch existieren.

Es gab aber Zeiten, in denen Teams die Konkurrenz bis aufs Komma abhörten und wortwörtlich abschrieben, um Strategiestrukturen zu erkennen. Ferrari und McLaren haben sich nach Angaben von ehemaligen Piloten gegenseitig bespitzelt. Laut McLarens Teamchef Ron Dennis wurde Mika Häkkinen 1998 sogar mit einem getürkten Funkspruch an die Box beordert. Der Hinweis deckt sich mit der Aussage eines Funkexperten in der Formel 1 gegenüber dieser Zeitung. Er berichtete von einem üblen Trick: Boxenkommandos seien aufgezeichnet und im nächsten Rennen so geschickt gesendet worden, dass der angefunkte Pilot zur Verblüffung seines Teams vor der Box auftauchte. Inzwischen soll nur noch der Internationale Automobil-Verband mithören können. Er will so das Verbot der Teamorder kontrollieren. Missverständnisse aber werden nie zu verhindern sein: Williams an Montoya: „Juan, there is a deer on the track“ (Juan, da ist ein Reh auf der Piste). Montoya: „A what?“, „A deer, you know, a horse with hornes!“ (Ein Pferd mit Hörnern!). Montoya: „Oh dear.“

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Jahrgang 1964, Sportredakteur.

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