29.01.2008 · Während Ferrari und McLaren mit hohem Tempo auf die neue Formel-1-Saison zurasen, läuft den Bayern die Zeit davon. Der neue BMW-Rennwagen von Nick Heidfeld ist zu langsam: „Wir haben Untersteuern und Übersteuern, und von beidem zu viel.“
Von Hermann Renner, ValenciaViel fehlte nicht, und die Formel 1 hätte in der vergangenen Woche in Valencia ihren ersten Grand Prix fahren können. Im Fahrerlager parkten fast 80 Sattelschlepper. Auf den Tribünen johlten 38.000 Zuschauer, wann immer Fernando Alonso oder sein Renault die Nase aus der Garage streckte. Alonsos ehemaliges Team McLaren wurde mit Pfiffen und spanischen Schimpfwörtern bedacht.
Von den elf Formel-1-Teams fehlte nur SuperAguri. Erst der Blick in den Kalender verriet: Die Szene traf sich zu Testfahrten. Das erste Aufeinandertreffen der neuen Formel-1-Modelle lässt bei aller Vorsicht einen Schluss zu: Die Weltmeisterschaft 2008 wird wieder ein Duell zwischen Ferrari und McLaren-Mercedes.
Ferrari „klar besser als sein Vorgänger“
Ferrari stand dort, wo sonst nur die Verlierer stehen. Ganz am Ende der Boxengasse des Circuito Ricardo Tormo von Valencia. Die Rangliste der Rundenzeiten zeigte ein umgekehrtes Bild. Die Scuderia hatte den besten Start in den Testwinter, auch wenn die absolute Bestzeit an McLaren-Neuzugang Heikki Kovalainen ging. Die roten Autos sind schnell auf eine Runde, schnell über die Distanz, standfest, und die Fahrer scheinen die Rundenzeiten fast mühelos aus dem Ärmel zu schütteln. Felipe Massa strahlte über sein Teddybär-Gesicht: „Das Auto fühlt sich gut an, klar besser als sein Vorgänger.“
Valencia war für Ferrari bisher immer eine sogenannte „Angststrecke“. Das alte Auto bockt in den langsamen Kurven, und die gibt es auf dem 4005 Meter langen Kurs 20 Kilometer außerhalb des Stadtzentrums im Überangebot. „Der F2008 ist im Vergleich zum Vorjahr stärker in langsamen Kurven, und er scheint seine Qualitäten in schnellen nicht eingebüßt zu haben“, sagt Massa. Dem Brasilianer, der 2007 als erster der vier Titelkandidaten aus dem WM-Kampf ausgeschieden war, bedeutete das Abspulen von Kilometern mehr als Bestzeiten. „Ich habe den Titel verloren, weil ich zu oft ausgefallen bin. In den vergangenen Jahren wurde die Vorbereitung immer durch Defekte gestört. Kaum war ein Problem gelöst, trat das nächste auf. Diesmal läuft alles viel reibungsloser.“
Rosberg musste sich zügeln
Standfestigkeit ist ein Muss, wenn man gegen McLaren-Mercedes gewinnen will. Die Boliden aus England kamen 2007 ohne einen technisch bedingten Ausfall durch die Saison, und sie scheinen diese Qualität in dieses Jahr hinübergerettet zu haben. Die zwei neuen McLaren MP4-23 liefen bislang 6909 Kilometer ohne ein Problem. Der Vergleich der Rundenzeiten mit dem großen Gegner verrät, dass man sich in den Disziplinen näher gekommen ist, in denen man im vergangenen Jahr Schwächen zeigte. Ferrari kann in der ersten fliegenden Runde mit McLaren mithalten, dafür verliert McLaren im Dauerlauf nicht mehr so viel auf den großen Rivalen. Im Formel-1-Jargon heißt eine Simulation über 15 oder mehr Runden „Longrun“. „Und da lagen wir am letzten Testtag“, erklärte Mercedes-Sportchef Norbert Haug fröhlich, „mit Ferrari praktisch gleichauf.“
Während sich an der Spitze das gewohnte Bild zeigt, ist die Hackordnung dahinter ins Rutschen geraten. Williams fährt mit einer schnörkellosen Neukonstruktion auf der Überholspur. Nico Rosberg musste sich zügeln, nicht zu begeistert zu wirken. „Das neue Auto kann alles besser als das alte. Wenn ich einrechne, dass ich meine Rundenzeiten mit einem technischen Problem gefahren bin, das mich echt gebremst hat, sieht es im Augenblick sehr positiv aus.“ Bis zum nächsten Test, verspricht Technikchef Sam Michael, seien die Unzulänglichkeiten am Bremssystem gelöst.
Die Köpfe rauchen
Dass BMW bei den nächsten Probefahrten am kommenden Wochenende in Barcelona auch Entwarnung geben kann, glaubt nicht einmal Nick Heidfeld. Der WM-Fünfte des Vorjahres bemüht sich, positiv zu denken: „Unsere Ingenieure versichern mir, dass sie die Ursachen für unsere Balanceprobleme kennen, und dass wir sie bis zum Saisonstart gelöst haben.“ In Hinwil und München rauchen die Köpfe. Der neue BMW ist zu langsam. „Wir haben Untersteuern und Übersteuern, und von beidem zu viel“, präzisiert Heidfeld.
Die Uhr bis zum Saisonauftakt am 16. März in Australien tickt bei jenen (gefühlt) schneller, die jetzt nachbessern müssen. Internen Quellen zufolge ist das BMW-Problem mechanischer Natur. Was Technikchef Willy Rampf bei der Präsentation des neuen Autos indirekt bestätigte: „Die Windkanalversuche und Simulationsprogramme sind mittlerweile so präzise, dass man einen gravierenden aerodynamischen Fehler bereits vor dem ersten Fahrversuch ausschließen kann.“
Toyota muss nachsitzen
Dass es Toyota noch schlechter geht, ist für Heidfeld kein Trost. Er wird aber auch nicht nervös, wenn er hört, wie gut es bei Williams läuft. „Selbst wenn alle anderen in Schwierigkeiten stecken würden, wäre ich mit unserer Situation nicht glücklich.“Heidfeld ist dennoch guter Hoffnung, dass er sein Saisonziel nicht korrigieren muss. Auf seiner Agenda und der von BMW steht der erste Sieg. Timo Glock wollte regelmäßig in die Punkte fahren. Das wird wohl ein Wunschtraum bleiben, zumindest für die ersten Rennen.
Toyota muss im Windkanal nachsitzen. Das Auto untersteuert. Die Ingenieure haben die Gründe dafür in der Aerodynamik eingekreist. Es sei ein völlig neues Konzept, und das müsse man erst verstehen. „Unser Problem zu lösen könnte zeitintensiver sein als die Hausaufgaben, die BMW noch vor sich hat“, sagt Glock. Doch im gleichen Atemzug ließ der 25 Jahre alte Odenwälder Kampfgeist erkennen: „Mein Ziel ist es jetzt, das Auto Schritt für Schritt dorthin zu bringen, wo wir es eigentlich haben wollten.“ Das hat schon mal einer gesagt: Glocks Vorgänger Ralf Schumacher – vor drei Jahren.