Home
http://www.faz.net/-gu4-14c52
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Formel 1 Aus Brawn wird Mercedes GP

16.11.2009 ·  Die Daimler AG hat den Formel-1-Rennstall Brawn übernommen - und tritt in der kommenden Saison erstmals seit 1955 als Rennstallbesitzer auf. Im „Mercedes Grand Prix“ dürfte dann auch Nico Rosberg an den Start gehen - die Zukunft von Weltmeister Jenson Button ist dagegen ungewiss.

Von Anno Hecker
Artikel Bilder (6) Lesermeinungen (6)

Die Silberpfeile sind zurück. Seit 1998 war wieder von den berühmten Boliden der dreißiger und fünfziger Jahre die Rede in der Formel 1. Aber das Einzige, was die Renner aus Stuttgart, abgesehen von einem Mercedes-Motor, mit den modernen Flitzern aus Woking gemein hatten, war die Lackierung des McLaren. Wer an der Oberfläche kratzte, stieß auf ein bisweilen arrogantes englisches Team, das mit den Geldern aus dem Schwabenland bestens über die Runden kam, die engagierten, stets zu loyalen Deutschen aber schön auf Abstand hielt. Das Thema ist abgehakt, die McLaren-Ära für Mercedes fast passé. Am Montag kündigte Dieter Zetsche, Vorstandsvorsitzender der Daimler AG, in einer Telefonkonferenz den neuen Weg an, die Fahrt mit Vollgas zurück in die Zukunft: „Mercedes geht 2010 mit einem eigenen Team ins Rennen.“

54 Jahre nach dem Rückzug als Werksteam aus der Formel 1 sind die Schwaben wieder voll verantwortlich im Rennen. Dabei hat die Wirtschaftskrise und die Erfolglosigkeit der Konkurrenz eine entscheidende Rolle gespielt. Sonst hätte die Daimler AG kein, wie es am Montag im Hause Mercedes hieß, „Schnäppchen“ gemacht. Ein Jahr nach dem Rückzug von Honda hat der Konzern 75,1 Prozent des Nachfolgers Brawn GP übernommen. Den Aufkauf teilten sich die Stuttgarter (45,1 Prozent) und der größte Einzelaktionär des Unternehmens, der arabische Finanzinvestor Aabar (30 Prozent). Über die Kaufsumme schwiegen sich die Beteiligten aus.

„Das Team wird von uns kontrolliert“

In jedem Fall muss Daimler nicht noch einmal in die Tasche greifen. Denn McLaren wird im Zuge der Auflösung einer 14-jährigen Partnerschaft in den nächsten zwei Jahren die Beteiligung von Daimler (40 Prozent) zurückkaufen. „Wenn man den Kaufpreis abzieht, dann bleiben sogar noch zwei Drittel übrig“, sagte ein Insider. Für ihre Investition bekommen die Schwaben nicht nur eine exzellent von Honda eingerichtete Fabrik, sondern auch ein hervorragendes Team. Brawn GP gewann mit Jenson Button den Fahrertitel sowie die Markenwertung in der abgelaufenen Saison.

Deshalb werden die neuen Herren nicht viel ändern. Teamchef Ross Brawn und Geschäftsführer Nick Fry bleiben in ihren Positionen. Allerdings wird Mercedes' Sportchef Norbert Haug als Vorstand das Sagen haben. „Das Team“, erklärte Zetsche, „wird von uns kontrolliert.“ Und in Szene gesetzt: „Mercedes Grand Prix“, so der neue Name der Formel 1, knüpft ganz bewusst an die Ära der Silberpfeile an. Schon der erste am Montag vorgestellte Entwurf mit einer silbernen Hülle und dem Stern auf der Nase ließ keinen Zweifel. Wer das nicht so sehen will, wird es im Erfolgsfall hören. Für den Konstrukteur spielt man in Zukunft die deutsche Hymne.

Buttons Flirt mit McLaren scheint ein Ablenkungsmanäver zu sein

Vielleicht kommt es 2010 sogar zu einem doppelten Vorspiel aus dem zweiten Satz von Haydns Kaiserquartett. Denn auch der Mensch in der Maschine kriegt bei der Siegerehrung sein nationales Ständchen. Zwar wollten weder Zetsche noch Haug am Montag über die Fahrer ihres Teams sprechen. Der in Wiesbaden geborene Nico Rosberg aber ist gesetzt. Seine Präsentation hob man sich auf. „Reicht denn die eine gute Nachricht vorerst nicht?“, fragte Haug amüsiert. Der frühere Journalist wird zwar bei den Verhandlungen um die Besetzung des zweiten Autos nicht anwesend sein, doch im entscheidenden Moment nicken.

Erster Kandidat ist weiter Weltmeister Jenson Button. Der Engländer forderte zuletzt eine massive Gehaltserhöhung. Button hatte nach dem Rückzug von Honda auf die Hälfte seines vertraglich vereinbarten Gehaltes für dieses Jahr (angeblich acht Millionen Dollar) verzichtet. Sein am Wochenende kolportierter Flirt mit McLaren scheint aber nur ein Ablenkungsmanöver. Button wird sich kaum neben seinen Landsmann Lewis Hamilton, den Weltmeister von 2008, setzen. Ein anderes, vielversprechendes Cockpit aber steht nicht zur Verfügung.

McLaren bekommt weiter Mercedes-Motoren

Obwohl McLaren in den Plänen von Mercedes keine Rolle mehr spielt, bleibt man sich verbunden. Äußerlich vorerst noch über die Silberpfeil-Lackierung. Ansonsten mit einer vertraglichen Vereinbarung. Die Engländer bekommen zwar keinen Entwicklungszuschuss mehr und auch nicht die Hälfte der Fahrergehälter. Aber sie haben sich bis 2015 das Recht auf den Antrieb der Deutschen gesichert. „Wir werden bei McLaren als Motorenpartner auftreten“, erklärte Zetsche. Als Dienstleister mit freundlichen Absichten, wie Haug am Montag betonte.

So harmonisch, wie es im Rennteam zuletzt zuging, verlief die Zusammenarbeit mit Ron Dennis, dem Leiter der McLaren-Gruppe, allerdings nicht. Der Brite zog sich den Unmut von Stuttgart zu, weil er darauf bestand, weiterhin Sport- und Supersportwagen zu bauen. „Das war gegen unsere Interessen“, sagte Zetsche. Außerdem lenkte die Fehde von Dennis mit Max Mosley, dem Präsidenten des Internationalen Automobil-Verbandes (Fia), ständig vom Sport ab. Mehr noch. Dennis' Verhalten in der Spionage-Affäre um Daten von Ferrari gab den Ausschlag für die Verurteilung des Teams 2007 zu einer aberwitzigen Strafe. Statt der erhofften Werbung bekam das Team eine Rechnung: 100 Millionen Dollar.

Kritik vom Betriebsrat

Letztlich hat der Kampf um das liebe Geld den Umstieg erst möglich gemacht. Haug rechnete dem Vorstand vor, dass man das Engagement optisch ausweiten könne, ohne vom Sparkonzept abzuweichen. Mehr für weniger? Daran glaubt Daimlers Betriebsratschef Erich Klemm nicht: „Wir haben kein Verständnis dafür, dass wieder ein neues Formel-1­Abenteuer beginnt.“ Das aber erscheint gut kalkuliert: Mercedes besitzt ein Team, verdient an der Vermietung seiner Motoren - in diesem Jahr zwei Millionen Euro pro Vertrag - und gibt doch nach eigener Darstellung weniger aus als in den Zeiten des ungeliebten Anhängsels von McLaren.

Das Budget für Mercedes Grand Prix soll im nächsten Jahr - geschätzt - 65 Millionen Euro umfassen. Das wäre ein Drittel verglichen mit dem Einsatz noch vor zwei Jahren. Da sich die Formel-1-Rennställe zu weiteren Einschränkungen entschlossen haben, ist mit der Fortsetzung des Trends zu rechnen. „Wir glauben, dass wir viel für den Einsatz bekommen“, sagte Zetsche. Vorerst zwei weitere Silberstreifen, die goldene Zeiten ankündigen sollen.

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen

Jahrgang 1964, Sportredakteur.

Jüngste Beiträge

Stürmer in der Defensive

Von Michael Ashelm

Die Anforderungen an Angreifer haben sich stark verändert – und damit die Auswahl des Personals. Der Stürmertyp, der vorne wartet, bis er bedient wird, stirbt aus. Mehr 1

Ergebnisse, Tabellen und Statistik